Exhaustion of remedies required despite lack of direct judicial relief

BVerfG 2 BvR 1601/13Bverfg / 2. Senat 3. Kammer14 août 2013Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Constitutional Court did not admit a constitutional complaint challenging the transfer of a prisoner from JVA Tegel to JVA Heidering. It held that exhaustion of remedies under § 90(2) sentence 1 BVerfGG was still required even though the ordinary courts could not themselves set aside the legal basis of the transfer and could only contribute by referring the matter under Art. 100(1) GG. Resort to the ordinary courts was also not unreasonable under § 90(2) sentence 2 BVerfGG because they could grant interim relief and examine the constitutional issues. The related request for an interim injunction became moot.

Regeste Omnilex

§ 90 Abs. 2 S. 1, S. 2 BVerfGG; Rechtswegerschöpfung und Zumutbarkeit auch dann, wenn die Fachgerichte eine beanstandete Norm nicht selbst verwerfen können. Die vorrangige Befassung der Fachgerichte behält ihren Sinn, weil sie die behauptete Grundrechtsverletzung im Ausgangsverfahren prüfen, vorläufigen Rechtsschutz gewähren und bei negativer Beurteilung die Sache im Wege der konkreten Normenkontrolle vorlegen können. Die fehlende Normverwerfungskompetenz entbindet daher grundsätzlich nicht von der Rechtswegerschöpfung; Unzumutbarkeit kommt nur bei besonderen Umständen in Betracht (vgl. consid. 3 f.).

Texte intégral

BVerfG — 2 BvR 1601/13, Nichtannahmebeschluss

Entscheidungsdatum: 2013-08-14

Aktenzeichen: 2 BvR 1601/13

Dokumenttyp: Nichtannahmebeschluss

Normen: § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG, § 90 Abs 2 S 2 BVerfGG

Spruchkörper: 2. Senat 3. Kammer

Titelzeile

Nichtannahmebeschluss: Rechtswegerschöpfung gem § 90 Abs 2 S 1 BVerfGG auch dann geboten, wenn die Fachgerichte einer Grundrechtsverletzung mangels Normverwerfungskompetenz nicht unmittelbar abhelfen können - Rechtswegerschöpfung auch zumutbar, da Fachgerichte Eilrechtsschutz gewähren können

Gründe

1 Die mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung verbundene Verfassungsbeschwerde betrifft die Verlegung des Beschwerdeführers und weiterer Strafgefangener von der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin in die Justizvollzugsanstalt Heidering. Die Justizvollzugsanstalt Heidering wird auf der Grundlage eines Staatsvertrages zwischen den Ländern Berlin und Brandenburg vom Land Berlin in der brandenburgischen Gemeinde Großbeeren mit der Maßgabe betrieben, dass für die Anstalt das Vollzugsrecht des Landes Berlin gilt, soweit nicht Bundesrecht Anwendung findet (vgl. Gesetz zum Staatsvertrag zwischen dem Land Berlin und dem Land Brandenburg über die Errichtung und den Betrieb der Justizvollzugsanstalt Heidering vom 14. Dezember 2011, BerlGVBl 2011 S. 822; § 1 Abs. 1 des Staatsvertrages; zum Inkrafttreten des Staatsvertrages am 1. Februar 2012 s. Bekanntmachung vom 1. Februar 2012, BerlGVBl 2012, S. 53).

2 1. Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen, weil sie keine Aussicht auf Erfolg hat. Sie ist unzulässig, weil nicht ersichtlich ist, dass der Beschwerdeführer hinsichtlich seiner Verlegung den Rechtsweg erschöpft hätte.

3 Die Erschöpfung des Rechtswegs (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) ist nicht deshalb entbehrlich, weil die Einwände des Beschwerdeführers gegen seine Verlegung mittelbar die oben genannte gesetzliche Grundlage des Betriebs der Justizvollzugsanstalt betreffen. Die Obliegenheit, mit einem behaupteten Grundrechtsverstoß zunächst die Fachgerichte zu befassen, entfällt grundsätzlich auch dann nicht, wenn die Fachgerichte der gerügten Grundrechtsverletzung nicht selbst abhelfen können, sondern zur Beseitigung des gerügten Verfassungsverstoßes nur durch eine Vorlage zum Bundesverfassungsgericht gemäß Art. 100 Abs. 1 GG beitragen können, denn die vorrangige Befassung der Fachgerichte behält auch in einem solchen Fall ihren Sinn (vgl. BVerfGE 58, 81 <104 f.>; 72, 39 <43 ff.>; BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats 9. November 2009 - 1 BvR 2146/09 -, juris; Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 24. November 2009 - 1 BvR 213/08 -, juris). Besondere Umstände, die eine Abweichung von diesem Grundsatz rechtfertigen würden (vgl. BVerfGE 43, 291 <387>; 55, 154 <157>; 60, 360 <372> 65, 1 <38>; 102, 197 <208>), sind nicht ersichtlich. Insbesondere ist es dem Beschwerdeführer auch unter dem Gesichtspunkt effektiven Eilrechtschutzes nicht unzumutbar (§ 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG), sich zunächst an die Fachgerichte zu wenden. Dass den Fachgerichten die Kompetenz zur Verwerfung gesetzlicher Bestimmungen fehlt, hindert sie nicht, einem Rechtsschutzsuchenden - sofern die Voraussetzungen hierfür im Übrigen vorliegen - vorläufigen Rechtsschutz auch insoweit zu gewähren, als der gerügte Verfassungsverstoß in der Hauptsache nur durch eine verfassungsgerichtliche Entscheidung ausgeräumt werden kann (vgl. BVerfGE 86, 382 <389>; BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 5. September 2005 - 1 BvR 1781/05 -, EuGRZ 2005, S. 634 f. sowie zuletzt Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 15. Dezember 2011 - 2 BvR 2362/11 -, juris).

4 Es ist demnach zunächst Sache der Fachgerichte, auch die Vereinbarkeit der jeweils herangezogenen landesrechtlichen Rechtsgrundlagen mit dem Grundgesetz zu prüfen, gegebenenfalls vorläufigen Rechtsschutz zu gewähren und bei etwaigem negativen Ausgang der Prüfung die Sache unter Beachtung der Darlegungsanforderungen für Vorlagen im Verfahren der konkreten Normenkontrolle (vgl. nur BVerfGE 88, 70 <74>; 93, 121 <131 f.>; 105, 61 <67>) dem Bundesverfassungsgericht vorzulegen.

5 2. Durch die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde erledigt sich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.

6 Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

7 Diese Entscheidung ist unanfechtbar.

Mots-clés

constitutional complaintexhaustion of remediesinterim reliefprison transferadmissibilityeffective judicial protection

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the constitutional complaint was admissible without prior recourse to the ordinary courts regarding the prison transfer.

Solution extraite

No. The complaint was inadmissible because exhaustion of remedies had not been shown.

Motifs extraits

The duty to first seize the ordinary courts remains even if they cannot finally annul the legal basis themselves and can only contribute via referral under Art. 100(1) GG. Seeking prior judicial protection was also not unreasonable because the courts could grant interim relief and examine the constitutionality of the invoked state-law basis.

Question juridique clé

Whether exhaustion of remedies was excused under § 90(2) sentence 2 BVerfGG due to urgency or lack of effective protection.

Solution extraite

No. No special circumstances made prior resort to the courts unreasonable.

Motifs extraits

Effective interim judicial protection was available before the ordinary courts despite their lack of competence to strike down statutes; therefore the complainant had to first pursue that route.

Question juridique clé

Whether the request for a provisional injunction remained pending after non-admission of the complaint.

Solution extraite

No. The injunction request became moot once the constitutional complaint was not admitted.

Motifs extraits

The interim request was accessory to the complaint and was terminated by the non-admission decision.

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