Unsubstantiated constitutional complaint inadmissible in social welfare interim relief

BVerfG 1 BvR 20/10Bverfg / 1. Senat 2. Kammer01.02.2010Inadmissible

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Constitutional Court refused to accept a constitutional complaint against social-court interim decisions in a basic-income case. It held that the complaint was insufficiently substantiated because it failed to engage with the lower courts' detailed reasoning on deductible business expenses, doubts about neediness, and the absence of an urgency ground. The Court further clarified that Art. 19(4) GG does not prevent an interim decision based on the burden of proof when the applicant prevents clarification of the facts by failing to comply with required cooperation measures.

Omnilex-Regeste

§ 93a Abs. 2, § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG; Art. 19 Abs. 4 GG; social constitutional complaint in interim relief proceedings: a constitutional complaint is inadmissible if it does not engage substantively with the challenged decisions and the factual and legal reasoning on which they rest. In proceedings for interim legal protection, the court may decide on the basis of the allocation of the burden of proof where the facts remain unclarifiable after exhaustion of ex officio measures because the applicant has failed to perform necessary cooperation duties. Art. 19 Abs. 4 GG does not require a decision in favor of the claimant by way of a balancing of consequences in such circumstances (consid. 2).

Gesamter Gesetzestext

BVerfG — 1 BvR 20/10, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2010-02-01

Aktenzeichen: 1 BvR 20/10

ECLI: ECLI:DE:BVerfG:2010:rk20100201.1bvr002010

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: Art 19 Abs 4 GG, § 3 Abs 3 AlgIIV 2008, § 23 Abs 1 S 2 BVerfGG, § 92 BVerfGG, § 103 SGG

Vorinstanz: vorgehend Landessozialgericht Mecklenburg-Vorpommern, 8. Dezember 2009, Az: L 10 B 374/09, Beschlussvorgehend Landessozialgericht Mecklenburg-Vorpommern, 19. November 2009, Az: L 10 B 374/09, Beschlussvorgehend SG Schwerin, 31. Juli 2009, Az: S 10 ER 144/09 AS, Beschluss

Spruchkörper: 1. Senat 2. Kammer

Titelzeile

Nichtannahme einer mangels hinreichender Substantiierung unzulässigen Verfassungsbeschwerde - Mitwirkungspflichten des Antragstellers bei der Sachverhaltsaufklärung in sozialgerichtlichem Eilverfahren auf Leistung von Grundsicherung für Arbeitssuchende

Gründe

1 Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen. Annahmegründe im Sinne von § 93a Abs. 2 BVerfGG liegen nicht vor. Die Verfassungsbeschwerde hat weder grundsätzliche Bedeutung noch ist ihre Annahme zur Durchsetzung der als verletzt gerügten Grundrechte angezeigt, denn sie ist unzulässig.

2 Die Beschwerdebegründung genügt den Anforderungen von § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG nicht. Die Beschwerdeführerin setzt sich mit den ausführlichen Erwägungen zur Sach- und Rechtslage in den angefochtenen Entscheidungen nicht auseinander. So ignoriert sie, dass das Landessozialgericht durchaus die einschlägige Vorschrift des § 3 Arbeitslosengeld II/Sozialgeld-Verordnung (Alg II-V) geprüft und im Einzelnen begründet hat, welche von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Betriebsausgaben vor allem nach § 3 Abs. 3 Alg II-V zu berücksichtigen sind und welche nicht. Soweit die Beschwerdeführerin darüber hinaus unter Bezugnahme auf den Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 12. Mai 2005 - 1 BvR 569/05 - (BVerfGK 5, 237 ff.) sinngemäß eine Verletzung von Art. 19 Abs. 4 GG geltend macht, setzt sie sich weder mit den von den Gerichten im Einzelnen aufgeführten Umständen, die Zweifel an ihrer Hilfebedürftigkeit begründen, auseinander noch geht sie auf die die Entscheidungen gleichermaßen tragende Erwägung ein, dass es wegen bereiter finanzieller Mittel gegenwärtig auch an einem Anordnungsgrund fehle. Im Übrigen kann der genannten Entscheidung nicht entnommen werden, dass es mit Art. 19 Abs. 4 GG unvereinbar ist, in einem sozialgerichtlichen einstweiligen Rechtsschutzverfahren eine Entscheidung auf der Grundlage der Verteilung der materiellen Beweislast (Feststellungslast) zu treffen, wie sie hier in der Sache erfolgt ist, wenn sich der Sachverhalt nach Ausschöpfung der vom Gericht zur Aufklärung des Sachverhalts für notwendig erachteten Ermittlungsmaßnahmen von Amts wegen gegenwärtig nicht aufklären lässt, insbesondere weil der Antragsteller die ihm vom Gericht aufgegebenen notwendigen Mitwirkungshandlungen nicht erfüllt. Das Bundesverfassungsgericht hat auch nicht entschieden, dass abweichend von der gesetzlichen Verteilung der Beweis- bzw. Feststellungslast (vgl. insoweit BSG, Urteil vom 19. Februar 2009 - B 4 AS 10/08 R -, juris, Rn. 21) aufgrund einer Folgenabwägung eine Entscheidung zugunsten desjenigen, der Leistungen nach dem SGB II beansprucht, erfolgen muss, wenn dieser wegen nicht ausreichender Mitwirkung die Aufklärung des Sachverhalts verhindert und an seiner Hilfebedürftigkeit deshalb begründete Zweifel bestehen.

3 Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

4 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Schlagwörter

constitutional complaintsubstantiationadmissibilityinterim reliefneedinesscooperation dutiesburden of proofsocial welfare

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the constitutional complaint should be accepted for decision under § 93a BVerfGG

Extrahierter Entscheid

The complaint was not to be accepted because it showed neither fundamental constitutional importance nor a need to enforce the alleged rights; it was inadmissible.

Extrahierte Begründung

The complainant did not engage with the detailed reasoning of the challenged decisions and failed to address the findings on business expenses, doubts about neediness, and the lack of an urgency ground.

Kernrechtsfrage

Whether the complaint met the substantiation requirements of §§ 23(1) sentence 2 and 92 BVerfGG

Extrahierter Entscheid

The complaint did not satisfy the statutory substantiation requirements.

Extrahierte Begründung

It ignored the lower courts' assessment of the facts and law, including the application of § 3 AlgII-V and the courts' reasoning on the applicant's failure to cooperate in fact-finding.

Kernrechtsfrage

Whether Art. 19(4) GG required a merits decision in favor of the claimant despite incomplete fact-finding

Extrahierter Entscheid

No such constitutional requirement was recognized.

Extrahierte Begründung

The Court stated that Art. 19(4) GG does not preclude deciding an interim welfare case on the basis of the burden of proof when the facts cannot be clarified because the applicant failed to comply with necessary court-ordered cooperation measures.

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