Sentencing in drug cases: no double use of intent

BGH 2 StR 645/10Bgh / IIe chambre pénale15 juin 2011Partially Granted

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Court of Justice partly upheld the defendant's revision against a Regional Court judgment for multiple drug offenses. It found that the sentencing court had improperly treated deliberate conduct as an aggravating factor and had also raised concerns by relying on the total drug quantity for individual sentences. The refusal to order a treatment measure under § 64 StGB likewise required reconsideration. The legal consequences and related findings were therefore set aside and the case remitted to a different criminal chamber for a new decision, including costs; the remainder of the revision was dismissed.

Regeste Omnilex

§ 46 Abs. 3 StGB; sentencing in drug cases and prohibition of double consideration of intent; § 64 StGB; when refusal of a measure must be reassessed. A defendant's deliberate commission of the offense may not be used again as an aggravating factor in sentencing. This applies with particular force where the statutory offense already incorporates the relevant wrongfulness structure or where motive is especially significant in mitigation. In drug cases, the handling quantity in the individual offense is the relevant sentencing datum; aggregation of all transactions may not automatically be treated as a decisive aggravating circumstance for each individual sentence. The refusal of a measure under § 64 StGB requires a concrete prognostic assessment; no general rule exists that drug dependence alone implies a serious risk of future offenses.

Texte intégral

BGH — 2 StR 645/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2011-06-15

Aktenzeichen: 2 StR 645/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 46 Abs 3 StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Limburg, 22. September 2010, Az: 3 Js 15437/09 - 5 KLs, Urteil

Spruchkörper: 2. Strafsenat

Titelzeile

Strafzumessung bei Betäubungsmitteldelikten: Verstoß gegen Doppelverwertungsverbot bei Vorwurf eines vorsätzlichen Handelns

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Limburg an der Lahn vom 22. September 2010 im Rechtsfolgenausspruch mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Die weitergehende Revision des Angeklagten wird als unbegründet verworfen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln in drei Fällen, unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in Tateinheit mit unerlaubtem Erwerb von Betäubungsmitteln in 16 Fällen und Beihilfe zum unerlaubten Erwerb von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit unerlaubtem Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in sechs Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Hiergegen richtet sich die auf die Sachrüge gestützte Revision des Angeklagten. Das Rechtsmittel hat Erfolg, soweit es den Rechtsfolgenausspruch betrifft. Im Übrigen ist es unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.

2 1. Das Landgericht hat dem Angeklagten in allen Fällen strafschärfend angelastet, dass es sich nicht um ein "Augenblicksversagen" gehandelt habe. In den Fällen 4. bis 19. hat es hinzugefügt, dass er sich erst "nach reiflicher Überlegung bewusst" zur Tatbegehung entschlossen habe. Dies lässt besorgen, dass das Landgericht dem Angeklagten entgegen § 46 Abs. 3 StGB bei der Strafbemessung vorgeworfen hat, er habe vorsätzlich gehandelt. Für die Fälle 1. bis 3. besteht dieses Bedenken, weil in Fällen des Betäubungsmittelerwerbs ausschließlich zum Eigenkonsum vor allem das Motiv erhebliche strafmildernde Bedeutung besitzt (vgl. BGHR BtMG § 29 Strafzumessung 11; BGH Beschluss vom 22. Oktober 1992 - 1 StR 694/92). In den Fällen 4. bis 25. wurde dem Angeklagten auch gewerbsmäßiges Handeln angelastet, so dass dort erst recht die Überlegung, der Angeklagte habe sich bewusst zur Tatbegehung entschlossen, keinen bestimmenden Strafschärfungsgrund bilden darf.

3 Im Übrigen ist es rechtlich bedenklich, dass das Landgericht bei der Bemessung der Einzelstrafen jeweils die Gesamtmenge des Betäubungsmittelumsatzes berücksichtigt hat. Zumindest in den Fällen des § 29a Abs. 1 Nr. 2 BtMG hat der Gesetzgeber der im Einzelfall gehandelten Betäubungsmittelmenge ein bestimmtes Unrechtsgewicht beigemessen. Vor diesem Hintergrund erscheint es fragwürdig, ob der Gesamtmenge von Betäubungsmitteln, mit denen der Angeklagte Straftaten begangen hat, bereits eine bestimmende Bedeutung bei der Strafzumessung im engeren Sinne zur Bestimmung der Einzelstrafen beigemessen werden kann.

4 2. Der Rechtsfolgenausspruch begegnet auch insoweit durchgreifenden Bedenken, als das Landgericht davon abgesehen hat, eine Maßregel nach § 64 StGB anzuordnen. Einen Erfahrungssatz des Inhalts, dass bei einem Drogenabhängigen grundsätzlich die Gefahr neuer erheblicher Straftaten besteht, gibt es allerdings nicht. Soweit zu erwarten wäre, dass der Angeklagte künftig Rauschgift nur zum Eigenkonsum erwirbt, könnte dies für sich genommen eine Unterbringungsanordnung nach § 64 StGB nicht rechtfertigen (vgl. BGH NStZ 1994, 280; StV 1996, 880). Da der Angeklagte aber bisher nicht sicher im Berufsleben Fuß gefasst hat*,* ist auch künftige Beschaffungskriminalität nicht fernliegend. Die Maßregelanordnung ist abhängig von der Entwicklung des Angeklagten. Insoweit hat das Landgericht zwar festgestellt, dass der Angeklagte in der Vergangenheit seinen Konsum reduzieren konnte und nach der vorläufigen Festnahme vom Amphetaminkonsum abgelassen hat, dies aber vor allem, weil auch seine Lieferanten verhaftet wurden. Den Haschischkonsum hat er trotzdem zunächst fortgesetzt. Danach war der Druck, den seine Freundin auf ihn ausgeübt hat, der Anlass für den anschließenden Verzicht auch auf Haschischkonsum. Ob es dabei sein Bewenden haben wird, ist angesichts der drohenden Strafvollstreckung und der beruflichen Situation des Angeklagten fraglich. Die Beteuerung des Angeklagten, nicht mehr mit Betäubungsmittelkonsum und -handel zu tun haben zu wollen, erscheint nicht als zuverlässiger Prognosegesichtspunkt.

Fischer Appl Berger

Krehl Eschelbach

Mots-clés

drug offensessentencingdouble countingintentquantitytreatment measureprognosisrevision

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the sentencing court violated the ban on double consideration by treating deliberate commission as an aggravating factor.

Solution extraite

Yes. A deliberate decision to offend may not be used as an aggravating circumstance under § 46(3) StGB; this concern applied all the more in the drug-offense counts.

Motifs extraits

The lower court expressly stressed that the acts were not an 'instant lapse' and, in several counts, that the defendant had decided after careful consideration. That risked punishing the defendant again for intent itself. In simple acquisition-for-personal-use cases, motive is especially relevant in mitigation; in the other counts, where commercial conduct was also alleged, conscious decision-making could not serve as a sentencing aggravator.

Question juridique clé

Whether the sentencing court could base individual sentences on the total quantity of drugs involved in all offenses.

Solution extraite

This is legally doubtful; the total quantity should not automatically be given determining weight for individual sentencing, especially where the legislature has already assigned the single-transaction quantity specific criminal significance.

Motifs extraits

At least for offenses under § 29a(1) no. 2 BtMG, the unlawful content is tied to the quantity handled in the individual case. The court therefore questioned whether the aggregate quantity of all transactions could be used as a decisive factor for each individual sentence.

Question juridique clé

Whether a measure of treatment under § 64 StGB should have been ordered.

Solution extraite

The refusal to order a measure raised serious concerns and had to be reconsidered on remand.

Motifs extraits

There is no general rule that drug dependence necessarily entails a risk of future serious offenses. But the defendant's unstable employment situation and the possibility of future acquisition crime made the prognosis open; his claimed abstinence was not a reliable basis, especially given the circumstances under which he had stopped consuming drugs.

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