Interpellation Weder-Basel
481
85.962 Interpellation Weder-Basel Radioaktivität und Waldsterben Dépérissement des forêts et radioactivité
Wortlaut der Interpellation vom 17. Dezember 1985
Aufgrund neuer, eindrücklicher Forschungsresultate und -erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Radioak- tivität und Waldsterben sowie aufgrund ihrer Bestätigung durch eine Vielzahl in- und ausländischer Wissenschafter frage ich den Bundesrat an:
Ob er heute bereit ist, die Frage des Wirkungszusammen- hanges von Radioaktivität und Waldsterben gründlich unter- suchen zu lassen;
Ob er bereit ist, anstelle der zweifellos befangenen Kom- mission für die Sicherheit von Atomanlagen (KSA) und der Kommission zur Ueberwachung der Radioaktivität (KUER) ein völlig unabhängiges und neutrales Gremium in- und ausländischer Experten und Wissenschafter zusammenzu- stellen und ihnen die notwendigen Forschungsaufträge zu erteilen;
Ob er bereit ist, die Arbeit des erwähnten Gremiums von Vertretern der Umweltschutzorganisationen einerseits und der KSA und KUER andererseits begleiten zu lassen;
Ob er heute schon in der Lage ist, seine weiteren Schritte bekanntzugeben, wenn sich die Vermutung des Zusammen- hanges zwischen Radioaktivität und Waldsterben zur Gewissheit verdichtet.
Texte de l'interpellation du 17 décembre 1985
Au vu de récentes recherches et des connaissances qui en découlent sur les liens entre la radioactivité et le mal des forêts, connaissances d'ailleurs confirmées par nombre de scientifiques suisses et étrangers, je demande au Conseil fédéral ce qui suit:
Est-il prêt aujourd'hui à ordonner une étude approfondie sur les rapports entre la radioactivité et le mal des forêts? 2. Est-il disposé, vu le caractère manifestement tendancieux de la Commission de sécurité des installations atomiques et la Commission de surveillance de la radioactivité, à charger un organe totalement neutre et indépendant, composé d'ex- perts suisses et étrangers, de faire les recherches néces- saires?
Est-il d'accord de faire suivre les travaux de cet organe par des représentants des organisations de protection de l'environnement comme des comissions susmentionnées? 4. Est-il déjà à même de faire connaître ce qu'il compte entreprendre si le lien présumé entre la radioactivité et le mal des forêts se confirme?
Mitunterzeichner - Cosignataires: Braunschweig, Brélaz, Fankhauser, Fetz, Grendelmeier, Günter, Gurtner, Jaeger, Longet, Maeder-Appenzell, Müller-Bachs, Oehen, Robert, Ruffy, Steffen (15)
Schriftliche Begründung - Développement par écrit
Trotz Dementis eines Teils der Bundesbehörden, des schweizerischen Nuklear-Forschungsestablishments sowie der am Geschäft interessierten Elektro-Wirtschaft verdichtet sich der Verdacht immer mehr zur Gewissheit, dass nicht nur die Abgase der Motorfahrzeuge, der Oelheizungen und gewisser Industrie-Betriebe, sondern auch radioaktive Edel- gase aus Atomanlagen zum Waldsterben beitragen. Dass diese Frage noch immer offen ist, jedoch dringend einer Klärung bedarf, geht eindrücklich auch aus der 1985 ver- fassten Studie des Bundesamtes für Umweltschutz Nr. 43 hervor.
In der Umgebung von sieben Atomanlagen haben die Wis- senschafter Prof. Dr. G. Reichelt und R. Kollert (BRD) minu- tiös geforscht und eindrückliche Erkenntnisse gewonnen.
Sie weisen auf signifikant erhöhte Waldschäden hin. Gleich- wohl behaupten die Erwähnten nicht, dass Radioaktivität alleine für die Waldschäden verantwortlich ist. Sie weisen im Gegenteil auf ein ganzes Ursachenbündel hin, das für den Waldtod in Frage kommt. Besonders die aus Atomkraftwer- ken austretenden radioaktiven Schadstoffe (z. B. Edelgase) könnten mit den anderen Luftschadstoffen in Wechselwir- kung treten und zu Folgeprodukten führen, die sehr pflan- zenschädigend sind und daher erheblich zum Waldsterben beitragen.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Reichelt/Kollert werden soeben durch eine im Dezember 1985 veröffent- lichte Studie des renommierten und in seiner Haltung eher als konservativ bekannten Tübinger Pflanzenbiologen, Prof. Dr. H. Metzner, bestätigt. Er hegt schlimme Befürchtungen, warnt eindringlich vor einer Verharmlosung respektive Ver- drängung des Problems «Waldsterben und Radioaktivität» und attestiert den Arbeiten der Herren Reichelt/Kollert hohe Wissenschaftlichkeit.
Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 19. Februar 1986
Rapport écrit du Conseil fédéral du 19 février 1986
In seiner Antwort (Ziffer 2) zur Interpellation Weder vom 12. März 1984 (Atomkraftwerke. Mitverursacher des Wald- sterbens?) stellte der Bundesrat schon am 18. Mai 1984 u. a. in Aussicht:
«Als kurzfristig durchführbare Abklärung erachtet der Bun- desrat eine eingehendere Erhebung der Schäden in den Wäldern der Nahumgebung der Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen und Beznau/Eidgenössisches Institut für Reaktor- forschung und einen Vergleich mit entsprechenden Refe- renzwaldflächen als sinnvoll.»
Flüge für flächendeckende Infrarotaufnahmen der Wald- schäden um Kernkraftwerke waren schon für 1984 geplant, konnten aber wegen ungünstiger Flugbedingungen nur in beschränktem Ausmass (ein einziger auswertbarer Flug- streifen beim Kernkraftwerk Beznau) durchgeführt werden. Aus diesem Streifen sind im September 1984 drei flächen- mässig beschränkte Ausschnitte ausgewertet und veröffent- licht worden. Diese drei Ausschnitte genügen nicht, um einen Vergleich mit den publizierten Karten (Reichelt/Juni 85 und WWF/Stahel/Hünerwadel/Juni 84) vorzunehmen. In der Interpellation verweist Nationalrat Weder auf «neue, eindrückliche Forschungsresultate und -erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Wald- sterben».
Mit den neuen Forschungsergebnissen sind u. a. die Arbei- ten der Prof. Dr. H. Metzner und Dr. G. Reichelt sowie das Buch «Waldschäden durch Radioaktivität?» von G. Reichelt und R. Kollert gemeint. Darin sind auch Schweizer Kernan- lagen erwähnt, und es wird festgestellt, dass ein Zusammen- hang zwischen Radioaktivitätsabgaben von Kernanlagen und dem Waldsterben nicht ausgeschlossen werden könne. Zu diesen Arbeiten haben sich Fachstellen, vor allem aus Deutschland, geäussert und den zur Frage stehenden Zusammenhang zwischen Waldschäden und Kernkraftwerk- Abgaben eindeutig verneint. Es liegen folgende Stellung- nahmen vor:
Prof. Schöpfer, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (24./25. April 85)
Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, München (6.11.85)
Fachverband für Strahlenschutz (12.11.85)
Kernforschungszentrum Karlsruhe (19.11.85)
Zu den vom Interpellanten vorgebrachten Fragen wird wie folgt Stellung genommen:
61-N
Interpellation Morf
482
N 21 mars 1986
sen. Gründliche Abklärungen haben gezeigt, dass die bisher verwendeten Schnellverfahren mit Stichprobenerhebungen nicht genügen, um Fragen nach einem Zusammenhang Kernkraftwerk-Abgaben-Waldschäden zu beantworten. Für das Gebiet Kernkraftwerk Beznau/Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung (6000 ha) und Umgebung Kernkraft- werk Mühleberg liegen aus dem Sommer 1985 Infrarotluft- bilder vor, die nach den Methoden der Eidgenössischen Anstalt für das forstliche Versuchswesen die Erstellung von Waldschadenskarten ermöglichen. Derartige Karten bilden die Grundlagen für alle weiteren Abklärungen und Folgerun- gen. Die Vorarbeiten für die Auswertung für das Gebiet Kernkraftwerk Beznau/Eidgenössisches Institut für Reaktor- forschung sind angelaufen. Die Durchführung des Projektes wird ca. 400 000 Franken kosten und ist zeitaufwendig.
2./3. Der Bundesrat hat keinerlei Veranlassung, an der Arbeit der Eidgenössischen Kommission zur Ueberwachung der Radioaktivität und der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen zu zweifeln, deren Stellungnahmen, insbeson- dere hinsichtlich Waldschäden durch Radioaktivitätsabga- ben aus Kernanlagen, er als völlig unabhängig betrachtet. Er hat somit keine Veranlassung, andere Stellen mit diesen Aufgaben zu betrauen.
Sollte es sich als notwendig erweisen, die detaillierten Untersuchungen und Auswertungen auch auf die Umge- bung des Kernkraftwerks Mühleberg auszudehnen, würde der Bundesrat nicht zögern, einen entsprechenden Auftrag zu erteilen.
Die Oeffentlichkeit wird zu gegebener Zeit über die Ergeb- nisse der Waldschadenskartierung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen orientiert.
Im übrigen verweisen wir auf unsere Antwort vom 9. Dezem- ber 1985 zur Einfachen Anfrage Oehen (85.685, vom 19. Sep- tember 1985). In dieser wurde - im Gegensatz zu der in der Begründung des Interpellanten geäusserten Auffassung - u. a. ausgeführt, dass die im Heft Nr. 43 der Schriftenreihe «Umweltschutz» erschienene Literaturstudie vom Bundes- amt für Umweltschutz nicht verfasst, sondern lediglich publiziert wurde, ohne sie zu werten.
Abstimmung - Vote
Für den Antrag auf Diskussion Dagegen
49 Stimmen 65 Stimmen
85.986 Interpellation Morf Gesundheitsunterricht Education sanitaire
Wortlaut der Interpellation vom 19. Dezember 1985
Im Bericht über die pädagogischen Rekrutenprüfungen 1984 - den Räten eben erst zugestellt - erachten nur ein Viertel der Rekruten, die in der Schule Gesundheitsunter- richt hatten, diesen Unterricht als genügend (S. 60/61). Da eine umfassende Gesundheitserziehung sowohl in volks- wirtschaftlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf den Umweltschutz positive Auswirkungen haben könnte, haben die Verfasser des Berichtes sicher recht, wenn sie das Umfrage-Ergebnis als bedauerlich bezeichnen und sofortige Massnahmen fordern.
Welche Massnahmen wird der Bundesrat nun treffen, um die Aufmerksamkeit der Kantone vermehrt auf diese unbe- friedigende Situation und auf mögliche Vorkehren zu deren Besserung zu lenken?
Texte de l'interpellation du 19 décembre 1985
Selon le rapport sur les examens pédagogiques des recrues en 1984, que les Chambres viennent seulement de recevoir, seule une recrue sur quatre estime que l'enseignement dispensé à l'école sur les questions de santé est satisfaisant. Comme une éducation sanitaire aussi complète que possi- ble pourrait avoir des effets heureux tant du point de vue économique que dans l'optique de la protection de l'envi- ronnement, les auteurs du rapport ont certainement raison de dire que le résultat de l'enquête est regrettable et de demander qu'on prenne immédiatement des mesures.
Quelles mesures le Conseil fédéral va-t-il arrêter afin d'attirer - davantage que jusqu'ici - l'attention des cantons sur cette situation peu satisfaisante et sur les moyens d'y remédier?
Mitunterzeichner - Cosignataires: Bäumlin, Borel, Bratschi, Braunschweig, Christinat, Eggenberg-Thun, Frei-Romans- horn, Gloor, Grendelmeier, Hari, Künzi, Leuenberger-Solo- thurn, Ogi, Robbiani, Rüttimann, Stamm Judith, Stappung, Wagner, Weber-Arbon (19)
Schriftliche Begründung - Développement par écrit Die Urheberin verzichtet auf eine Begründung und wünscht eine schriftliche Antwort.
Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 3. März 1986
Rapport écrit du Conseil fédéral du 3 mars 1986
Wenn von den an den pädagogischen Rekrutenprüfungen befragten Rekruten nur gut die Hälfte Gesundheitsunterricht an den Schulen genoss und von denen gar nur ein Viertel diesen Unterricht als genügend qualifiziert, so ist dies in der Tat bedauerlich und sicher nicht im Sinne des Bundesrates. Allerdings ist Gesundheitserziehung bzw. Gesundheitsför- derung als permanente Aufgabe zu verstehen, die - soll sie Erfolg haben - nicht auf · die relativ kurze Schulzeit beschränkt bleiben darf. Bereits im Vorschulalter, also vor allem im Elternhaus, ist damit zu beginnen, prägen doch bekanntlich die ersten Lebenserfahrungen und -gewohnhei- ten zu einem guten Teil das spätere Verhalten. Während der Nachschulperiode schliesslich, in der Regel der längste Lebensabschnitt, gewinnen Massnahmen der Gesundheits- information an Bedeutung.
Nicht nur volkswirtschaftliche Ueberlegungen könnten - wie die Interpellation bemerkt - zugunsten der Gesundheitser- ziehung sprechen, sondern auch individuelle: der Wert guter Gesundheit wird bekanntlich oft erst dann entdeckt, wenn er verlorengegangen ist.
Gesundheits- und Erziehungswesen fallen weitgehend in den Zuständigkeitsbereich der Kantone. Diese zeichnen für den Gesundheitsunterricht an den Schulen verantwortlich. Als Folge der föderalistischen Strukturen sind die diesbe- züglichen Möglichkeiten und Modelle jedoch sehr verschie- den und zum Teil erst im Ansatz vorhanden.
Auf Bundesebene ist auf den Beginn dieses Jahres eine Sektion Prävention im Bundesamt für Gesundheitswesen gebildet worden. Diese hat u. a. zur Aufgabe, in Zusammen- arbeit mit den Kantonen gesamtschweizerische Präven- tionsmassnahmen, so nicht zuletzt Gesundheitserziehung an den Schulen, zu propagieren und zu koordinieren. Andere gesundheitserzieherische Massnahmen stehen wegen ihrer Dringlichkeit kurz vor der Realisation (AIDS- Broschüre); weitere befinden sich im Planungsstadium. So wird die Bildung eines Präventivfonds geprüft, der u. a. gesamtschweizerische Gesundheitskampagnen zu finanzie- ren hätte. Die Gesundheitserziehung muss allerdings durch flankierende Massnahmen insbesondere auf der Angebots- seite (Gesetze, Preisgestaltung, Werbung usw.) von im Uebermass genossenen schädlichen Genussmitteln (Alko- hol, Tabak) unterstützt werden, soll die Volksgesundheit langfristig verbessert werden.
Abstimmung - Vote
Für den Antrag auf Diskussion Dagegen
53 Stimmen 41 Stimmen
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Interpellation Weder-Basel Radioaktivität und Waldsterben Interpellation Weder-Basel Dépérissement des forêts et radioactivité
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In
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Jahr
1986
Année
Anno
Band
I
Volume
Volume
Session
Frühjahrssession
Session
Session de printemps
Sessione
Sessione primaverile
Rat
Nationalrat
Conseil
Conseil national
Consiglio
Consiglio nazionale
Sitzung
17
Séance
Seduta
Geschäftsnummer 85.962
Numéro d'objet
Numero dell'oggetto
Datum
21.03.1986 - 08:00
Date
Data
Seite
481-482
Page
Pagina
Ref. No
20 014 239
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