§ 64 StGB takes priority over § 35 BtMG stay

BGH 2 StR 34/10Bgh / Criminal Chamber IIMar 10, 2010Partially Granted

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Omnilex summary

The Federal Court partly upheld the defendant’s revision. It held that the Regional Court had erred by failing to decide on placement in a treatment facility under § 64 StGB, because this measure must be considered before any execution-law stay under § 35 BtMG. The sentence itself was left untouched, but the rulings on stay of execution and crediting of inpatient treatment were set aside for clarification. The case was remanded to another criminal chamber for a new decision, including costs.

Omnilex headnote

§ 64 StGB; Vorrang der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt vor der Zurückstellung der Vollstreckung nach § 35 BtMG; die Strafkammer darf von einer Entscheidung über die Maßregel nicht deshalb absehen, weil eine Zurückstellung der Vollstreckung in Betracht kommt. Auch nach der Neufassung des § 64 StGB ist das Ermessen auszuüben und in den Urteilsgründen erkennbar zu machen; die Maßregelanordnung ist gegenüber vollstreckungsrechtlichen Maßnahmen vorrangig. Wird § 64 StGB übergangen, sind widersprechende Aussprüche über Zurückstellung und Anrechnung aufzuheben; der Strafausspruch kann bestehen bleiben, wenn ausgeschlossen werden kann, dass die Maßregel auf die Strafhöhe eingewirkt hätte (vgl. consid. 3-6).

Full text

BGH — 2 StR 34/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-03-10

Aktenzeichen: 2 StR 34/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 64 StGB vom 16.07.2007, § 35 BtMG, UnterbrSiG

Vorinstanz: vorgehend LG Wiesbaden, 21. Oktober 2009, Az: 3321 Js 30297/08 - 1 KLs, Urteil

Spruchkörper: 2. Strafsenat

Titelzeile

Entscheidung über Unterbringung in einer Entziehungsanstalt: Vorrang vor Zurückstellung der Strafvollstreckung für betäubungsmittelabhängige Täter

Tenor

  1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 21. Oktober 2009, soweit es ihn betrifft, mit den Feststellungen aufgehoben,

a) soweit eine Entscheidung über die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt unterblieben ist,

b) in den Aussprüchen über die Zustimmung zur Zurückstellung der Vollstreckung der Gesamtfreiheitsstrafe sowie die Anrechnung der stationären Behandlung des Angeklagten in der E.-W.-K. - Psychosomatische Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen - in H.

  1. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

  2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen "gemeinschaftlichen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis" unter Einbeziehung anderweit verhängter Strafen und Auflösung der dort gebildeten Gesamtstrafe zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Ferner hat es in der Urteilsformel die Zustimmung zur Zurückstellung der Vollstreckung dieser Strafe erteilt sowie die Anrechnung der stationären Behandlung des Angeklagten in einer psychosomatischen Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen angeordnet.

2 Hiergegen richtet sich die auf die Sachrüge sowie die unausgeführte Rüge der Verletzung formellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten. Sein Rechtsmittel hat in dem aus dem Beschlusstenor ersichtlichen Umfang Erfolg (§ 349 Abs. 4 StPO); im Übrigen ist es unbegründet im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO.

3 1. Als durchgreifend rechtsfehlerhaft erweist sich, dass das Landgericht keine Entscheidung über die Unterbringung des betäubungsmittelabhängigen Angeklagten in einer Entziehungsanstalt gemäß § 64 StGB getroffen hat. Die Zustimmung zur Zurückstellung der Vollstreckung der erkannten Strafe gemäß § 35 BtMG ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Denn die Unterbringung nach § 64 StGB geht dieser dem Vollstreckungsverfahren vorbehaltenen Maßnahme vor; von der Anordnung der Unterbringung darf daher nicht abgesehen werden, weil eine Entscheidung nach § 35 BtMG ins Auge gefasst ist (vgl. Senat, Beschl. v. 24. Juni 2009 - 2 StR 170/09; BGH StV 2008, 405, 406). Hieran hat sich durch die Neufassung des § 64 StGB durch das Gesetz zur Sicherung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und in einer Entziehungsanstalt vom 16. Juli 2007 (BGBl. I S. 1327) grundsätzlich nichts geändert (vgl. Fischer StGB 57. Aufl. § 64 Rdn. 26). Zwar ist die Maßregel nach der Neufassung der Vorschrift nicht mehr zwingend anzuordnen. Auch besteht im vorliegenden Fall die Besonderheit, dass der Angeklagte sich zur Zeit der tatrichterlichen Hauptverhandlung in stationärer Behandlung in einer psychosomatischen Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen befand, nachdem die Staatsanwaltschaft die Vollstreckung aus der einbezogenen Vorverurteilung zurückgestellt hatte. Das Gericht muss jedoch das ihm nunmehr in § 64 Satz 1 StGB eingeräumte Ermessen auch tatsächlich ausüben und dies in den Urteilsgründen kenntlich machen (vgl. BGH NStZ-RR 2008, 73 f.; 2009, 235; Beschl. v. 9. September 2008 - 3 StR 337/08). Daran fehlt es hier.

4 Dass nur der Angeklagte Revision eingelegt hat, hindert die Nachholung der Unterbringungsanordnung nicht (§ 358 Abs. 2 Satz 2 StPO; BGHSt 37, 5; BGH NStZ-RR 2008, 107). Er hat die Nichtanwendung des § 64 StGB durch das Tatgericht auch nicht vom Rechtsmittelangriff ausgenommen (vgl. BGHSt 38, 362 f.). Über die Maßregelanordnung ist daher unter Hinzuziehung eines Sachverständigen (§ 246 a Satz 2 StPO) neu zu entscheiden.

5 2. Der Senat kann ausschließen, dass der Tatrichter bei Anordnung der Unterbringung auf niedrigere Strafen erkannt hätte. Der Strafausspruch kann deshalb bestehen bleiben.

6 3. Der Senat hat die in die Urteilsformel aufgenommenen Entscheidungen des Tatrichters über die Zurückstellung der Strafvollstreckung (§ 35 Abs. 1, Abs. 3 Nr. 2 BtMG) und die Anrechnung seines Aufenthaltes in der E.-W.-K. auf die erkannte Gesamtfreiheitsstrafe (§ 36 Abs. 1 BtMG) zur Klarstellung aufgehoben, da diese in sachlogischem Widerspruch zu der vorrangig zu prüfenden Frage einer Unterbringung des Angeklagten in der Entziehungsanstalt gemäß § 64 StGB stehen.

Rissing-van SaanFischerRoggenbuck
Herr RiBGH Prof. Dr. Schmitt
ist wegen Urlaubs an der
Unterschrift gehindert.
CierniakRissing-van Saan

Keywords

treatment facilitynarcotics dependencystay of executionpriority of measuresrevisionsentencingremandcrediting inpatient treatmentdiscretion

Extracted by Omnilex

Key legal question

Whether the trial court had to decide on placement in a treatment facility under § 64 StGB despite a possible § 35 BtMG stay.

Extracted holding

Yes. § 64 StGB had priority and the court had to exercise and state its discretion; the existence of a possible stay under § 35 BtMG did not justify omitting the measure.

Extracted reasoning

The measure under § 64 StGB is a preventive measure determined in the judgment and precedes the execution-law stay under § 35 BtMG. After the 2007 amendment, § 64 is no longer mandatory, but the court must still actually consider and explain its discretion.

Key legal question

Whether the sentencing could remain unchanged if the § 64 StGB omission was corrected on remand.

Extracted holding

Yes. The court excluded that the trial judge would have imposed lower sentences if the treatment-order issue had been addressed.

Extracted reasoning

The error affected only the omitted measure, not the punishment assessment.

Key legal question

Whether the rulings on stay of execution under § 35 BtMG and credit for inpatient treatment under § 36 BtMG could stand alongside the unresolved § 64 StGB issue.

Extracted holding

No. Those rulings were annulled for clarification because they conflicted logically with the prior question of placement in a treatment facility.

Extracted reasoning

Once § 64 StGB must be considered first, execution-law decisions on stay and crediting cannot remain in the judgment form in the same way.

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