Negative protocol note on no plea agreement; appeal inadmissible

BGH 2 StR 31/10Bgh / II. Strafkammer31.03.2010Dismissed

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The BGH held that the Sitzungsprotokoll's mandatory negative note that no plea agreement occurred has full probative force under §§ 273(1a) sentence 3, 274 StPO and can be attacked only by proof of falsification. Because no plea agreement was established, the defendant's post-judgment waiver of appeal was valid and no warning under § 35a sentence 3 StPO was required. The LG's dismissal of the revision under § 346 Abs. 1 StPO was therefore set aside, but the revision itself and the request for reinstatement were dismissed as inadmissible. The defendant bears the costs.

Omnilex-Regeste

§§ 273 Abs. 1a S. 3, 274 S. 1, S. 2 StPO; negative protocol entry that no plea agreement under § 257c StPO took place; evidentiary force and appellate consequences. The mandatory record note regarding the absence of a Verständigung is a formal requirement of the transcript and enjoys full probative force as to its content. It may be impeached only by proof of falsification of the protocol. If the transcript states that no Verständigung occurred, a subsequent assertion to the contrary cannot defeat the validity of a post-verdict waiver of appeal; in that event no warning under § 35a S. 3 StPO is required. The trial court's power to dismiss an appeal under § 346 Abs. 1 StPO is confined to lateness or formal defects in the filing, not to cases in which the admissibility turns on the effectiveness of a waiver.

Gesamter Gesetzestext

BGH — 2 StR 31/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-03-31

Aktenzeichen: 2 StR 31/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 257c StPO, § 273 Abs 1a S 3 StPO, § 274 S 1 StPO, § 274 S 2 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Hanau, 19. November 2009, Az: 3800 Js 4663/09, Urteil

Spruchkörper: 2. Strafsenat

Titelzeile

Strafverfahren: Vermerk im Sitzungsprotokoll über das Fehlen einer Verständigung

Tenor

  1. Der Beschluss des Landgerichts Hanau vom 7. Dezember 2009, mit dem die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Hanau vom 19. November 2009 als unzulässig verworfen worden ist, wird aufgehoben.

  2. Die Revision des Angeklagten gegen das vorbezeichnete Urteil und sein Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Revisionseinlegungsfrist werden als unzulässig verworfen.

  3. Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Eine Verständigung gemäß § 257 c StPO hat ausweislich des Protokolls nicht stattgefunden; der Angeklagte hat im Anschluss an die Urteilsverkündung nach Rücksprache mit seinem Verteidiger auf Rechtsmittel verzichtet. Seine verspätet eingelegte Revision hat das Landgericht - unabhängig von dem erklärten Rechtsmittelverzicht - gemäß § 346 Abs. 1 StPO als unzulässig verworfen. Mit der Behauptung, eine Verständigung habe stattgefunden, weshalb ein Rechtsmittelverzicht ausgeschlossen sei und eine Belehrung nach § 35 a Satz 3 StPO hätte erfolgen müssen, beantragt der Angeklagte Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Revisionseinlegungsfrist. Dieser Antrag und seine Revision bleiben ohne Erfolg.

2 Der Generalbundesanwalt hat in seiner Antragsschrift vom 26. Januar 2010 zutreffend ausgeführt:

"1. Die Revision ist unzulässig, weil der in der Sitzung vom 19. November 2009 erklärte Rechtsmittelverzicht ungeachtet der Regelung in § 302 Abs. 1 Satz 2 StPO wirksam ist. Soweit der Verteidiger behauptet, dem Urteil liege eine Verständigung zu Grunde, ist nämlich durch die Sitzungsniederschrift vom 19. November 2009 das Gegenteil bewiesen (GA II Bl. 439). Der nach § 273 Abs. 1a Satz 3 StPO zwingend vorgeschriebene Vermerk, dass eine Verständigung (nach § 257c StPO) nicht stattgefunden hat, gehört zu den wesentlichen Förmlichkeiten im Sinne des § 274 Satz 1 StPO (zur revisionsrechtlichen Bedeutung des 'Negativattests' gemäß § 273 Abs. 1a Satz 3 StPO siehe den Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD für ein Gesetz zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren - BT-Drs. 16/11736; S. 13); gegen den diese Förmlichkeiten betreffenden Inhalt des Protokolls ist nur der Nachweis der Fälschung zulässig (§ 274 Satz 2 StPO), der hier nicht angetreten, geschweige denn geführt ist. Mangels Verständigung war eine Belehrung nach § 35a Satz 3 StPO nicht veranlasst.

  1. Aus der Unzulässigkeit der Revision folgt die Unzulässigkeit des Antrags auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Frist zu ihrer Einlegung.

  2. Auf den gemäß § 346 Abs. 2 Satz 1 StPO zulässigen Antrag des Angeklagten auf Entscheidung des Revisionsgerichts unterliegt der Beschluss des Landgerichts vom 7. Dezember 2009 der Aufhebung, da die Kammer zur Verwerfung der Revision als unzulässig nicht befugt war. Ist die Revision bereits wegen eines Rechtsmittelverzichts unzulässig, ist kein Raum für eine Entscheidung des Tatrichters, denn dessen Verwerfungskompetenz ist gemäß § 346 Abs. 1 StPO auf Fälle beschränkt, in denen die Unzulässigkeit ausschließlich daraus folgt, dass die Revision verspätet eingelegt ist oder die Revisionsanträge nicht rechtzeitig oder nicht in der in § 345 Abs. 2 StPO vorgeschriebenen Form angebracht worden sind; dies gilt wegen der vorrangig zu prüfenden Frage, ob der Rechtsmittelverzicht wirksam ist, auch dann, wenn der Verzicht mit einem solchen Form- oder Fristmangel zusammentrifft (Kuckein in KK-StPO 6. Aufl. § 346 Rn. 3 mit zahlreichen Nachweisen zur Rechtsprechung)."

3 Dem schließt sich der Senat an.

| Rissing-van Saan | | Herr RiBGH Maatz ist in den Ruhestand getreten und deshalb an der Unterschrift gehindert. | | Fischer | | --- | --- | --- | --- | --- | | | | Rissing-van Saan | | | | | Roggenbuck | | Appl | |

Schlagwörter

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Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the trial record's negative note that no plea agreement occurred can be rebutted

Extrahierter Entscheid

The protocol's mandatory note that no plea agreement occurred is part of the formal record and can be challenged only by proof of falsification; no such proof was offered.

Extrahierte Begründung

Under § 273(1a) sentence 3 StPO, the negative attestation is a required formal element. Pursuant to § 274 sentences 1 and 2 StPO, the protocol proves its content unless falsification is shown.

Kernrechtsfrage

Whether the defendant's post-verdict waiver of appeal was valid

Extrahierter Entscheid

The waiver was effective because the record disproved any plea agreement, and no special warning under § 35a sentence 3 StPO was required.

Extrahierte Begründung

Without a plea agreement, the statutory conditions for excluding a waiver did not apply; the record controlled.

Kernrechtsfrage

Whether the trial court could dismiss the appeal as inadmissible under § 346 StPO

Extrahierter Entscheid

No. The trial court lacked authority to dismiss the appeal because the decisive issue was the validity of the waiver, not merely lateness or defective form of the appeal filing.

Extrahierte Begründung

§ 346(1) StPO allows dismissal only where inadmissibility follows solely from late filing or formal defects; if a waiver is at issue, the appellate court must decide.

Kernrechtsfrage

Whether reinstatement into the prior state should be granted

Extrahierter Entscheid

The reinstatement request was inadmissible because the appeal itself was inadmissible.

Extrahierte Begründung

An inadmissible appeal cannot be salvaged by reinstatement against the missed appeal deadline.

Kernrechtsfrage

Whether the appeal against the LG Hanau judgment should be examined by the BGH

Extrahierter Entscheid

The appeal itself was inadmissible due to the valid waiver of appeal.

Extrahierte Begründung

The defendant had waived appellate rights after sentencing; therefore no admissible revision remained.

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