Overlooked bias motion: requirements for a substantiated procedural complaint

BFH I B 189/12Bfh / 1re division22 juil. 2013Dismissed

Extrait par Omnilex

Résumé Omnilex

The Federal Fiscal Court rejected the complaint against the denial of leave to appeal. It held that the appellant had not properly substantiated either an alleged violation of the right to be heard or the claim that the lower court had been improperly composed because a bias motion was supposedly ignored. In particular, the court stressed that a recusal request must be clear and unequivocal, and the complaint had not shown that the faxed submission met that standard.

Regeste Omnilex

§ 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 44 Abs. 1 ZPO; § 116 Abs. 3 Satz 3 FGO: A complaint alleging improper composition of the court because a bias motion was overlooked requires, in case of doubt, substantiated allegations that a clear and unequivocal recusal request was actually made. A recusal motion is a procedural act that, for reasons of procedural clarity and in light of Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, must be expressed unmistakably. The mere reference to concerns about impartiality or a concluding remark such as “I object accordingly” does not suffice without concrete, self-contained explanation that the submission was to be understood as a motion for recusal. Likewise, a right-to-be-heard complaint must engage specifically with the lower court’s reasoning and explain why oral presentation of the essential file contents would not have been sufficient (consid. 3-6).

Texte intégral

BFH — I B 189/12, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2013-07-22

Aktenzeichen: I B 189/12

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 51 Abs 1 S 1 FGO, § 96 Abs 2 FGO, § 115 Abs 2 Nr 3 FGO, § 116 Abs 3 S 3 FGO, § 119 Nr 1 FGO, § 44 Abs 1 ZPO, Art 101 Abs 1 S 2 GG

Vorinstanz: vorgehend Finanzgericht Berlin-Brandenburg, 6. November 2012, Az: 6 K 6088/08, Urteil

Spruchkörper: 1. Senat

Titelzeile

Übergehen eines Befangenheitsantrags - Anforderungen an eine schlüssige Verfahrensrüge

Leitsatz

NV: Die Rüge, das Gericht sei nicht vorschriftsmäßig besetzt gewesen, weil es einen Befangenheitsantrag übergangen habe, erfordert - in Zweifelsfällen - substantiierte Erläuterungen dazu, dass ein klares und eindeutiges Ablehnungsgesuch i.S.v. § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 44 Abs. 1 ZPO gestellt worden ist .

Tatbestand

1 I. Die Klage der Klägerin und Beschwerdeführerin (Klägerin), einer GmbH, wurde vom Finanzgericht (FG) abgewiesen und die Revision nicht zugelassen (Urteil des FG Berlin-Brandenburg vom 6. November 2012 6 K 6088/08).

Entscheidungsgründe

2 II. Die gegen die Nichtzulassung der Revision erhobene Beschwerde ist zu verwerfen, da sie nicht den Anforderungen an die schlüssige Rüge der in § 115 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) genannten Zulassungsgründe genügt (§ 116 Abs. 3 Satz 3 FGO).

3 1. Der Vortrag, der Anspruch auf rechtliches Gehör (§ 96 Abs. 2 FGO) sei deshalb verletzt worden, weil der Senatsvorsitzende die Überlassung des "Votumteil(s) Tatbestand" mit dem "übriggebliebenen Tenor" ... "ich will nicht" abgelehnt habe und deshalb der Klägerin die Teilnahme an der mündlichen Verhandlung aus "sachlichen wie persönlichen Gründen" unzumutbar geworden sei, ist unschlüssig. Dies ergibt sich bereits daraus, dass der Vorsitzende des vorinstanzlichen Spruchkörpers mit Schreiben vom 18. Juli 2012 seine Auffassung ausführlich erläutert und in dem sich anschließenden Schriftwechsel hierauf Bezug genommen hat. Demgemäß wäre es zur schlüssigen Darlegung des gerügten Verfahrensverstoßes erforderlich gewesen, sich mit den Erwägungen dieses Schreibens im Einzelnen auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass die Beschwerdebegründung jegliche substantiierte Darlegung dazu vermissen lässt, weshalb mit Rücksicht auf den dem anhängigen Verfahren zugrunde liegenden (konkreten) Streitstoff der Anspruch der Klägerin auf rechtliches Gehör nicht --wie in § 92 Abs. 2 FGO vorgesehen-- durch Vortrag des wesentlichen Akteninhalts in der mündlichen Verhandlung habe gewährleistet werden können, sondern es insoweit der schriftlichen Vorabmitteilung des Tatbestandsentwurfs in Form eines Sachstandsberichts bedurft hätte (vgl. zu Letzterem Senatsbeschluss vom 25. Oktober 2000 I B 117/00, BFH/NV 2001, 470; Stalbold in Beermann/Gosch, § 78 FGO Rz 38).

4 2. Nicht durchgreifen kann ferner die Rüge, das vorinstanzliche Urteil beruhe deshalb auf einem Verfahrensmangel, weil ein gegen den Senatsvorsitzenden mit Schreiben vom 5. November 2012 gerichtetes Befangenheitsgesuch übergangen worden sei. Zwar ist das Übergehen eines Befangenheitsantrags grundsätzlich geeignet, den Verfahrensmangel der nicht vorschriftsmäßigen Besetzung des erkennenden Gerichts zu begründen (§ 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO i.V.m. § 119 Nr. 1 FGO; Beschluss des Bundesfinanzhofs --BFH-- vom 17. Mai 2010 VII B 254/09, BFH/NV 2010, 1835). Auch insoweit genügt der Vortrag jedoch nicht den Darlegungserfordernissen des § 116 Abs. 3 Satz 3 FGO (vgl. Senatsbeschluss vom 14. Februar 2002 I B 113/00, BFH/NV 2002, 1161).

5 a) Nach § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 44 Abs. 1 der Zivilprozessordnung (ZPO) erfordert die Ablehnung eines Richters wegen Besorgnis der Befangenheit u.a. ein wirksames Ablehnungsgesuch. Ein solches Gesuch stellt eine Prozesshandlung dar, die aus Gründen der Prozessklarheit und angesichts des verfassungsrechtlichen Grundsatzes des gesetzlichen Richters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes) klar und eindeutig erklärt werden muss. Klarheit und Eindeutigkeit sind vor allem deshalb erforderlich, weil ein abgelehnter Richter nach § 47 ZPO (i.V.m. § 51 Abs. 1 Satz 1 FGO) bis zur Erledigung des Ablehnungsgesuches nur noch unaufschiebbare Amtshandlungen vornehmen darf (ständige Rechtsprechung, BFH-Beschlüsse vom 12. August 1998 III B 23/98, BFH/NV 1999, 476; vom 14. November 2012 V B 41/11, BFH/NV 2013, 239; Senatsbeschluss vom 11. Juli 2012 I S 8/12, BFH/NV 2012, 1813; Gräber/ Stapperfend, Finanzgerichtsordnung, 7. Aufl., § 51 Rz 32, jeweils m.w.N.).

6 b) Hiernach ist der Hinweis der Klägerin, sie habe mit FAX-Schreiben vom 5. November 2012 "ein Befangenheitsgesuch erstattet", nicht substantiiert. Das in Bezug genommene Schreiben spricht zwar u.a. von der "Sorgnis", dass der Vorsitzende nicht dem "Ziel der Sachgerechtigkeit verpflichtet scheint" sowie von der "Sorge fehlender Unbefangenheit". Ob sich hieraus sowie dem jeweils beigefügten Zusatz "ich rüge dementsprechend" ein klares und eindeutiges Ablehnungsgesuch ergibt, kann offenbleiben. Jedenfalls wären zur Bezeichnung des gerügten Verfahrensmangels konkrete und aus sich heraus nachvollziehbare (d.h. substantiierte) Darlegungen dazu erforderlich gewesen, dass das Schreiben --gemessen am Gebot der Klarheit und Eindeutigkeit-- als Ablehnungsgesuch i.S. von § 44 Abs. 1 ZPO zu verstehen war.

7 c) Der Senat kann deshalb offenlassen, ob das Schreiben vom 5. November 2012 die weiteren für die Zulässigkeit eines Ablehnungsgesuchs --einen klaren und eindeutigen Antrag unterstellt-- zu beachtenden Voraussetzungen erfüllt hat oder ob nicht --sollte dies zu verneinen sein-- auch aus diesem Grund der erhobenen Rüge mangels Entscheidungserheblichkeit der Erfolg zu versagen wäre (vgl. hierzu BFH-Beschluss vom 11. Mai 2010 X B 193/08, BFH/NV 2010, 1645).

Mots-clés

bias motionright to be heardprocedural complaintsubstantiationimproper compositionrecusal

Extrait par Omnilex

Question juridique clé

Whether the complaint sufficiently alleged a violation of the right to be heard.

Solution extraite

No. The submission did not adequately address the lower court president's detailed letter or explain why written advance transmission of the draft statement of facts was necessary.

Motifs extraits

A procedural complaint under § 116(3) sentence 3 FGO must be substantiated. The appellant failed to engage with the specific reasons given by the lower court and did not explain why oral presentation of the essential case file contents would not have sufficed under § 92(2) FGO.

Question juridique clé

Whether the lower court was improperly composed because it allegedly ignored a bias motion.

Solution extraite

No adequate substantiation was provided that a clear and unequivocal recusal request had been made.

Motifs extraits

Ignoring a recusal motion can constitute a procedural defect, but an effective motion under § 51(1) FGO in conjunction with § 44(1) ZPO must be clearly and unambiguously formulated. The quoted faxed letter did not sufficiently show, in a self-contained manner, that it met that standard.

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