Unexplained reduction of official counsel fees violates hearing rights

5P.438/2004Federal Supreme Court / Civil Division IIMay 20, 2005Granted

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Omnilex summary

The Federal Court allowed a constitutional complaint against a cantonal divorce appeal judgment insofar as the Thurgau Higher Court had reduced the official counsel’s fee without giving reasons. The court accepted the cantonal court’s admission that the reduction had not been explained and held that the fee award had to be annulled in full because the complaint procedure is ordinarily cassatory. No court fee was charged. The Canton of Thurgau was ordered to pay the complainant CHF 1,000 as party compensation for the federal proceedings.

Omnilex headnote

Art. 29 Abs. 2 BV; constitutional complaint against an unexplained reduction of an official counsel fee. The duty to give reasons requires that a court specify why it departs from the submitted fee note or reduces the claimed compensation; a mere flat-rate reduction without explanation is incompatible with the right to be heard. In constitutional complaint proceedings, the Federal Court acts, as a rule, only cassatorily and will not itself fix the remuneration in place of the cantonal authority (consid. 3). Where the complaint succeeds, no court fee is levied; the prevailing complainant is entitled to party compensation under Art. 159 Abs. 2 OG.

Full text

{T 0/2}
5P.438/2004 /ast

Urteil vom 20. Mai 2005
II. Zivilabteilung

Besetzung
Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterin Nordmann, Bundesrichterin Escher,
Gerichtsschreiber Gysel.

Parteien
X.________,
Beschwerdeführer,

gegen

Obergericht des Kantons Thurgau, Promenadenstrasse 12A, 8500 Frauenfeld.

Gegenstand
Art. 9 und 29 Abs. 2 und 3 BV sowie Art. 6 EMRK (Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes im Scheidungsprozess),

Staatsrechtliche Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 30. September 2004.

Sachverhalt:
A.
Mit Urteil vom 30. September 2004 hat das Obergericht des Kantons Thurgau die von B.-A.________ gegen das Scheidungsurteil der Kommission des Bezirksgerichts Bischofszell vom 25. April 2003 erhobene Berufung teilweise gutgeheissen und A.________ namentlich verpflichtet, an den persönlichen Unterhalt der Ehefrau Beiträge von monatlich Fr. 250.-- zu zahlen. Ausserdem wurde erkannt, dass der Offizialanwalt von B.-A.________, Rechtsanwalt lic. iur. X.________, für das Berufungsverfahren mit Fr. 1'200.-- entschädigt werde (Dispositiv-Ziffer 9).
B.
X.________ führt staatsrechtliche Beschwerde wegen Verletzung der Art. 9 und 29 Abs. 2 und 3 BV sowie von Art. 6 EMRK und verlangt, Dispositiv-Ziffer 9 des obergerichtlichen Urteils aufzuheben.

Das Obergericht beantragt, die Beschwerde teilweise gutzuheissen.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1.
Der Beschwerdeführer erklärt, dass er in der beim Obergericht eingereichten Honorarnote vom 30. September 2004 (einschliesslich Barauslagen von Fr. 163.20 und ohne Mehrwertsteuer) einen Betrag von Fr. 2'324.20 geltend gemacht habe. Indem die kantonale Instanz ihm eine Pauschalentschädigung von lediglich Fr. 1'200.-- zugesprochen habe, ohne die Reduktion zu begründen, habe sie den ihm auf Grund von Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 6 EMRK zustehenden Gehörsanspruch missachtet. Auch sei in willkürlicher Weise kantonales Recht übergangen worden, sehe doch § 14 der Verordnung des Thurgauer Obergerichts über den Anwaltstarif für Zivil- und Strafsachen vor, dass die Barauslagen zusätzlich zur Gebühr zu vergüten seien; entweder seien jene ganz ausser Acht geblieben, oder sie seien in willkürlicher Weise in der zugesprochenen Pauschale berücksichtigt worden. Im Übrigen stehe die Höhe der Entschädigung ausserhalb jedes vernünftigen Verhältnisses zum geleisteten Aufwand; die Entschädigung erscheine daher als willkürlich tief.

2.
In seiner Vernehmlassung anerkennt das Obergericht, dass die Beschwerde zum Teil begründet sei: Auf Grund eines Versehens sei versäumt worden, die Kürzung des Honorars zu begründen, womit die kantonale Instanz zu Recht eine Missachtung der sich aus Art. 29 Abs. 2 BV ergebenden Begründungspflicht einräumt. Ausserdem erklärt sich das Obergericht bereit, der Honorarnote des Beschwerdeführers unter Anwendung des üblichen Stundenansatzes zu folgen und ihm eine Entschädigung von insgesamt Fr. 2'284.55 zuzusprechen (12 ¼ Stunden zu Fr. 160.-- zuzüglich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
3.
Die staatsrechtliche Beschwerde ist grundsätzlich rein kassatorischer Natur. Eine Ausnahme liegt hier nicht vor (dazu BGE 130 I 258 E. 1.2 S. 261; 129 I 129 E. 1.2.1 S. 131 f. mit Hinweisen). Dass das Bundesgericht selbst das Honorar allenfalls in der vom Obergericht zugestandenen Höhe festsetzen würde, fällt daher von vornherein ausser Betracht. Der angefochtene Honorarentscheid ist daher nach dem Gesagten vollumfänglich aufzuheben. Bei diesem Ausgang ist keine Gerichtsgebühr zu erheben (Art. 156 Abs. 2 OG), der Kanton Thurgau jedoch zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung zu zahlen (Art. 159 Abs. 2 OG). Als im Sinne dieser Bestimmung notwendig erscheint ein Aufwand, der eine Entschädigung von (pauschal) Fr. 1'000.-- rechtfertigt.

Demnach erkennt das Bundesgericht:
1.
Die staatsrechtliche Beschwerde wird gutgeheissen und Dispositiv-Ziffer 9 des Urteils des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 30. September 2004 aufgehoben.
2.
Es wird keine Gerichtsgebühr erhoben.
3.
Der Kanton Thurgau wird verpflichtet, den Beschwerdeführer für seine Umtriebe im bundesgerichtlichen Verfahren mit Fr. 1'000.-- zu entschädigen.
4.
Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer und dem Obergericht des Kantons Thurgau schriftlich mitgeteilt.
Lausanne, 20. Mai 2005
Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Keywords

official counselright to be heardreasoned judgmentarbitrarinessconstitutional complaintparty compensationcourt costsdivorce proceedings

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether the unexplained reduction of the official counsel's fee violated the right to be heard and protection against arbitrariness.

Extracted holding

The cantonal court violated the complainant's right to be heard by failing to justify the reduction of the fee; the challenged fee decision had to be set aside.

Extracted reasoning

The cantonal court admitted in its response that it had omitted the reasons for reducing the fee. Since a constitutional complaint is generally cassatory only, the Federal Court could not itself set the fee and therefore annulled the fee award in full.

Key legal question

Whether a federal court fee should be charged in the constitutional complaint proceedings.

Extracted holding

No court fee was levied.

Extracted reasoning

Given the outcome of the complaint, no judicial fee was imposed under the applicable procedural rule.

Key legal question

Whether the complainant was entitled to party compensation for the federal proceedings.

Extracted holding

The Canton of Thurgau had to pay a flat party compensation of CHF 1,000 to the complainant.

Extracted reasoning

The Federal Court considered this amount necessary and appropriate for the proceedings.

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