Bundesverwaltungsgericht L501 2295950-1

L501 2295950-1Tribunale amministrativo federale15 nov 2024

Regest

Asylantragstellung Bürgerkrieg Glaubwürdigkeit Herkunftsort illegale Ausreise mangelnde Asylrelevanz Militärdienst politische Gesinnung staatliche Verfolgung unterstellte politische Gesinnung Verfolgungsgefahr Zwangsrekrutierung

Testo completo

Bundesverwaltungsgericht L501 2295950-1

  • Dokumenttyp: Entscheidungstext
  • Entscheidungsdatum: 15.11.2024
  • ECLI: ECLI:AT:BVWG:2024:L501.2295950.1.00

Spruch

L501 2295950-1/12E

IM NAMEN DER REPUBLIK!

Das Bundesverwaltungsgericht hat durch die Richterin Mag. Irene ALTENDORFER als Einzelrichterin über die Beschwerde von Herrn XXXX , geboren am XXXX Staatsangehörigkeit Syrien, vertreten durch die Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen GmbH, gegen Spruchpunkt I. des Bescheides des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom XXXX nach Durchführung einer öffentlichen mündlichen Verhandlung zu Recht erkannt:

A)

Die Beschwerde wird als unbegründet abgewiesen.

B)

Die Revision ist gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig.

Begründung

Entscheidungsgründe:

I. Verfahrensgang:

Die beschwerdeführende Partei (in der Folge „bP“), eine syrische Staatsangehörige, stellte nach unrechtmäßiger Einreise in das Bundesgebiet am 19.08.2023 einen Antrag auf internationalen Schutz. Zum Fluchtgrund befragt, erklärte die bP im Rahmen der Erstbefragung durch die Organe des öffentlichen Sicherheitsdienstes, dass sie als Reservistin zum syrischen Militär einberufen worden sei, sie sich aber nicht am Krieg beteiligen möchte. Auf die Frage nach ihren Rückkehrbefürchtungen meinte sie „Den Krieg und eine Haftstrafe“.

Im Zuge ihrer niederschriftlichen Einvernahme am 06.06.2024 durch das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (in der Folge „BFA“ bzw. „belangte Behörde“) erklärte die bP, sie sei als Reservistin zum syrischen Militär einberufen worden, sie möchte sich aber nicht am Krieg beteiligen; es gebe einen Festnahmeauftrag für ihre Person.

Mit dem in Beschwerde gezogenen Bescheid wies die belangte Behörde den Antrag der bP auf internationalen Schutz hinsichtlich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten ab, erkannte ihr den Status der subsidiär Schutzberechtigten zu und erteilte ihr eine befristete Aufenthaltsberechtigung.

In ihrer fristgerecht erhobenen Beschwerde erklärte die bP, in ihrem östlich von Qamishli gelegenen Heimatdorf XXXX sei das Regime präsent. Sie sei vom Regime zum Reservedienst einberufen worden, wolle aber weder diesen ableisten, noch für andere Gruppierungen kämpfen, da allen Beteiligten Menschenrechtsverletzungen zurechenbar seien. Im Rückkehrfall drohe ihr die Zwangsrekrutierung durch die syrische Armee, die Unterstellung einer oppositionellen Gesinnung wegen der Wehrdienstverweigerung, der illegalen Ausreise, der eigenen Asylantragstellung und jener des Bruders, Inhaftierung und Folter. Sie könne nur über von der syrischen Regierung kontrollierte Grenzübergänge einreisen. Sie befürchte des Weiteren eine Verfolgung durch die Kurden, da auch diese in ihrem Heimatort Kontrolle ausübten.

II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:

II.1. Feststellungen:

II.1.1. Die am XXXX in XXXX , Gouvernement Al-Hasaka, geborene bP ist syrische Staatsangehörige, gehört der Volksgruppe der Araber an und bekennt sich zum sunnitischen Islam. Die Ehegattin der bP sowie ihre vier gemeinsamen Söhne leben nach wie vor in XXXX . Die bP verfügt über einen unbefristet gültigen syrischen Personalausweis im Original, einen Auszug aus dem Familienregister im Original sowie eine Heiratsurkunde im Original. Ihre Muttersprache ist arabisch. Sie leidet an keiner lebensbedrohlichen physischen oder psychischen Erkrankung.

Die bP wuchs bei den Eltern in XXXX , Gouvernement Al-Hasaka, auf. Sie besuchte in ihrem Heimatdorf sechs Jahre lang die Grundschule sowie in einem in der Nähe gelegenen Dorf zwei Jahre lang die Hauptschule. Den Lebensunterhalt verdiente sich die bP in der Folge durch landwirtschaftliche Tätigkeit, Verkäuferin sowie als LKW-Fahrerin. Die bP ist ihrer Wehrpflicht bei den syrischen Streitkräften in den Jahren 2003 bis 2005 als normale Rekrutin nachgekommen, sie erwarb keine speziellen militärischen Fähigkeiten.

2023 verließ die bP Syrien illegal in Richtung Türkei und reiste in weiterer Folge unter Umgehung der Grenzkontrollen in das Bundesgebiet ein. Am 19.08.2023 stellte sie den verfahrensgegenständlichen Antrag auf internationalen Schutz. Mit dem angefochtenen Bescheid wurde ihr der Status der subsidiär Schutzberechtigten zuerkannt. Die bP ist in Österreich strafgerichtlich unbescholten.

Der Vater der bP ist verstorben, die Mutter sowie zwei Brüder der bP, geboren 1977 und 1983, leben nach wie vor in XXXX ; ihre vier Schwestern sind verheiratet und leben gleichfalls in Syrien. Ein Bruder der bP ist in Österreich asylberechtigt.

II.1.2. Die bP stammt aus dem Dorf XXXX im Gouvernement Al-Hasakah. Der Herkunftsort der bP liegt südöstlich der Stadt XXXX in der Nähe der M4. Aufgrund der dort präsenten Einheiten der syrischen Streitkräfte sowie der regierungstreuen National Defence Forces (NDF) verfügt das syrische Regime über einen gewissen, limitierten Einfluss im Herkunftsort der bP. Das Gouvernement Al-Hasakah steht jedoch grundsätzlich unter der Kontrolle der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) bzw. der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (DAANES, auch unter dem Namen Rojava bekannt). Der Einflussbereich der syrischen Regierung beschränkt sich im Gouvernement Al Hasakah auf bestimmte Zonen, so umfasst er Teile der Stadtzentren von Al Haskah (weniger als einen Quadratkilometer) und Qamishli, den bei Qamishli gelegenen Flughafen sowie ein weiteres Gebiet südlich der Stadt. In diesen „Sicherheitsabschnitten“ bzw. „Sicherheitsenklaven“ befinden sich verschiedene staatliche Behörden, darunter auch solche mit Zuständigkeit für die Rekrutierung.

In den von der syrischen Regierung in den Enklaven der Städte Hasakah und Qamishli unterhaltenen Behörden werden den Einwohnern von Nord- und Ostsyrien insbesondere nationale Zivil-, Reise- und Ausweisdokumente ausgestellt. Weitere Personenstandsämter sind in kleineren Städten wie Amuda und Darbasiyah tätig. Die Ausstellung von Reisepässen erfolgt in Hasakah, während Personalausweise und andere zivilrechtliche Dokumente in Qamishli im Einklang mit dem syrischen nationalen Recht ausgestellt werden. Diese Dokumente werden in der Regel über ein Online-Bewerbungsverfahren ausgestellt. Die syrische Regierung betreibt auch Büros für zivile Angelegenheiten in anderen kleineren Städten im AANES-Gebiet, obwohl diese Städte unter SDF-Kontrolle stehen; dazu gehören Darbasiyah, Amuda und Al-Malikiyah (vgl. DIS August 2024)

Der „Sicherheitsabschnitt“ in XXXX ist etwas kleiner als der in XXXX . Er ist umgeben von SDF Checkpoints und die syrische Regierung führt beim Betreten Identitätskontrollen durch (vgl. DIS 6/2024). Diese Sicherheitsenklaven sind von Straßen umgeben, in denen die Regierung nur über begrenzte Kapazitäten verfügt. Beim Betreten der „Sicherheitsabschnitte“ kann es zu Kontrollen durch die syrischen Sicherheitskräfte kommen. (vgl. DIS 6/2024).

Über diese „Sicherheitsabschnitte“ hinaus sind die syrischen Streitkräfte in dem Gebiet nur in Kooperation mit der DAANES zur Abschreckung der Türkei präsent bzw. führen sie hierzu Patrouillen durch, dies meist zusammen mit der russischen Militärpolizei.

Für die Einreise in den Herkunftsstaat steht der bP insbesondere der nicht von der syrischen Regierung kontrollierte Grenzübergang Semalka/Faysh Khabur (Gouvernement Al-Hasakah, Syrien – Autonome Region Kurdistan, Irak) zur Verfügung und ist es ihr anschließend möglich, ihr Heimatdorf auf dem Landweg zu erreichen, und zwar ohne mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit der Gefahr einer Zwangsrekrutierung oder sonstiger behördlicher Maßnahmen durch das syrische Regime ausgesetzt zu sein. Die bP verfügt über einen syrischen Personalausweis im Original, kann sohin ihre Herkunft aus dem AANES-Gebiet gegebenenfalls nachweisen bzw. leben nach wie vor ihre Ehegattin, die Mutter und die Geschwister im AANES-Gebiet.

Davon abgesehen, ist der bP eine rechtmäßige Einreise und Weiterreise in ihre Heimatregion bzw. ihren Heimatort über den Flughafen von Damaskus möglich. Ihr drohen weder bei der Einreisekontrolle bzw. dem Grenzübertritt in ihren Herkunftsstaat, noch bei der Weiterreise in die Heimatregion mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit asylrelevante Verfolgungshandlungen seitens der syrischer Behörden.

II.1.3.Die bP hat den verpflichtenden Wehrdienst in der syrischen Armee von 2003 bis 2005 als normale Rekrutin abgeleistet, sie erwarb dabei keine speziellen militärischen Fähigkeiten.

Die syrische Regierung verfügt im Herkunftsort der bP nur über einen limitierten Einfluss und ist – wie in dem grundsätzlich unter der Kontrolle der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) bzw. der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien stehenden Gouvernement Al Hasaka - nicht in der Lage, Männer im wehrpflichtigen Alter zum verpflichtenden Wehrdienst bzw. Reservedienst in der syrischen Armee zwangsweise zu rekrutieren bzw. behördliche Maßnahmen oder Sanktionen aufgrund einer allenfalls unterstellten oppositionellen politischen Gesinnung oder auch sonstiger Vorwürfen zu setzen. Die im AANES-Gebiet liegenden Patrouille-Routen dürfen von der syrischen Armee und ihren Verbündeten in Kooperation mit der DAANES nur zur Abschreckung der Türkei genutzt werden.

Im Fall einer hypothetischen Rückkehr droht der bP in ihrer Herkunftsregion nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eine reale Gefahr behördlicher Maßnahmen oder Sanktionen aufgrund einer allenfalls unterstellten oppositionellen politischen Gesinnung oder sonstiger Vorwürfen ausgesetzt zu sein bzw. zum Reservedienst in der syrischen Armee zwangsweise eingezogen zu werden.

Schließlich war und ist die bP überdies nicht politisch tätig, war und ist nicht Mitglied einer oppositionellen Gruppierung und ist auch sonst nicht in das Blickfeld der syrischen Regierung geraten. Sie hat keine gegen die syrische Regierung als oppositionell anzusehenden Handlungen gesetzt, hat in Syrien keine Straftaten begangen und wurde nie verhaftet. Sie hat keine Nähe zu DAESH.

Die bP weist keine glaubhafte politische Überzeugung gegen die syrische Regierung bzw. gegen den Militärdienst für die syrische Regierung oder den Dienst an der Waffe an sich auf. Sie verweigert den Dienst in der syrischen Armee nicht aus religiösen oder moralischen Gründen oder aus Gewissensgründen. Die syrische Regierung unterstellt der bP mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit keine politische oder oppositionelle Gesinnung.

II.1.4.a) Im Juni 2019 ratifizierte die AANES ein Gesetz zur „Selbstverteidigungspflicht", das den verpflichtenden Militärdienst regelt, den Männer über 18 Jahre im Gebiet der AANES ableisten müssen. Im Allgemeinen werden die Menschen entlassen, nachdem sie ein Jahr gedient haben, in Notsituationen kann die Dauer des Dienstes verlängert werden (vgl. EB 15.8.2022; vgl. DIS 6.2024). Am 4.9.2021 wurde das Dekret Nr. 3 erlassen, welches die Selbstverteidigungspflicht auf Männer beschränkt, die 1998 oder später geboren wurden und ihr 18. Lebensjahr erreicht haben. Gleichzeitig wurden die Jahrgänge 1990 bis 1997 von der Selbstverteidigungspflicht befreit. (vgl. ANHA, 4.9.2021, LIB, Version 11 vom 27.03.2024).

Die Selbstverteidigungspflicht gilt in allen Kantonen der DAANES, allerdings wird die Durchsetzung des Selbstverteidigungsgesetzes von den Behörden in arabisch dominierten Regionen vorsichtiger umgesetzt (vgl. Country Focus, Oktober 2024)

Der Versuch, der Selbstverteidigungspflicht zu entgehen, wird mit einer Verlängerung der Selbstverteidigungspflicht um einen Monat sanktioniert (vgl. Country Focus, Oktober 2024), einigen Quellen zufolge auch in Verbindung mit einer Haftstrafe für einen kürzeren Zeitraum von ein bis zwei Wochen. Von Misshandlungen der Inhaftierten berichten die Quellen nicht. Eine Verweigerung des Dienstes bei den kurdischen Selbstverteidigungskräften führt nicht zur Unterstellung einer oppositionellen Gesinnung seitens der Kurden als Konfliktpartei. (vgl. DIS 6/2024, ÖB Damaskus 12/2022)

Das Nachkommen der Selbstverteidigungspflicht kann aufgrund diverser Gründe, wie etwa Ausbildung, Auslandsaufenthalt oder auch aufgrund medizinischer Gründe verschoben oder aufgehoben werden. (vgl. DIS 6/2024). Die meisten kurdischen jungen Männer melden sich freiwillig bei den SDF und sind daher von der Selbstverteidigungspflicht befreit (ACCORD vom 06.09.2023 [a-12188], konkret Al-Mustafa).

Bei den kurdischen Einheiten dienen Wehrpflichtige in den Selbstverteidigungseinheiten (HXP), eine von den SDF separate Streitkraft, die vom Demokratischen Rat Syriens (Syrian Democratic Council, SDC) verwaltet wird und über eine eigene Militärführung verfügt. Nach der bis zu zwei Monaten dauernden Ausbildungszeit werden Wehrpflichtige verschiedenen Aufgaben in verschiedenen Zentren oder Einheiten zugewiesen, wo sie für den Rest ihres Dienstes dienen. Die Ausbildung oder Qualifikation der Wehrpflichtigen wird dabei oft berücksichtigt; beispielsweise werden Personen mit einem stärkeren Bildungshintergrund und höheren Qualifikationen Aufgaben in Ämtern oder Einrichtungen zugewiesen, die von ihren Fähigkeiten profitieren können. Wehrpflichtige mit niedrigem oder keinem Bildungshintergrund werden häufig Aufgaben im Zusammenhang mit der Bewachung oder dem Schutz öffentlicher Gebäude zugewiesen. (vgl. DIS 6/2024)

Die HXP ist eine Hilfstruppe mit der Hauptaufgabe, öffentliche Gebäude zu bewachen oder zu schützen und die SDF zu unterstützen, wird daher im Allgemeinen nicht in Kampfsituationen eingesetzt. Die Einsätze der Rekruten im Rahmen der Selbstverteidigungspflicht erfolgen normalerweise in Bereichen wie Nachschub oder Objektschutz. Es kann mitunter vorkommen, dass die HXP in Kampfsituationen verwickelt wird, z.B. während der Schlacht um Afrin im Jahr 2018. Diese Fälle sind selten und werden die Rekruten auch diesfalls nicht an vorderster Front eingesetzt. Rekruten droht daher weder mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit ein Fronteinsatz, noch ist mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich Rekruten im Rahmen der Selbstverteidigungspflicht an völkerrechtswidrigen Militäraktionen beteiligen müssten. Es finden sich auch keine Berichte über von der HXP begangene völkerrechtswidrigen Aktionen. (vgl. DIS 6/2024; ACCORD vom 06.09.2023 [a-12188])

Die bP unterliegt aufgrund ihres Alters nicht mehr der in den Gebieten der AANES bestehenden „Selbstverteidigungspflicht“ für Männer. Sie ist XXXX geboren und gehört folglich nicht zum wehrpflichtigen Personenkreis. Die bP wird überdies im äußerst unwahrscheinlichen Falle der Erfüllung der Selbstverteidigungspflicht nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit einen Fronteinsatz zu gewärtigen haben und auch nicht in Kriegsverbrechen bzw. völkerrechtswidrigen Militäraktionen verwickelt werden. Ihr drohen in Syrien keine unverhältnismäßigen Konsequenzen wie Folter, unmenschliche Strafe oder Behandlung bei Verweigerung des Dienstes in der Selbstverteidigungseinheit HXP. (vgl. DIS 6/2024)

II.1.4. b) Die dem Board of Defence (entspricht einem Verteidigungsministerium) der AANES unterstehenden Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) sind eine Dachorganisation, die sich aus mehreren bewaffneten Gruppen zusammensetzt, darunter die YPG und das YPJ. Die SDF ist eine professionelle militärische Streitkraft, die an der Front eingesetzt wird und Kampfhandlungen durchführt. (DIS 6/2024)

Die Einstellung in den SDF erfolgt nur auf freiwilliger Basis, zumeist wird ein Vertrag für zwei Jahre geschlossen. Viele Menschen entscheiden sich aufgrund der relativ hohen Löhne für den Beitritt zur SDF, einige um ihr lokales Gebiet zu schützen. Die Rekrutierung für die zwei großen SDF Gruppen, YPG und YPJ, erfolgt gleichfalls freiwillig. Weder die PKK noch ihr militärischer Flügel HPG rekrutiert neue Mitglieder in den AANES Gebieten mit Gewalt. (vgl. DIS 6/2024, 6/2022, Country Focus, Oktober 2024).

Die bP unterlag bisher keiner (Zwangs-)Rekrutierung durch militärischer Gruppierungen wie SDF, YPG oder PKK bzw. HPG, sie hat sich bislang auch keiner (Zwangs-)Rekrutierung entzogen und droht ihr im Rückkehrfall in ihre Herkunftsregion auch nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit die Gefahr einer (Zwangs-)Rekrutierung durch diese militärischen Gruppierungen.

II.1.5.Die bP weist keine glaubhafte politische Überzeugung gegen die Demokratische Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (AANES) bzw. gegen den Militärdienst in den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (HXP) auf. Die Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (AANES) unterstellt der bP wegen der nicht erfolgten Ableistung der Selbstverteidigungspflicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit keine politische oder oppositionelle Gesinnung. Die bP verweigert die Selbstverteidigungspflicht nicht aus religiösen Gründen oder Gewissensgründen.

Die bP ist im hypothetischen Falle ihrer Rückkehr in die Herkunftsregion in Syrien nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit der Gefahr einer unmittelbaren persönlichen und konkreten Verfolgung, Bedrohung, psychischer und/oder physischer Gewalt, Strafverfolgung oder sonstigen Gefährdung ausgesetzt.

Die bP war und ist nicht politisch tätig, ist nicht Mitglied einer oppositionellen Gruppierung im Hinblick auf die AANES und auch sonst nicht in das Blickfeld der AANES oder einer anderen Konfliktpartei ihrer Herkunftsregion, wie etwa der PKK, geraten. Sie unterliegt in ihrer Herkunftsregion in Syrien insbesondere keiner individuellen Gefährdung aufgrund ihrer arabischen Identität, ihrer Familien- bzw. Stammeszugehörigkeit, wegen politischer Betätigung oder wegen der unrechtmäßigen Ausreise aus Syrien sowie des in Österreich durchlaufenen Asylverfahrens oder des Aufenthaltes in Europa.

II.1.6.Zur (allgemeinen) Lage im Herkunftsstaat werden folgende Feststellungen unter Heranziehung der abgekürzt zitierten und gegenüber der bP offen gelegten Quellen getroffen:

II.1.6.1. Politische Lage

Im Jahr 2011 erreichten die Umbrüche in der arabischen Welt auch Syrien. Auf die zunächst friedlichen Proteste großer Teile der Bevölkerung, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und ein Ende des von Bashar al-Assad geführten Ba’ath-Regimes verlangten, reagierte dieses mit massiver Repression gegen die Protestierenden, vor allem durch den Einsatz von Armee und Polizei, sonstiger Sicherheitskräfte und staatlich organisierter Milizen (Shabiha). So entwickelte sich im Laufe der Zeit ein zunehmend komplexer werdender bewaffneter Konflikt (AA 13.11.2018). Die tiefer liegenden Ursachen für den Konflikt sind die Willkür und Brutalität des syrischen Sicherheitsapparats, die soziale Ungleichheit und Armut vor allem in den ländlichen Gegenden Syriens, die weitverbreitete Vetternwirtschaft und nicht zuletzt konfessionelle Spannungen (Spiegel 29.08.2016).

Die Entscheidung Moskaus, 2015 in Syrien militärisch zu intervenieren, hat das Assad-Regime in Damaskus effektiv geschützt. Russische Luftstreitkräfte und nachrichtendienstliche Unterstützung sowie von Iran unterstützte Milizen vor Ort ermöglichten es dem Regime, die Opposition zu schlagen und seine Kontrolle über große Teile Syriens brutal wiederherzustellen. Seit März 2020 scheint der Konflikt in eine neue Patt-Phase einzutreten, in der drei unterschiedliche Gebiete mit statischen Frontlinien abgegrenzt wurden (IPS 20.05.2022). Das Assad-Regime kontrolliert rund 70% des syrischen Territoriums. Seit dem Höhepunkt des Konflikts, als das Regime – unterstützt von Russland und Iran - unterschiedslose, groß angelegte Offensiven startete, um Gebiete zurückzuerobern, hat die Gewalt deutlich abgenommen. Auch wenn die Gewalt zurückgegangen ist, kommt es entlang der Konfliktlinien im Nordwesten und Nordosten Syriens weiterhin zu kleineren Scharmützeln. Im Großen und Ganzen hat sich der syrische Bürgerkrieg zu einem internationalisierten Konflikt entwickelt, in dem fünf ausländische Streitkräfte - Russland, Iran, Türkei, Israel und die Vereinigten Staaten - im syrischen Kampfgebiet tätig sind und Überreste des Islamischen Staates (IS) regelmäßig Angriffe durchführen (USIP 14.03.2023). Solange das militärische Engagement von Iran, Russland, Türkei und USA auf bisherigem Niveau weiterläuft, sind keine größeren Veränderungen bei der Gebietskontrolle zu erwarten (AA 2.2.2024).

Der Machtanspruch des syrischen Regimes wird in einigen Gebieten unter seiner Kontrolle angefochten. Dem Regime gelingt es dort nur bedingt, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Im Gouvernement Suweida kommt es beispielsweise seit dem 20.8.2023 zu täglichen regimekritischen Protesten, darunter Straßenblockaden und die zeitweise Besetzung von Liegenschaften der Regime-Institutionen (AA 2.2.2024). In den vom Regime kontrollierten Gebieten unterdrücken die Sicherheits- und Geheimdienstkräfte des Regimes, die Milizen und die Verbündeten aus der Wirtschaft aktiv die Autonomie der Wähler und Politiker. Ausländische Akteure wie das russische und das iranische Regime sowie die libanesische Schiitenmiliz Hizbollah üben ebenfalls großen Einfluss auf die Politik in den von der Regierung kontrollierten Gebieten aus (FH 9.3.2023).

In den übrigen Landesteilen üben unverändert de facto Behörden Gebietsherrschaft aus. Im Nordwesten kontrolliert die von der islamistischen Terrororganisation Hay’at Tahrir ash-Sham (HTS) gestellte Syrische Errettungsregierung (SSG) weiterhin Gebiete in den Gouvernements Idlib, Lattakia, Hama und Aleppo. In Teilen des Gouvernements Aleppo sowie in den von der Türkei besetzten Gebieten im Norden beansprucht weiterhin die von der syrischen Oppositionskoalition (SOC/Etilaf) bestellte Syrische Interimsregierung (SIG) den Regelungsanspruch. Die von kurdisch kontrollierten Kräften abgesicherten sogenannten Selbstverwaltungsbehörden im Nordosten (AANES) üben unverändert Kontrolle über Gebiete östlich des Euphrats in den Gouvernements ar-Raqqah, Deir ez-Zor und al-Hassakah sowie in einzelnen Ortschaften im Gouvernement Aleppo aus (AA 2.2.2024). Ungeachtet der vorstehenden Ausführungen bleibt Syrien, bis hin zur subregionalen Ebene, territorial fragmentiert. In vielen Fällen wird die tatsächliche Kontrolle auf lokaler Ebene von unterschiedlichen Gruppierungen ausgeübt. Selbst in formal ausschließlich vom Regime kontrollierten Gebieten wie dem Südwesten des Landes (Gouvernements Dara’a, Suweida) sind die Machtverhältnisse mitunter komplex und können sich insofern von Ort zu Ort, von Stadtviertel zu Stadtviertel unterscheiden. Auch Überschneidungen sind möglich (v. a. Nordwesten und Nordosten). Die tatsächliche Kontrolle liegt lokal häufig ganz oder in Teilen bei bewaffneten Akteuren bzw. traditionellen Herrschaftsstrukturen (AA 29.3.2023). Im syrischen Bürgerkrieg hat sich die Grenze zwischen Staat und Nicht-Staat zunehmend verwischt.

Die politische Gesamtlage in Syrien zeigt sich [im Berichtszeitraum März 2023 - Oktober 2023] nicht wesentlich verändert (AA 2.2.2024). Der Konflikt in Syrien befindet sich in einer Patt-Situation mit wenig Aussicht auf eine baldige politische Lösung (USIP 14.3.2023; vgl. AA 29.3.2023). Eine realistische Perspektive für eine Veränderung des politischen Status Quo in den Regimegebieten, etwa zugunsten oppositioneller Kräfte, ob auf politischem oder militärischem Wege, besteht aktuell nicht. Auch der politische Prozess für eine von den Konfliktparteien verhandelte, inklusive Lösung des Konflikts gemäß Sicherheitsratsresolution 2254 der Vereinten Nationen (VN) (vorgesehen danach u. a. Ausarbeitung einer neuen Verfassung, freie und faire Wahlen unter Aufsicht der VN und unter Beteiligung der syrischen Diaspora) unter Ägide der VN stagniert. Ausschlaggebend dafür bleibt die anhaltende Blockadehaltung des Regimes, das keinerlei Interesse an einer politischen Lösung des Konflikts zeigt und vor diesem Hintergrund jegliche Zugeständnisse verweigert. Alternative politische Formate unter Führung verschiedener Mächte haben bislang keine Fortschritte gebracht (AA 2.2.2024). Letztlich ist es das Ziel der Assad-Regierung, die Kontrolle über das gesamte syrische Territorium wiederzuerlangen (Alaraby 31.5.2023; vgl. IPS 20.5.2022). Russland, die Türkei, die Vereinigten Staaten und Iran unterstützen die Kriegsparteien weiterhin militärisch und finanziell (HRW 11.1.2024).

Im Äußeren gelang es dem syrischen Regime, sich dem Eindruck internationaler Isolation entgegenzusetzen (AA 2.2.2024). Das propagierte "Normalisierungsnarrativ" verfängt insbesondere bei einer Reihe arabischer Staaten (AA 29.3.2023). Im Mai 2023 wurde Syrien wieder in die Arabische Liga aufgenommen, von der es im November 2011 aufgrund der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste ausgeschlossen worden war (Wilson 6.6.2023; vgl. SOHR 7.5.2023). Als Gründe für die diplomatische Annäherung wurden unter anderem folgende Interessen der Regionalmächte genannt: Rückkehr von syrischen Flüchtlingen in ihr Heimatland, die Unterbindung des Drogenschmuggels in die Nachbarländer - insbesondere von Captagon (CMEC 16.5.2023; vgl. Wilson 6.6.2023, SOHR 7.5.2023), Ängste vor einer Machtübernahme islamistischer Extremisten im Fall eines Sturzes des Assad-Regimes sowie die Eindämmung des Einflusses bewaffneter, von Iran unterstützter Gruppierungen, insbesondere im Süden Syriens. Das syrische Regime zeigt laut Einschätzung eines Experten für den Nahen Osten dagegen bislang kein Interesse, eine große Anzahl an Rückkehrern wiederaufzunehmen und Versuche, den Drogenhandel zu unterbinden, erscheinen in Anbetracht der Summen, welche dieser ins Land bringt, bislang im besten Fall zweifelhaft (CMEC 16.5.2023). Am 3.7.2023 reiste erneut der jordanische Außenminister Ayman Safadi nach Damaskus, um Bemühungen zur Schaffung von Bedingungen für die Rückkehr von syrischen Geflüchteten aus Jordanien zu intensivieren (AA 2.2.2024). Die EU-Mitgliedsstaaten in ihrer Gesamtheit und die USA stellen sich den Normalisierungsbestrebungen politisch unverändert entgegen (AA 2.2.2024).

II.1.6.1.1. Syrische Interimsregierung und syrische Heilsregierung

Im März 2013 gab die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte als höchste offizielle Oppositionsbehörde die Bildung der syrischen Interimsregierung (Syrian Interim Government, SIG) bekannt, welche die Gebiete außerhalb der Kontrolle des Regimes im ganzen Land verwalten soll. Im Laufe der Zeit schrumpften die der Opposition angehörenden Gebiete jedoch, insbesondere nach den Vereinbarungen von 2018, die dazu führten, dass Damaskus die Kontrolle über den Süden Syriens und die Oppositionsgebiete im Süden von Damaskus und im Umland übernahm. Der Einfluss der SIG ist nun auf die von der Türkei unterstützten Gebiete im Norden Aleppos beschränkt (SD 18.3.2023). Formell erstreckt sich ihr Zuständigkeitsbereich auch auf die von Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS) kontrollierte Zone. Dort wurde sie von der HTS jedoch an den Rand gedrängt (Brookings 27.1.2023). Die von der HTS kontrollierten Gebiete in Idlib und Teile der Provinzen Aleppo und Latakia werden inzwischen von der syrischen Heilsregierung (Syrian Salvation Government, SSG), dem zivilen Flügel der HTS, regiert (SD 18.3.2023).

Nicht-staatliche Akteure in Nordsyrien haben systematisch daran gearbeitet, sich selbst mit Attributen der Staatlichkeit auszustatten. Sie haben sich von aufständischen bewaffneten Gruppen in Regierungsbehörden verwandelt. In Gebieten, die von der HTS, einer sunnitischen islamistischen politischen und militärischen Organisation, kontrolliert werden, und in Gebieten, die nominell unter der Kontrolle der SIG stehen, haben bewaffnete Gruppen und die ihnen angeschlossenen politischen Flügel den institutionellen Rahmen eines vollwertigen Staates mit ausgefeilten Regierungsstrukturen wie Präsidenten, Kabinetten, Ministerien, Regulierungsbehörden, Exekutivorganen usw. übernommen (Brookings 27.1.2023).

Die nordwestliche Ecke der Provinz Idlib, an der Grenze zur Türkei, ist die letzte Enklave der traditionellen Opposition gegen Assads Herrschaft. Sie beherbergt Dutzende von hauptsächlich islamischen bewaffneten Gruppen, von denen die HTS die dominanteste ist (MEI 26.4.2022). Mit der im November 2017 gegründeten (NPA 4.5.2023) syrischen Heilsregierung hat die HTS ihre Möglichkeiten zur Regulierung, Besteuerung und Bereitstellung begrenzter Dienstleistungen für die Zivilbevölkerung erweitert. Doch wie jüngste Studien gezeigt haben, sind diese Institutionen Mechanismen, die hochrangige Persönlichkeiten innerhalb der herrschenden Koalitionen ermächtigen und bereichern (Brookings 27.1.2023). In dem Gebiet werden keine organisierten Wahlen abgehalten und die dortigen Lokalräte werden von bewaffneten Gruppen beherrscht oder von diesen umgangen. Die HTS versucht in Idlib, eine autoritäre Ordnung mit einer islamistischen Agenda durchzusetzen. Obwohl die Mehrheit der Menschen in Idlib sunnitische Muslime sind, ist HTS nicht beliebt. Die von der HTS propagierten religiösen Dogmen sind nur ein Aspekt, der den Bürgerinnen und Bürgern missfällt. Zu den anderen Aspekten gehören der Mangel an grundlegenden Dienstleistungen, willkürliche Verhaftungen, Gewalt und Missbrauch (BS 23.2.2022).

In den von der Türkei besetzten und kontrollierten Gebieten in Nordwest- und Nordzentral-Syrien ist die SIG die nominelle Regierungsbehörde. Innerhalb der von der Türkei kontrollierten Zone ist eine von der Türkei unterstützte Koalition bewaffneter Gruppen, die Syrische Nationale Armee (SNA) - nicht zu verwechseln mit Assads Syrischen Streitkräften -, mächtiger als die SIG, die sie routinemäßig ignoriert oder außer Kraft setzt (Brookings 27.1.2023). Beide wiederum operieren de facto unter der Autorität der Türkei (Brookings 27.1.2023; vgl. SD 18.3.2023). Die von der Türkei unterstützten Oppositionskräfte bildeten nach ihrer Machtübernahme 2016 bzw. 2018 in diesem Gebiet Lokalräte, die administrativ mit den angrenzenden Provinzen der Türkei verbunden sind. Laut einem Forscher des Omran Center for Strategic Studies können die Lokalräte keine strategischen Entscheidungen treffen, ohne nicht die entsprechenden türkischen Gouverneure einzubinden. Gemäß anderen Quellen variiert der Abhängigkeitsgrad der Lokalräte von den türkischen Behörden von einem Rat zum nächsten (SD 18.3.2023). Die Anwesenheit der Türkei bringt ein gewisses Maß an Stabilität, aber ihre Abhängigkeit von undisziplinierten lokalen Vertretern, ihre Unfähigkeit, die Fraktionsbildung unter den Dutzenden bewaffneter Gruppen, die mit der SNA verbunden sind, zu überwinden, und ihre Toleranz gegenüber deren Missbrauch und Ausbeutung der Zivilbevölkerung haben dazu geführt, dass ihre Kontrollzone die am wenigsten sichere und am brutalsten regierte im Norden Syriens ist (Brookings 27.1.2023).

II.1.6.1.2. Selbstverwaltungsgebiet Nord- und Ostsyrien

2011 soll es zu einem Übereinkommen zwischen der syrischen Regierung, der iranischen Regierung und der Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê, PKK) gekommen sein, deren Mitglieder die Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekîtiya Demokrat, PYD) gründeten. Die PYD, ausgestattet mit einem bewaffneten Flügel, den Volksverteidigungseinheiten (YPG), hielt die kurdische Bevölkerung in den Anfängen des Konfliktes davon ab, sich effektiv an der Revolution zu beteiligen. Demonstrationen wurden aufgelöst, Aktivisten festgenommen, Büros des Kurdischen Nationalrats in Syrien, einer Dachorganisation zahlreicher syrisch-kurdischer Parteien, angegriffen. Auf diese Weise musste die syrische Armee keine 'zweite Front' in den kurdischen Gebieten eröffnen und konnte sich auf die Niederschlagung der Revolution in anderen Gebieten konzentrieren. Als Gegenleistung zog das Ba'ath-Regime Stück für Stück seine Armee und seinen Geheimdienst aus den überwiegend kurdischen Gebieten zurück. In der zweiten Jahreshälfte 2012 wurden Afrîn, 'Ain al-'Arab (Kobanê) und die Jazira/Cizîrê von der PYD und der YPG übernommen, ohne dass es zu erwähnenswerten militärischen Auseinandersetzungen mit der syrischen Armee gekommen wäre (Savelsberg 8.2017).

Im November 2013 - etwa zeitgleich mit der Bildung der syrischen Interimsregierung (SIG) durch die syrische Opposition - rief die PYD die sogenannte Demokratische Selbstverwaltung (DSA) in den Kantonen Afrîn, Kobanê und Cizîrê aus und fasste das so entstandene, territorial nicht zusammenhängende Gebiet unter dem kurdischen Wort für "Westen" (Rojava) zusammen. Im Dezember 2015 gründete die PYD mit ihren Verbündeten den Demokratischen Rat Syriens (SDC) als politischen Arm der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) (SWP 7.2018). Die von den USA unterstützten SDF (TWI 18.7.2022) sind eine Koalition aus syrischen Kurden, Arabern, Turkmenen und anderen Minderheitengruppen (USDOS 20.3.2023), in dem der militärische Arm der PYD, die YPG, die dominierende Kraft ist (KAS 4.12.2018). Im März 2016 riefen Vertreter der drei Kantone (Kobanê war inzwischen um Tall Abyad erweitert worden) den Konstituierenden Rat des "Demokratischen Föderalen Systems Rojava/Nord-Syrien" (Democratic Federation of Northern Syria, DFNS) ins Leben (SWP 7.2018). Im März 2018 (KAS 4.12.2018) übernahm die Türkei völkerrechtswidrig die Kontrolle über den kurdischen Selbstverwaltungskanton Afrîn mithilfe der Syrischen Nationalen Armee (SNA), einer von ihr gestützten Rebellengruppe (taz 15.10.2022). Im September 2018 beschloss der SDC die Gründung des Selbstverwaltungsgebiets Nord- und Ostsyrien (Autonomous Administration of North and East Syria, AANES) auf dem Gebiet der drei Kantone (abzüglich des von der Türkei besetzten Afrîn). Darüber hinaus wurden auch Gebiete in Deir-ez Zor und Raqqa (K24 6.9.2018) sowie Manbij, Takba und Hassakah, welche die SDF vom Islamischen Staat (IS) befreit hatten, Teil der AANES (SO 27.6.2022).

Der Krieg gegen den IS forderte zahlreiche Opfer und löste eine Fluchtwelle in die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete aus. Die syrischen Kurden stehen zwischen mehreren Fronten und können sich auf keinen stabilen strategischen Partner verlassen. Die erhoffte Kriegsdividende, für den Kampf gegen den IS mit einem autonomen Gebiet 'belohnt' zu werden, ist bisher ausgeblieben (KAS 4.12.2018). Die syrische Regierung erkennt weder die kurdische Enklave noch die Wahlen in diesem Gebiet an (USDOS 20.3.2023). Türkische Vorstöße auf syrisches Gebiet im Jahr 2019 führten dazu, dass die SDF zur Abschreckung der Türkei syrische Regierungstruppen einlud, in den AANES Stellung zu beziehen (ICG 18.11.2021). Die Gespräche zwischen der kurdischen Selbstverwaltung und der Regierung in Damaskus im Hinblick auf die Einräumung einer Autonomie und die Sicherung einer unabhängigen Stellung der SDF innerhalb der syrischen Streitkräfte sind festgefahren (ÖB Damaskus 1.10.2021). Mit Stand Mai 2023 besteht kein entsprechender Vertrag zwischen den AANES und der syrischen Regierung (Alaraby 31.5.2023). Unter anderem wird über die Verteilung von Öl und Weizen verhandelt, wobei ein großer Teil der syrischen Öl- und Weizenvorkommen auf dem Gebiet der AANES liegen (K24 22.1.2023). Normalisierungsversuche der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und der syrischen Regierung wurden in den AANES im Juni 2023 mit Sorge betrachtet (AAA 24.6.2023). Anders als die EU und USA betrachtet die Türkei sowohl die Streitkräfte der YPG als auch die Partei PYD als identisch mit der von der EU als Terrororganisation gelisteten PKK und daher als Terroristen und Gefahr für die nationale Sicherheit der Türkei (AA 2.2.2024).

Die Führungsstrukturen der AANES unterscheiden sich von denen anderer Akteure und Gebiete in Syrien. Die "autonome Verwaltung" basiert auf der egalitären, von unten nach oben gerichteten Philosophie Abdullah Öcalans, der in der Türkei im Gefängnis sitzt [Anm.: Gründungsmitglied und Vorsitzender der PKK]. Frauen spielen eine viel stärkere Rolle als anderswo im Nahen Osten, auch in den kurdischen Sicherheitskräften. Lokale Nachbarschaftsräte bilden die Grundlage der Regierungsführung, die durch Kooptation zu größeren geografischen Einheiten zusammengeführt werden (MEI 26.4.2022). Es gibt eine provisorische Verfassung, die Lokalwahlen vorsieht (FH 9.3.2023). Dies ermöglicht mehr freie Meinungsäußerung als anderswo in Syrien und theoretisch auch mehr Opposition. In der Praxis ist die PYD nach wie vor vorherrschend, insbesondere in kurdisch besiedelten Gebieten (MEI 26.4.2022), und der AANES werden autoritäre Tendenzen bei der Regierungsführung und Wirtschaftsverwaltung des Gebiets vorgeworfen (Brookings 27.1.2023; vgl. SD 22.7.2021). Die mit der PYD verbundenen Kräfte nehmen regelmäßig politische Opponenten fest. Während die politische Vertretung von Arabern formal gewährleistet ist, werden der PYD Übergriffe gegen nicht-kurdische Einwohner vorgeworfen (FH 9.3.2023). Teile der SDF haben Berichten zufolge Übergriffe verübt, darunter Angriffe auf Wohngebiete, körperliche Misshandlungen, rechtswidrige Festnahmen, Rekrutierung und Einsatz von Kindersoldaten, Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie willkürliche Zerstörung und Abriss von Häusern. Die SDF haben die meisten Vorwürfe gegen ihre Streitkräfte untersucht. Einige Mitglieder der SDF wurden wegen Missbrauchs strafrechtlich verfolgt, jedoch lagen dazu keine genauen Zahlen vor (USDOS 20.3.2023).

Zwischen den rivalisierenden Gruppierungen unter den Kurden gibt es einerseits Annäherungsbemühungen, andererseits kommt es im Nordosten aus politischen Gründen und wegen der schlechten Versorgungslage zunehmend auch zu innerkurdischen Spannungen zwischen dem sogenannten Kurdish National Council, der Masoud Barzanis KDP [Anm.: Kurdistan Democratic Party - Irak] nahesteht und dem ein Naheverhältnis zur Türkei nachgesagt wird, und der PYD, welche die treibende Kraft hinter der kurdischen Selbstverwaltung ist, und die aus Sicht des Kurdish National Council der PKK zu nahe steht (ÖB 1.10.2021).

Seitdem der Islamische Staat (IS) 2019 die Kontrolle über sein letztes Bevölkerungszentrum verloren hat, greift er mit Guerilla- und Terrortaktiken Sicherheitskräfte und lokale zivile Führungskräfte an (FH 9.3.2023). Hauptziele sind Einrichtungen und Kader der SDF sowie der syrischen Armee (ÖB 1.10.2021)

II.1.6.2. Sicherheitslage:

Die militärische Landkarte Syriens hat sich nicht substantiell verändert. Das Regime kontrolliert weiterhin rund 60 Prozent des syrischen Staatsgebiets, mit Ausnahme von Teilen des Nordwestens, des Nordens und des Nordostens (AA 2.2.2024). United Nations Geospatial veröffentlichte eine Karte mit Stand Juni 2023, in welcher die wichtigsten militärischen Akteure und ihre Einflussgebiete verzeichnet sind (UNGeo 1.7.2023):

UNGeo 1.7.2023 (Stand: 6.2023)

Die folgende Karte zeigt Kontroll- und Einflussgebiete unterschiedlicher Akteure in Syrien, wobei auch Konvoi- und Patrouille-Routen eingezeichnet sind, die von syrischen, russischen und amerikanischen Kräften befahren werden. Im Nordosten kommt es dabei zu gemeinsam genutzten Straßen

CC 13.12.2023 (Stand: 30.9.2023)

Die militärische Intervention Russlands und die damit einhergehende Luftunterstützung für Assads Streitkräfte sowie die erheblich ausgeweitete indirekte Bodenintervention Irans in Form eines Einsatzes ausländischer Milizen konnten 2015 den Zusammenbruch des syrischen Regimes abwenden (KAS 4.12.2018). Die syrische Regierung hat derzeit die Kontrolle über ca. zwei Drittel des Landes, inklusive größerer Städte, wie Aleppo und Homs. Unter ihrer Kontrolle sind derzeit die Provinzen Suweida, Daraa, Quneitra, Homs sowie ein Großteil der Provinzen Hama, Tartus, Lattakia und Damaskus. Auch in den Provinzen Aleppo, Raqqa und Deir ez-Zor übt die syrische Regierung über weite Teile die Kontrolle aus (Barron 6.10.2023). Aktuell sind die syrischen Streitkräfte mit Ausnahme von wenigen Eliteeinheiten technisch sowie personell schlecht ausgerüstet und können gerade abseits der großen Konfliktschauplätze nur begrenzt militärische Kontrolle ausüben (AA 2.2.2024). Die Opposition konnte eingeschränkt die Kontrolle über Idlib und entlang der irakisch-syrischen Grenze behalten. (CFR 24.1.2024).

Das Regime, Pro-Regime-Milizen wie die Nationalen Verteidigungskräfte (National Defense Forces - NDF), bewaffnete Oppositionsgruppen, die von der Türkei unterstützt werden, die Syrian Democratic Forces (SDF), extremistische Gruppen wie Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS) und IS (Islamischer Staat), ausländische Terrorgruppen wie Hizbollah sowie Russland, Türkei und Iran sind in den bewaffneten Konflikt involviert (USDOS 20.3.2023) Es kann laut Einschätzung des deutschen Auswärtigen Amts im gesamten Land jederzeit zu militärischer Gewalt kommen. Gefahr kann dabei einerseits von Kräften des Regimes gemeinsam mit seinen Verbündeten Russland und Iran ausgehen, welches unverändert das gesamte Staatsgebiet militärisch zurückerobern will und als Feinde betrachtete „terroristische“ Kräfte bekämpft. Das Regime ist trotz begrenzter Kapazitäten grundsätzlich zu Luftangriffen im gesamten Land fähig, mit Ausnahme von Gebieten unter türkischer oder kurdischer Kontrolle sowie in der von den USA kontrollierten Zone rund um das Vertriebenenlager Rukban an der syrisch-jordanischen Grenze. Nichtsdestotrotz basiert seine militärische Durchsetzungsfähigkeit fast ausschließlich auf der massiven militärischen Unterstützung durch die russische Luftwaffe und Einheiten Irans, bzw. durch seitens Iran unterstützte Milizen, einschließlich Hizbollah (AA 2.2.2024). Wenngleich offene Quellen seit August 2022 den Abzug militärischer Infrastruktur (insb. Luftabwehrsystem S-300) vermelden, lassen sich Auswirkungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf die russische Einsatzfähigkeit in Syrien bislang nicht substantiieren. (AA 29.3.2023).

Die folgende Karte zeigt die verschiedenen internationalen Akteure und deren militärische Interessenschwerpunkte in Syrien:

Quelle: Jusoor 30.7.2023

II.1.6.2.1. Sicherheitslage in Nordwest-Syrien:

Während das Assad-Regime etwa 60 Prozent des Landes kontrolliert, was einer Bevölkerung von rund neun Millionen Menschen entspricht, gibt es derzeit [im Nordwesten Syriens] zwei Gebiete, die sich noch außerhalb der Kontrolle des Regimes befinden: Nord-Aleppo und andere Gebiete an der Grenze zur Türkei, die von der von Ankara unterstützten Syrischen Nationalarmee (Syrian National Army, SNA) kontrolliert werden, und das Gebiet von Idlib, das von der militanten islamistischen Gruppe Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS) kontrolliert wird. Zusammen kontrollieren sie 10 Prozent des Landes mit einer Bevölkerung von etwa 4,4 Millionen Menschen, wobei die Daten zur Bevölkerungsanzahl je nach zitierter Institution etwas variieren (ISPI 27.6.2023).

Auf diesem Kartenausschnitt sind die Machtverhältnisse in Nordwest-Syrien eingezeichnet:

II.1.6.2.1.1. Das Gebiet unter Kontrolle von Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS)

In der nordwestlichen Provinz Idlib und den angrenzenden Teilen der Provinzen Nord-Hama und West-Aleppo befindet sich die letzte Hochburg der Opposition in Syrien (BBC 2.5.2023). Das Gebiet wird von dem ehemaligen al-Qaida-Ableger Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS) [Anm.: übersetzt soviel wie: Komitee zur Befreiung der Levante] beherrscht, der nach Ansicht von Analysten einen Wandel durchläuft, um seine Herrschaft in der Provinz zu festigen (Alaraby 5.6.2023).

Das Gebiet beherbergt aber auch andere etablierte Rebellengruppen, die von der Türkei unterstützt werden (BBC 2.5.2023). HTS hat die stillschweigende Unterstützung der Türkei, die die Gruppe als Quelle der Stabilität in der Provinz und als mäßigenden Einfluss auf die radikaleren, transnationalen dschihadistischen Gruppen in der Region betrachtet. Durch eine Kombination aus militärischen Konfrontationen, Razzien und Festnahmen hat die HTS alle ihre früheren Rivalen wie Hurras ad-Din und Ahrar ash-Sham effektiv neutralisiert. Durch diese Machtkonsolidierung unterscheidet sich das heutige Idlib deutlich von der Situation vor fünf Jahren, als dort eine große Anzahl an dschihadistischen Gruppen um die Macht konkurrierte. HTS hat derzeit keine nennenswerten Rivalen. Die Gruppe hat Institutionen aufgebaut und andere Gruppen davon abgehalten, Angriffe im Nordwesten zu verüben. Diese Tendenz hat sich nach Ansicht von Experten seit dem verheerenden Erdbeben vom 6.2.2023, das Syrien und die Türkei erschütterte, noch beschleunigt (Alaraby 5.6.2023).

Aufgrund des militärischen Vorrückens der Regime-Kräfte und nach Deportationen von Rebellen aus zuvor vom Regime zurückeroberten Gebieten, ist Idlib in Nordwestsyrien seit Jahren Rückzugsgebiet vieler moderater, aber auch radikaler, teils terroristischer Gruppen der bewaffneten Opposition geworden (AA 29.11.2021). Zehntausende radikal-militanter Kämpfer, insb. der HTS, sind in Idlib präsent. Unter diesen befinden sich auch zahlreiche Foreign Fighters (Uiguren, Tschetschenen, Usbeken) (ÖB Damaskus 12.2022). Unter dem Kommando der HTS stehen zwischen 7.000 und 12.000 Kämpfer, darunter ca. 1.000 sogenannte Foreign Terrorist Fighters (UNSC 25.7.2023). Viele IS­-Kämpfer übersiedelten nach dem Fall von Raqqa 2017 nach Idlib - großteils Ausländer, die für den Dschihad nach Syrien gekommen waren und sich nun anderen islamistischen Gruppen wie der Nusra­-Front [Jabhat al-Nusra], heute als HTS bekannt, angeschlossen haben. Meistens geschah das über persönliche Kontakte, aber ihre Lage ist nicht abgesichert. Ausreichend Geld und die richtigen Kontaktleute ermöglichen derartige Transfers über die Frontlinie (Zenith 11.2.2022). Der IS sieht den Nordwesten als potenzielles Einfallstor in die Türkei und als sicheren Rückzugsort, wo seine Anhänger sich unter die Bevölkerung mischen (UNSC 25.7.2023). Laut einem Bericht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom Februar 2023 sind neben HTS und Hurras ad-Din unter anderem auch die zentralasiatischen Gruppierungen Khatiba at-Tawhid wal-Jihad (KTJ) - im März 2022 in Liwa Abu Ubayda umbenannt - und das Eastern Turkistan Islamic Movement (ETIM) - auch bekannt als Turkistan Islamic Party (TIP) - in Nordwestsyrien präsent (UNSC 13.2.2023).

Im Jahr 2012 stufte Washington Jabhat an-Nusra [Anm.: nach Umorganisationen und Umbenennungen nun HTS] als Terrororganisation ein (Alaraby 8.5.2023). Auch die Vereinten Nationen führen HTS als terroristische Vereinigung (AA 2.2.2024). Die Organisation versuchte, dieser Einstufung zu entgehen, indem sie 2016 ihre Loslösung von al-Qaida ankündigte und ihren Namen mehrmals änderte, aber ihre Bemühungen waren nicht erfolgreich und die US-Regierung führt sie weiterhin als "terroristische Vereinigung" (Alaraby 8.5.2023; vgl. CTC Sentinel 2.2023). HTS geht gegen den IS und al-Qaida vor (COAR 28.2.2022; vgl. CTC Sentinel 2.2023) und reguliert nun die Anwesenheit ausländischer Dschihadisten mittels Ausgabe von Identitätsausweisen für die Einwohner von Idlib, ohne welche z.B. das Passieren von HTS-Checkpoints verunmöglicht wird. Die HTS versucht so, dem Verdacht entgegenzutreten, dass sie das Verstecken von IS-Führern in ihren Gebieten unterstützt, und signalisiert so ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft bei der Terrorismusbekämpfung (COAR 28.2.2022). Im Mai 2023 startete die HTS in den Provinzen Idlib und Aleppo beispielsweise eine Verhaftungskampagne gegen Hizb ut-Tahrir (HuT) als Teil der langfristigen Strategie, andere islamistische Gruppen in den von ihr kontrollierten Gebieten zu unterwerfen und die Streichung der HTS von internationalen Terroristenlisten zu erwirken (ACLED 8.6.2023; vgl. Alaraby 8.5.2023). Das Vorgehen gegen radikalere, konkurrierende Gruppierungen und die Versuche der Führung, der HTS ein gemäßigteres Image zu verpassen, führten allerdings zu Spaltungstendenzen innerhalb der verschiedenen HTS-Fraktionen (AM 22.12.2021). Im Dezember 2023 wurden diese Spaltungstendenzen evident. Nach einer Verhaftungswelle, die sich über ein Jahr hinzog, floh eine Führungspersönlichkeit in die Türkei, um eine eigene rivalisierende Gruppierung zu gründen. Die HTS reagierte mit einer Militäroperation in Afrin (Etana 12.2023). HTS verfolgt eine Expansionsstrategie und führt eine Offensive gegen regierungsnahe Milizen im Raum Aleppo durch (UNSC 25.7.2023).

Konfliktverlauf im Gebiet

Im Jahr 2015 verlor die syrische Regierung die Kontrolle über Idlib und diverse rivalisierende oppositionelle Gruppierungen übernahmen die Macht (BBC 18.2.2020), wobei die Freie Syrische Armee (FSA) manche Teile der Provinz schon 2012 erobert hatte (KAS 4.2020). Während die syrische Regierung die gesamte Provinz zurückerobern will, versucht Ankara zu verhindern, dass Idlib an Damaskus fällt, und daraufhin noch mehr Syrer in die Türkei flüchten (ORF 14.3.2021; vgl. Alaraby 25.1.2023). Die Türkei hat HTS als terroristische Organisation eingestuft, doch hat sie die Rebellengruppe in den letzten Jahren nicht aktiv daran gehindert, die Verwaltungsmacht in Idlib zu übernehmen (USCIRF 11.2022). Im Mai 2017 einigten sich Russland, Iran und die Türkei im Rahmen der Astana-Verhandlungen auf die Errichtung vier sogenannter Deeskalationszonen (DEZ) in Syrien (KAS 6.2020), wobei Idlib Teil einer DEZ wurde, die sich von den nordöstlichen Bergen Lattakias bis zu den nordwestlichen Vororten von Aleppo erstreckt und sowohl durch Hama als auch durch Idlib verläuft (SOHR 2.12.2022). Gemeint waren damit kampffreie Räume, in denen Zivilisten vor Angriffen geschützt sein sollten (KAS 6.2020; vgl. SD 18.8.2019). Gemäß der Übereinkunft von Astana rückte die türkische Armee im Oktober 2017 in die DEZ Idlib ein und errichtete Beobachtungsposten zur Überwachung der Waffenruhe. Ankara hatte sich in Astana verpflichtet, die Rebellen zu entwaffnen und den freien Verkehr auf den Fernstraßen M4 und M5 zu gewährleisten. Im Gegenzug hatten Moskau und Damaskus zugesichert, die Provinz nicht anzugreifen. Zusagen, die letztlich keine Seite einhielt. Die syrische Regierung führte im Zeitraum 2018-2020 Offensiven in Idlib durch, die zur Flucht von rund einer Million Menschen führten (KAS 6.2020).

Das syrische Regime hat den Wunsch geäußert, die Provinz zurückzuerobern, doch seit einer Offensive im März 2020, die mit einer für die syrische Regierung katastrophalen Niederlage gegen die Türkei endete, hat das Gebiet den Besitzer nicht mehr gewechselt (Alaraby 5.6.2023). Im März 2020 vermittelten Russland und die Türkei einen Waffenstillstand, um einen Vorstoß der Regierung zur Rückeroberung von Idlib zu stoppen (BBC 26.6.2023). Die vereinbarte Waffenruhe in der DEZ Idlib wurde weitestgehend eingehalten (AA 2.2.2024), sie führte zu einer längeren Pause in der Gewalt, aber sporadische Zusammenstöße, Luftangriffe und Beschuss gehen weiter (BBC 26.6.2023). Der Konflikt ist derzeit weitgehend eingefroren, auch wenn es immer wieder zu Kämpfen kommt (AJ 15.3.2023).

Insbesondere im Süden der DEZ kommt es unverändert regelmäßig zu Kampfhandlungen zwischen Einheiten des Regimes und seiner Verbündeten und regimefeindlichen bewaffneten Oppositionsgruppen (AA 2.2.2024; vgl. UNSC 20.4.2023), inklusive schwerer Artillerieangriffe durch das syrische Regime und Luftschläge der russischen Luftwaffe (AA 2.2.2024; vgl. USDOS 20.3.2023).

Im Oktober 2023 kam es zu einer erneuten Eskalation, die vom Vorsitzenden der CoI als größte Eskalation von Kampfhandlungen in Syrien in vier Jahren bezeichnet (UNHRC 24.10.2023). Angefangen hat die Gewaltperiode am 5.10.2023 durch einen Drohnenangriff auf die Ausmusterungsveranstaltung der Militärakademie in Homs, bei dem 89 Personen getötet und 270 verletzt wurden. Die Hay'at Tahrir ash-Sham wird verdächtigt, hinter dem Anschlag zu stehen. Die russischen Streitkräfte intensivierten ihre Luftangriffe und die Syrische Armee den Beschuss. Die HTS und ihre Verbündeten reagierten wiederum mit Artilleriebeschuss, Scharfschützen, Lenkflugkörpern und mutmaßlich auch weiteren Drohnenangriffen. Die Situation in Nordwestsyrien beruhigte sich im November wieder und die Kampfhandlungen gingen auf das Niveau vor der Eskalation im Oktober 2023 zurück, waren aber auch im Dezember 2023 noch unverändert evident (ICG 10.2023).

Organisation Hay’at Tahrir al-Sham (HTS):

Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) war früher als Jabhat al-Nusra bekannt und wurde 2011 in Syrien als Ableger von Al-Qaida im Gegensatz zur Regierung der Arabischen Republik gegründet. Jabhat Al-Nusra entwickelte sich schnell zu einer leistungsfähigen Organisation, die eine wachsende Zahl von Kämpfern anzog. Jabhat al-Nusra beherrschte die Durchführung aufständischer Angriffe und die Sicherung wirtschaftlicher Einnahmen, vor allem durch Geber aus den Golfstaaten, aber auch durch Steuern und Beschlagnahmungen von Vermögenswerten in den von der Organisation kontrollierten Gebieten. Im Jahr 2016 wurde Jabhat al-Nusra aufgelöst und stattdessen Jabhat Fatah al-Sham gegründet. Im Jahr 2017 fusionierte Jabhat Fatah al-Sham jedoch mit mehreren anderen islamistischen Gruppen, wie Harakat Nour al-Din al-Zinki, Liwa al-Haq, Jaysh al-Sunna und Jabhat Ansar al-Din. Infolgedessen wurde al-Nusra erneut umbenannt und neu organisiert, um sich als Hay’at Tahrir al-Sham zu etablieren. (DIS 12.2022)

Seit 2017 versucht HTS, sich von einer Fraktion der globalen Dschihad-Bewegung und einem Al-Qaida-Ableger zu einer de facto militärischen und regierenden konservativen Macht im Nordwesten Syriens zu entwickeln. Seitdem besteht das Hauptziel von HTS darin, in den von ihm kontrollierten Gebieten eine islamische Herrschaft zu etablieren, indem es die syrische Regierung und die iranischen Milizen bekämpft, Nordsyrien verteidigt und erhält und die Einheit unter dschihadistischen Gruppen im Nordwesten Syriens anstrebt. (DIS 12.2022)

Im Jahr 2017 gründete HTS die syrische Heilsregierung, die aus zehn Ministerien besteht, darunter Ministerien für Inneres, Justiz, Stiftungen, Bildung, Gesundheit, lokale Verwaltung und Dienstleistungen, Wirtschaft und Ressourcen, Entwicklung und humanitäre Angelegenheiten, Hochschulbildung und Landwirtschaft. Die Organisation funktioniert somit eher wie eine quasi-staatliche Einheit mit einer zentralen Führung, die die verschiedenen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte und Komponenten von HTS kontrolliert. Laut einer syrischen Menschenrechtsorganisation ist HTS viel besser organisiert als SNA. Die von ihr kontrollierten Gebiete sind sicherer und geschützter als die von SNA kontrollierten Gebiete. (DIS 12.2022)

Seit November 2022 kontrolliert HTS große Teile des Großraums Idlib. Laut einer für diesen Bericht konsultierten syrischen Menschenrechtsorganisation kontrolliert HTS 50 % des Gouvernements Idlib. HTS kontrolliert auch Teile des nordwestlichen Gouvernements Hama und einen Teil der westlichen Landschaft von Aleppo. HTS kontrolliert Gebiete im nördlichen Umland von Aleppo und im nordöstlichen Umland von Latakia. Dies ist im nordwestlichen Teil der unter Pkt. II.1.5.2. abgebildeten Karte von Syrien (UNGeo 1.7.2023, Stand: 6.2023 ) in durchgehendem Grün und schraffiertem Grün dargestellt. (DIS 12.2022)

II.1.6.2.1.2. Gebiete unter Kontrolle der Türkei und Türkei-naher Milizen

Die Opposition im Nordwesten Syriens ist in zwei große Gruppen/Bündnisse gespalten: HTS im Gouvernement Idlib und die von der Türkei unterstützte SNA im Gouvernement Aleppo.

Zur Freien Syrischen Armee (FSA)

Ab 2022 existiert die Freie Syrische Armee (FSA) nicht mehr als zusammenhängende Militärmacht. Seit 2018 hat sich die FSA in Süd- und Zentralsyrien aufgelöst, nachdem die syrische Regierung (GoS) 2018 von der Opposition kontrollierte Gebiete übernommen hatte. An anderen Orten im Norden und Nordwesten Syriens, in Gebieten unter der Kontrolle der Opposition, haben sich ehemalige FSA-Gruppen mit der Syrischen Nationalarmee zusammengeschlossen (SNA) nach 2018, teilweise aufgrund der Dezimierung solcher FSA-Gruppen bei bewaffneten Zusammenstößen mit der GoS in Idlib im Jahr 2020. (DIS 12.2022)

Seit November 2022 ist die Freie Syrische Armee (FSA) ein umgangssprachlicher Begriff, den gewöhnliche Syrer verwenden, um Oppositionsgruppen zu beschreiben, bei denen es sich nicht um den Islamischen Staat, die HTS oder kurdisch geführte Kräfte wie die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) handelt. Gewöhnliche Syrer bezeichnen mit dem Begriff „Freie Syrische Armee“ Rebellen- und Oppositionsgruppen, die von Forschern hingegen als spezifische und individuelle bewaffnete Oppositionsgruppen identifiziert wurden. Nach Angaben des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte (SNHR) bezeichnen sich alle bewaffneten nichtislamischen Oppositionsgruppen als „Freie Syrische Armee“, obwohl jede Gruppe einen eigenen Namen hat und tatsächlich Teil der (SNA) sein kann. (DIS 12.2022)

Die SNA ist auf dem Papier die Streitkraft der syrischen Übergangsregierung (SIG), die rund 2,3 Millionen Syrer regiert. In Wirklichkeit ist die SNA allerdings keine einheitliche Truppe, sondern setzt sich aus verschiedenen Fraktionen zusammen, die unterschiedliche Legionen bilden und nicht unbedingt der Führung des Verteidigungsministers der SIG folgen (Forbes 22.10.2022). Eine hochrangige syrische Oppositionsquelle in Afrîn sagte, dass innerhalb der SNA strukturelle Probleme bestehen, seit die von der Türkei unterstützten Kräfte das Gebiet 2018 von kurdischen Kräften erobert haben (MEE 15.10.2022) und es wird von internen Kämpfen der SNA-Fraktionen berichtet (MEE 25.10.2022). Trotz der internen Streitigkeiten operieren die SIG-Verwaltungen und die bewaffneten Gruppen innerhalb der SNA innerhalb der von Ankara vorgegebenen Grenzen (Forbes 22.10.2022; vgl. Brookings 27.1.2023).

Die SNA ist in den nördlichen und nordwestlichen Teilen der Gouvernements Aleppo, Raqqa und Hasaka präsent, in Gebieten, in denen die Türkei seit 2016 drei separate Militäreinsätze gestartet hat. Diese Gebiete sind als Operation Euphrates Shield-Gebiet (2016), Operation Olive Branch-Gebiet (2018) und Operation Peace Spring-Gebiet (2019) bekannt. Diese sind auf der unter Pkt. II.1.6.2. abgebildeten Karte von Syrien (UNGeo 1.7.2023) in den mit grüner Farbe und weißen Punkten markierten Gebieten dargestellt. (DIS 12.2022)

„Operation Friedensquelle“ (türk. „Barış Pınarı Harekâtı“)

Nachdem der ehemalige US-Präsident Donald Trump Anfang Oktober 2019 ankündigte, die US-amerikanischen Truppen aus der syrisch-türkischen Grenzregion abzuziehen, startete die Türkei am 9.10.2019 eine Luft- und Bodenoffensive im Nordosten Syriens. Im Zuge dessen riefen die kurdischen Behörden eine Generalmobilisierung aus. Einerseits wollte die Türkei mithilfe der Offensive die YPG und die von der YPG geführten Syrian Democratic Forces (SDF) aus der Grenzregion zur Türkei vertreiben, andererseits war das Ziel der Offensive, einen Gebietsstreifen entlang der Grenze auf syrischer Seite zu kontrollieren, in dem rund zwei der ungefähr 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge, die in der Türkei leben, angesiedelt werden sollen (CNN 10.10.2019).

Die syrische Armee von Präsident Bashar al-Assad ist nach einer Einigung mit den SDF am 14.10.2019 in mehrere Grenzstädte eingerückt, um sich der „türkischen Aggression“ entgegenzustellen, wie Staatsmedien berichteten (Standard 15.10.2019). Laut der Vereinbarung übernahmen die Einheiten der syrischen Regierung in einigen Grenzstädten die Sicherheitsfunktionen, die Administration soll aber weiterhin in kurdischer Hand sein (WP 14.10.2019). Seitdem verblieben die Machtverhältnisse [mit Stand April 2023] weitgehend unverändert (GEG 3.4.2023). Die syrischen Regierungstruppen üben im Gebiet punktuell Macht aus, etwa mit Übergängen zwischen einzelnen Stadtvierteln (z. B. Stadt Qamischli im Gouvernement Al-Hassakah) (AA 29.3.2023). Nach Vereinbarungen zwischen der Türkei, den USA und Russland richtete die Türkei eine „Sicherheitszone“ in dem Gebiet zwischen Tall Abyad und Ra’s al-ʿAyn ein (SWP 1.1.2020), die 120 Kilometer lang und bis zu 14 Kilometer breit ist (AA 19.5.2020)

II.1.6.2.2. Nordost-Syrien: Selbstverwaltungsgebiet Nord- und Ostsyrien (Autonomous Administration of North und East Syria – AANES) und das Gebiet der SNA (Syrian National Army)

Besonders volatil stellt sich laut Einschätzung des deutschen Auswärtigen Amtes die Lage im Nordosten Syriens (v. a. Gebiete unmittelbar um und östlich des Euphrats) dar. Als Reaktion auf einen, von der Türkei der Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê, PKK) zugeschriebenen, Terroranschlag mit mehreren Toten in Istanbul startete das türkische Militär am 19.11.2022 eine mit Artillerie unterstützte Luftoperation gegen kurdische Ziele u. a. in Nordsyrien. Bereits zuvor war es immer wieder zu vereinzelten, teils schweren Auseinandersetzungen zwischen türkischen und Türkei-nahen Einheiten und Einheiten der kurdisch dominierten SDF (Syrian Democratic Forces) sowie Truppen des Regimes gekommen, welche in Abstimmung mit den SDF nach Nordsyrien verlegt wurden. Als Folge dieser Auseinandersetzungen, insbesondere auch von seit Sommer 2022 zunehmenden türkischen Drohnenschlägen, wurden immer wieder auch zivile Todesopfer, darunter Kinder, vermeldet (AA 29.3.2023). Auch waren die SDF gezwungen, ihren Truppeneinsatz angesichts türkischer Luftschläge und einer potenziellen Bodenoffensive umzustrukturieren. Durch türkische Angriffe auf die zivile Infrastruktur sind auch Bemühungen um die humanitäre Lage gefährdet (Newlines 7.3.2023). Die Angriffe beschränkten sich bereits im 3. Quartal 2022 nicht mehr nur auf die Frontlinien, wo die überwiegende Mehrheit der Zusammenstöße und Beschussereignisse stattfanden; im Juli und August 2022 trafen türkische Drohnen Ziele in den wichtigsten von den SDF kontrollierten städtischen Zentren und töteten Gegner (und Zivilisten) in Manbij, Kobanê, Tell Abyad, Raqqa, Qamishli, Tell Tamer und Hassakah (CC 3.11.2022). Bereits im Mai 2022 hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine vierte türkische Invasion seit 2016 angekündigt (HRW 12.1.2023). Anfang Oktober 2023 begannen die türkischen Streitkräfte wieder mit der Intensivierung ihrer Luftangriffe auf kurdische Ziele in Syrien, nachdem in Ankara ein Bombenanschlag durch zwei Angreifer aus Syrien verübt worden war (REU 4.10.2023). Die Luftangriffe, die in den Provinzen Hasakah, Raqqa und Aleppo durchgeführt wurden, trafen für die Versorgung von Millionen von Menschen wichtige Wasser- und Elektrizitätsinfrastruktur (HRW 26.10.2023; vgl. AA 2.2.2024).

Die Türkei unterstellt sowohl den Streitkräften der Volksverteidigungseinheiten (YPG) als auch der Democratic Union Party (PYD) Nähe zur von der EU als Terrororganisation gelisteten PKK und bezeichnet diese daher ebenfalls als Terroristen und Gefahr für die nationale Sicherheit der Türkei (AA 29.11.2021).

Der Think Tank Newslines Institute for Strategy and Policy sieht auf der folgenden Karte besonders die Gebiete von Tal Rifa'at, Manbij und Kobanê als potenzielle Ziele einer türkischen Offensive. Auf der Karte sind auch die Strecken und Gebiete mit einer Präsenz von Regime- und pro-Regime-Kräften im Selbstverwaltungsgebiet ersichtlich, die sich vor allem entlang der Frontlinien zu den pro-türkischen Rebellengebieten und entlang der türkisch-syrischen Grenze entlangziehen. In Tal Rifa'at und an manchen Grenzabschnitten sind sie nicht präsent:

Der Rückzug der USA aus den Gebieten östlich des Euphrat im Oktober 2019 ermöglichte es der Türkei, sich in das Gebiet auszudehnen und ihre Grenze tiefer in Syrien zu verlegen, um eine Pufferzone gegen die SDF zu schaffen (CMEC 2.10.2020). Aufgrund der türkischen Vorstöße sahen sich die SDF dazu gezwungen, mehrere tausend syrische Regierungstruppen aufzufordern, in dem Gebiet Stellung zu beziehen, um die Türkei abzuschrecken, und den Kampf auf eine zwischenstaatliche Ebene zu verlagern (ICG 18.11.2021). Regimekräfte sind seither in allen größeren Städten in Nordostsyrien präsent (AA 29.11.2021). Die Türkei stützte sich bei ihrer Militäroffensive im Oktober 2019 auch auf Rebellengruppen, die in der 'Syrian National Army' (SNA) zusammengefasst sind; seitens dieser Gruppen kam es zu gewaltsamen Übergriffen, insbesondere auf die kurdische Zivilbevölkerung sowie Christen und Jesiden (Ermordungen, Plünderungen und Vertreibungen). Aufgrund des Einmarsches wuchs die Zahl der intern vertriebenen Menschen im Nordosten auf über eine halbe Million an (ÖB Damaskus 1.10.2021).

Auf der folgenden Karte sind die militärischen Akteure der Region wie auch militärische und infrastrukturelle Maßnahmen, welche zur Absicherung der kurdischen "Selbstverwaltung" (Autonomous Administration of North and East Syria - AANES) nötig wären, eingezeichnet. Auf dieser Karte ist entlang der gesamten Frontlinie zu pro-türkischen Gebieten bzw. der türkisch-syrischen Grenze die Präsenz einer Kooperation zwischen SDF, Regime und russischen Truppen mit Ausnahme entlang des Tigris im äußersten Nordosten verzeichnet:

TWI 15.3.2022

Entgegen früheren Ankündigungen bleiben die USA weiterhin militärisch präsent (ÖB Damaskus 1.10.2021; vgl. AA 29.11.2021; JsF 9.9.2022). Am 4.9.2022 errichteten die US-Truppen einen neuen Militärstützpunkt im Dorf Naqara im Nordosten Syriens, der zu den drei Standorten der US-geführten internationalen Koalition in der Region Qamishli gehört. Der neue Militärstützpunkt kann dazu beitragen, die verstärkten Aktivitäten Russlands und Irans in der Region zu überwachen; insbesondere überblickt er direkt den von den russischen Streitkräften betriebenen Luftwaffenstützpunkt am Flughafen Qamishli. Er ist nur wenige Kilometer von den iranischen Militärstandorten südlich der Stadt entfernt (JsF 9.9.2022). Hinzukamen wiederholte Luft- bzw. Drohnenangriffe zwischen den in Nordost-Syrien stationierten US-Truppen und Iran-nahen Milizen (AA 2.2.2024).

SDF, YPG und YPJ [Anm.: Frauenverteidigungseinheiten] sind nicht nur mit türkischen Streitkräften und verschiedenen islamistischen Extremistengruppen in der Region zusammengestoßen, sondern gelegentlich auch mit kurdischen bewaffneten Gruppen, den Streitkräften des Assad-Regimes, Rebellen der Freien Syrischen Armee und anderen Gruppierungen (AN 17.10.2021). Die kurdisch kontrollierten Gebiete im Nordosten Syriens umfassen auch den größten Teil des Gebiets, das zuvor unter der Kontrolle des IS in Syrien stand (ICG 11.10.2019; vgl. EUAA 9.2022). Raqqa war de facto die Hauptstadt des IS (PBS 22.2.2022), und die Region gilt als "Hauptschauplatz für den Aufstand des IS" (ICG 11.10.2019; vgl. EUAA 9.2022).

Die kurdischen YPG stellen einen wesentlichen Teil der Kämpfer und v. a. der Führungsebene der SDF, welche in Kooperation mit der internationalen Anti-IS-Koalition militärisch gegen die Terrororganisation IS in Syrien vorgehen (AA 29.11.2021). In Reaktion auf die Reorganisation der Truppen zur Verstärkung der Front gegen die Türkei stellten die SDF vorübergehend ihre Operationen und andere Sicherheitsmaßnahmen gegen den Islamischen Staat ein. Dies weckte Befürchtungen bezüglich einer Stärkung des IS in Nordost-Syrien (Newlines 7.3.2023). Die SDF hatten mit Unterstützung US-amerikanischer Koalitionskräfte allein seit Ende 2021 mehrere Sicherheitsoperationen durchgeführt, in denen nach eigenen Angaben Hunderte mutmaßliche IS-Angehörige verhaftet und einzelne Führungskader getötet wurden (AA 2.2.2024).

Der IS führt weiterhin militärische Operationen in der AANES durch. Die SDF reagieren auf die Angriffe mit routinemäßigen Sicherheitskampagnen, unterstützt durch die Internationale Koalition. Bisher konnten diese die Aktivitäten des IS und seiner affiliierten Zellen nicht einschränken. SOHR dokumentierte von Anfang 2023 bis September 2023 121 Operationen durch den IS, wie bewaffnete Angriffe und Explosionen, in den Gebieten der AANES. Dabei kamen 78 Personen zu Tode, darunter 17 ZivilistInnen und 56 Mitglieder der SDF (SOHR 24.9.2023).

Türkische Angriffe und eine Finanzkrise destabilisieren den Nordosten Syriens (Zenith 11.2.2022). Die Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien befindet sich heute in einer zunehmend prekären politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Lage (TWI 15.3.2022). Wie in anderen Bereichen üben die dominanten Politiker der YPG, der mit ihr verbündeten Organisationen im Sicherheitsbereich sowie einflussreiche Geschäftsleute Einfluss auf die Wirtschaft aus, was verbreiteten Schmuggel zwischen den Kontrollgebieten in Syrien und in den Irak ermöglicht (Brookings 27.1.2023). Angesichts der sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen im Nordosten Syriens haben die SDF zunehmend drakonische Maßnahmen ergriffen, um gegen abweichende Meinungen im Land vorzugehen und Proteste zum Schweigen zu bringen, da ihre Autorität von allen Seiten bedroht wird (Etana 30.6.2022). Nach den Präsidentschaftswahlen im Mai 2021 kam es in verschiedenen Teilen des Gebiets zu Protesten, unter anderem gegen den niedrigen Lebensstandard und die Wehrpflicht der SDF (al-Sharq 27.8.2021) sowie gegen steigende Treibstoffpreise (AM 30.5.2021). In arabisch besiedelten Gebieten im Gouvernement Hassakah und Manbij (Gouvernement Aleppo) starben Menschen, nachdem Asayish [Anm: Sicherheitskräfte der kurdischen Autonomieregion] in die Proteste eingriffen (al-Sharq 27.8.2021; vgl. AM 30.5.2021). Die Türkei verschärft die wirtschaftliche Lage in AANES absichtlich, indem sie den Wasserfluss nach Syrien einschränkt (KF 5.2022). Obwohl es keine weitverbreiteten Rufe nach einer Rückkehr des Assad-Regimes gibt, verlieren einige Einwohner das Vertrauen, dass die kurdisch geführte AANES für Sicherheit und Stabilität sorgen kann (TWI 15.3.2022).

II.1.6.3. Rechtsschutz/Justizwesen

II.1.6.3.1. Gebiete außerhalb der Kontrolle des Regimes unter HTS- oder SNA Dominanz

In Gebieten außerhalb der Kontrolle des syrischen Regimes ist die Lage von Justiz und Verwaltung von Region zu Region und je nach den örtlichen Herrschaftsverhältnissen unterschiedlich (AA 2.2.2024). In von oppositionellen Gruppen kontrollierten Gebieten wurden unterschiedlich konstituierte Gerichte und Haftanstalten aufgebaut, mit starken Unterschieden bei der Organisationsstruktur und bei der Beachtung juristischer Normen. Manche Gruppen folgen dem (syrischen) Strafgesetzbuch, andere folgen dem Entwurf eines Strafgesetzbuches auf Grundlage der Scharia, der von der Arabischen Liga aus dem Jahr 1996 stammt, während wiederum andere eine Mischung aus Gewohnheitsrecht und Scharia anwenden. Erfahrung, Expertise und Qualifikation der Richter in diesen Gebieten sind oft sehr unterschiedlich und häufig sind diese dem Einfluss der dominanten bewaffneten Gruppierungen unterworfen (USDOS 11.3.2020). Auch die Härte des angewandten islamischen Rechts unterscheidet sich, sodass keine allgemeinen Aussagen getroffen werden können (ÖB Damaskus 1.10.2021).

Doch werden insbesondere jene religiösen Gerichte, welche in (vormals) vom Islamischen Staat (IS) und von Hay'at Tahrir ash-Sham (HTS) [Anm.: HTS wird von den Vereinigten Staaten aufgrund ihrer Verbindungen zu Al Qa'ida als ausländische Terrororganisation eingestuft (CRS 8.11.2022)] kontrollierten Gebieten Recht sprechen, als nicht mit internationalen Standards im Einklang stehend charakterisiert (ÖB Damaskus 1.10.2021). Die Gerichte extremistischer Gruppen verhängen in ihren religiösen Gerichten harte Strafen wegen in ihrer Wahrnehmung religiösen Verfehlungen (FH 9.3.2023). Urteile von Scharia-Räten der Opposition resultieren manchmal in öffentlichen Hinrichtungen, ohne dass Angeklagte Berufung einlegen oder Besuch von ihren Familien erhalten können (USDOS 20.3.2023).

Das Gebiet unter Kontrolle der von der Türkei unterstützten syrischen Oppositionsgruppen wird von der "Syrischen Interimsregierung" (Syrian Interim Government - SIG) verwaltet. Das Justizsystem ist hauptsächlich mit erfahrenem Personal als Richter, Staatsanwälte und Anwälte besetzt, aber die Justiz gilt als direkt und indirekt unter Einfluss der türkischen Streitkräfte und ihrer lokalen syrischen Verbündeten stehend. Implizit werden Korruption und Schikanen durch diese von der Justiz toleriert. Gleichzeitig wird gegen jegliche Opposition zur SIG oder der türkischen Präsenz strikt vorgegangen. Neben einem zivilen Justizsystem gibt es auch eine Militärjustiz, welche für militärische Strafverfahren und für das Militärpersonal zuständig ist (NMFA 5.2022).

In Idlib übernehmen quasi-staatliche Strukturen der sogenannten „Errettungs-Regierung“ der HTS Verwaltungsaufgaben (AA 2.2.2024) und verfügen auch über eine Justizbehörde. Die Gruppe unterhält auch geheime Gefängnisse. Die HTS unterwirft ihre Gefangenen geheimen Verfahren, den sogenannten "Scharia-Sitzungen". In diesen werden die Entscheidungen von den Scharia- und Sicherheitsbeamten (Geistliche in Führungspositionen der HTS, die befugt sind, Fatwas [Rechtsgutachten] und Urteile zu erlassen) getroffen. Die Gefangenen können keinen Anwalt zu ihrer Verteidigung hinzuziehen und sehen ihre Familien während ihrer Haft nicht (NMFA 6.2021). Die COI (die von der UNO eingesetzte Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic) stellt in ihrem Bericht vom Februar 2022 fest, dass durch HTS und andere bewaffnete Gruppierungen eingesetzte, rechtlich nicht legitimierte Gerichte Urteile bis hin zur Todesstrafe aussprechen. Dies sei als Mord einzustufen und stelle insofern ein Kriegsverbrechen dar (AA 2.2.2024).

II.1.6.3.2. Nordost-Syrien

In Gebieten unter Kontrolle der sogenannten „Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien“ übernimmt diese quasi-staatliche Aufgaben wie Verwaltung und Personenstandswesen (AA 2.2.2024). Es wurde eine von der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) geführte Verwaltung geschaffen, die neben diesen Rechtsinstitutionen auch eine eigene Polizei, Gefängnisse und Ministerien umfasst (AI 12.7.2017). Das Justizsystem in den kurdisch kontrollierten Gebieten besteht aus Gerichten, Rechtskomitees und Ermittlungsbehörden (USDOS 20.3.2023). Juristen, welche unter diesem Justizsystem agieren, werden von der syrischen Regierung beschuldigt, eine illegale Justiz geschaffen zu haben. Richter und Justizmitarbeiter sehen sich mit Haftbefehlen der syrischen Regierung konfrontiert, verfügen über keine Pässe und sind häufig Morddrohungen ausgesetzt (JS 28.10.2019).

In den Gebieten unter der Kontrolle der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (engl. Abk.: AANES) - auch kurd. "Rojava" genannt, setzten die Behörden einen Rechtskodex basierend auf einem "Gesellschaftsvertrag" ("social contract") durch. Dieser besteht aus einer Mischung aus syrischem Straf- und Zivilrecht und Gesetzen, die sich in Bezug auf Scheidung, Eheschließung, Waffenbesitz und Steuerhinterziehung an EU-Recht orientieren. Allerdings fehlen gewisse europäische Standards für faire Verfahren, wie das Verbot willkürlicher Festnahmen, das Recht auf gerichtliche Überprüfung und das Recht auf einen Anwalt (USDOS 20.3.2023). Zudem mangelt es an der Durchsetzung der Rechte für einen fairen Prozess (NMFA 6.2021).

Leute, die im Zusammenhang mit einem Gerichtsverfahren gesucht werden, erhalten keine Vorladung, sondern werden einfach verhaftet. In Pressekonferenzen der Asayish werden nur Verhaftungen von Verdächtigen in Strafverfahren vermeldet - nicht die Verhaftungen von Personen, welche wegen ihrer Meinungsäußerungen festgenommen oder die entführt wurden (NMFA 6.2021). Die SDF (Syrian Democratic Forces) führen willkürliche Verhaftungen von ZivilistInnen, einschließlich JournalistInnen durch (HRW 11.1.2024).

Verfahren gegen politische Gefangene werden in der Regel vor Strafgerichten oder vor einem Gericht für Terrorismusbekämpfung verhandelt. In Strafgerichten können Inhaftierte einen Anwalt beauftragen, in Gerichten für Terrorismusbekämpfung geht dies laut International Center for Transitional Justice (ICTJ) nicht und auch eine Berufung ist nicht möglich. Die meisten Inhaftierten werden nicht vor Gericht gestellt, sondern entweder freigelassen - oft unter Bedingungen, die mit Stammesführern ausgehandelt wurden - oder die Betroffenen verschwinden unter Gewaltanwendung (NMFA 6.2021).

Im März 2021 einigten sich Repräsentanten von kurdischen, jesidischen, arabischen und assyrischen Stämmen im Nordosten Syriens auf die Einrichtung eines Stammesgerichtssystems, bekannt als "Madbata", für die Klärung von intertribalen Streitigkeiten, Raubüberfällen, Rache und Plünderungen in der Jazira-Region in der Provinz Hassakah. Es besteht aus einer Reihe von Gesetzen und Bräuchen, die als Verfassung dienen, welche die Stammesbeziehungen regeln und die Anwendung dieser Gesetze überwachen, auf die sich eine Gruppe von Stammesältesten geeinigt hat. Aufgrund von schlechten Sicherheitsbedingungen und dem Fehlen einer effektiven und unparteiischen Justiz wurde wieder auf dieses traditionelle Rechtssystem zurückgegriffen (AM 4.4.2021).

II.1.6.4. Wehr- und Reservedienst bei den syrischen Streitkräften:

Für männliche syrische Staatsbürger ist im Alter zwischen 18 bis 42 Jahren die Ableistung eines Wehrdienstes verpflichtend (ÖB Damaskus 12.2022). Laut Gesetzesdekret Nr. 30 von 2007 Art. 4 lit b gilt dies vom 1. Januar des Jahres, in dem das Alter von 18 Jahren erreicht wird, bis zum Überschreiten des Alters von 42 Jahren (PAR 12.5.2007).

Das syrische Wehrdienstgesetz sieht vor, dass bestimmte Personengruppen, wie zum Beispiel der einzige Sohn einer Familie, aus medizinischen Gründen Untaugliche (DIS 5.2020; vgl. FIS 14.12.2018), manche Regierungsangestellte (FIS 14.12.2018) und Personen, welche eine Befreiungsgebühr bezahlen, vom Wehrdienst ausgenommen sind. Manche Studenten und Personen mit bestimmten Abschlüssen, wie auch Personen mit vorübergehenden Erkrankungen können den Wehrdienst aufschieben, wobei die Rückstellungen jedes Jahr erneuert werden müssen (DIS 5.2020). Das Risiko der Willkür ist immer gegeben (STDOK 8.2017; vgl. DRC/DIS 8.2017).

Als einziger Sohn der Familie kann man sich vom Wehrdienst befreien lassen. Mehrere Quellen des Danish Immigration Service haben angegeben, dass es keine Fälle gibt, in denen die einzigen Söhne einer Familie trotzdem zur Wehrpflicht herangezogen worden sind (DIS 1.2024).

Seit einer Änderung des Wehrpflichtgesetzes im Juli 2019 ist die Aufschiebung des Militärdienstes jedenfalls nur bis zum Alter von 37 Jahren möglich und kann durch Befehl des Oberbefehlshabers beendet werden (ÖB Damaskus 12.2022).

Am 1.12.2023 trat das neue Gesetzesdekret Nr.37 in Kraft, wonach sich Rekruten, die das 40. Lebensjahr vollendet haben und noch nicht in den Reservedienst eingetreten sind, sich von ebendiesem freikaufen können durch eine Zahlung von 4.800 USD. Für jeden Monat, in dem derjenige den Reservedienst bereits geleistet hat, werden 200 USD abgezogen (SANA 1.12.2023).

Binnenvertriebene sind wie andere Syrer zur Ableistung des Wehrdienstes verpflichtet und werden rekrutiert (FIS 14.12.2018). Auch geflüchtete Syrer, die nach Syrien zurückkehren, müssen mit Zwangsrekrutierung rechnen (AA 2.2.2024).

II.1.6.4.1. Die Umsetzung der Wehrpflicht:

Bei der Einberufung neuer Rekruten sendet die Regierung Wehrdienstbescheide mit der Aufforderung, sich zum Militärdienst anzumelden, an Männer, die das wehrfähige Alter erreicht haben. Die Namen der einberufenen Männer werden in einer zentralen Datenbank erfasst. (DIS 5.2020). Laut Gesetz sind in Syrien junge Männer im Alter von 17 Jahren dazu aufgerufen, sich ihr Wehrbuch abzuholen und sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Im Alter von 18 Jahren wird man einberufen, um den Wehrdienst abzuleisten. (STDOK 8.2017; vgl. DIS 7.2023). Die Rekruten müssen eine 45-tägige militärische Grundausbildung absolvieren. Männer mit niedrigem Bildungsstand werden häufig in der Infanterie eingesetzt, während Männer mit einer höheren Bildung oft in prestigeträchtigeren Positionen eingesetzt werden. Gebildetere Personen kommen damit auch mit höherer Wahrscheinlichkeit in Positionen, in denen sie über andere Personen Bericht erstatten oder diese bestrafen müssen (STDOK 8.2017).

Obwohl die offizielle Wehrdienstzeit etwa zwei Jahre beträgt, werden Wehrpflichtige in der Praxis auf unbestimmte Zeit eingezogen (NMFA 5.2022; vgl. AA 29.3.2022), wobei zuletzt von einer "Verkürzung" des Wehrdienstes auf 7,5 Jahre berichtet wurde. Die tatsächliche Dauer richtet sich laut UNHCR Syrien jedoch nach Rang und Funktion der Betreffenden (ÖB Damaskus 12.2022). Personen, die aufgrund ihrer besonderen Fachkenntnisse von großem Wert für die Armee und nur schwer zu ersetzen sind, können daher über Jahre hinweg im Militärdienst gehalten werden. Personen, deren Beruf oder Fachwissen in der Gesellschaft sehr gefragt ist, wie z.B. Ärzte, dürfen eher nach Ablauf der offiziellen Militärdienstzeit ausscheiden (NMFA 5.2022).

Seit März 2020 hat es in Syrien keine größeren militärischen Offensiven an den offiziellen Frontlinien mehr gegeben. Scharmützel, Granatenbeschuss und Luftangriffe gingen weiter, aber die Frontlinien waren im Grunde genommen eingefroren. Nach dem Ausbruch von COVID-19 und der Einstellung größerer Militäroperationen in Syrien Anfang 2020 verlangsamten sich Berichten zufolge die militärischen Rekrutierungsmaßnahmen der SAA. Die SAA berief jedoch regelmäßig neue Wehrpflichtige und Reservisten ein. Im Oktober 2021 wurde ein Rundschreiben herausgegeben, in dem die Einberufung von männlichen Syrern im wehrpflichtigen Alter angekündigt wurde. Auch in den wiedereroberten Gebieten müssen Männer im wehrpflichtigen Alter den Militärdienst ableisten (EUAA 9.2022). Der Personalbedarf des syrischen Militärs bleibt aufgrund von Entlassungen langgedienter Wehrpflichtiger und zahlreicher Verluste durch Kampfhandlungen unverändert hoch (AA 2.2.2024).

II.1.6.4.2. Rekrutierungspraxis

Es gibt, dem Auswärtigen Amt zufolge, zahlreiche glaubhafte Berichte, laut denen wehrpflichtige Männer, die auf den Einberufungsbescheid nicht reagieren, von Mitarbeitern der Geheimdienste abgeholt und zwangsrekrutiert werden (AA 2.2.2024). Junge Männer werden an Kontrollstellen (Checkpoints) sowie unmittelbar an Grenzübergängen festgenommen und zwangsrekrutiert (AA 2.2.2024; vgl. NMFA 5.2022), wobei es in den Gebieten unter Regierungskontrolle zahlreiche Checkpoints gibt (NMFA 5.2022; vgl. NLM 29.11.2022). Glaubhaften Berichten zufolge gibt es Zwangsrekrutierungen junger Männer durch syrische Streitkräfte auch unmittelbar im Kampfgebiet (AA 2.2.2024).

Rekrutierungen finden auch in Ämtern statt, beispielsweise wenn junge Männer Dokumente erneuern wollen, sowie an Universitäten, in Spitälern und an Grenzübergängen, wo die Beamten Zugang zur zentralen Datenbank mit den Namen der für den Wehrdienst gesuchten Männer haben. Nach Angaben einer Quelle fürchten auch Männer im wehrfähigen Alter, welche vom Militärdienst laut Gesetz ausgenommen sind oder von einer zeitweisen Amnestie vom Wehrdienst Gebrauch machen wollen, an der Grenze eingezogen zu werden (DIS 5.2020). Lokale Medien berichteten, dass die Sicherheitskräfte der Regierung während der Fußballweltmeisterschaft der Herren 2022 mehrere Cafés, Restaurants und öffentliche Plätze in Damaskus stürmten, wo sich Menschen versammelt hatten, um die Spiele zu sehen, und Dutzende junger Männer zur Zwangsrekrutierung festnahmen (USDOS 20.3.2023).

Während manche Quellen davon ausgehen, dass insbesondere in vormaligen Oppositionsgebieten (z. B. dem Umland von Damaskus, Aleppo, Dara‘a und Homs) immer noch Rekrutierungen mittels Hausdurchsuchungen stattfinden (DIS 5.2020; vgl. ICG 9.5.2022, EB 6.3.2020), berichten andere Quellen, dass die Regierung nun weitgehend davon absieht, um erneute Aufstände zu vermeiden (DIS 5.2020). Hausdurchsuchungen finden dabei v.a. eher in urbanen Gebieten statt, wo die SAA stärkere Kontrolle hat, als in ruralen Gebieten (DIS 1.2024). Mehrere Quellen berichteten im Jahr 2023 wieder vermehrt, dass Wehr- und Reservedienstpflichtige aus ehemaligen Oppositionsgebieten von der syrischen Regierung zur Wehrpflicht herangezogen wurden, um mehr Kontrolle über diese Gebiete zu erlangen bzw. um potenzielle Oppositionskämpfer aus diesen Gebieten abzuziehen (NMFA 8.2023; vgl. DIS 7.2023). Eine Quelle des Danish Immigration Service geht davon aus, dass Hausdurchsuchungen oft weniger die Rekrutierung als vielmehr eine Erpressung zum Ziel haben (DIS 1.2024).

Während manche Quellen berichten, dass sich die syrische Regierung bei der Rekrutierung auf Alawiten und regierungstreue Gebiete konzentrierte (EASO 4.2021), berichten andere, dass die syrische Regierung Alawiten und Christen nun weniger stark in Anspruch nimmt (ÖB Damaskus 12.2022; vgl. EASO 4.2021). Da die Zusammensetzung der syrisch-arabischen Armee ein Spiegelbild der syrischen Bevölkerung ist, sind ihre Wehrpflichtigen mehrheitlich sunnitische Araber, die vom Regime laut einer Quelle als "Kanonenfutter" im Krieg eingesetzt wurden. Die sunnitisch-arabischen Soldaten waren (ebenso wie die alawitischen Soldaten und andere) gezwungen, den größeren Teil der revoltierenden sunnitisch-arabischen Bevölkerung zu unterdrücken. Der Krieg forderte unter den alawitischen Soldaten bezüglich der Anzahl der Todesopfer einen hohen Tribut, wobei die Eliteeinheiten der SAA, die Nachrichtendienste und die Shabiha-Milizen stark alawitisch dominiert waren (Al-Majalla 15.3.2023).

Im Rahmen sog. lokaler "Versöhnungsabkommen" in den vom Regime zurückeroberten Gebieten sowie im Kontext lokaler Rückkehrinitiativen aus Libanon hat das Regime Männern im wehrpflichtigen Alter eine sechsmonatige Schonfrist zugesichert. Diese wurde jedoch in zahlreichen Fällen, auch nach der Einnahme des Südwestens, nicht eingehalten. Sowohl in Ost-Ghouta als auch in den südlichen Gouvernements Dara‘a und Quneitra soll der Militärgeheimdienst dem Violations Documentation Center zufolge zahlreiche Razzien zur Verhaftung und zum anschließenden Einzug ins Militär durchgeführt haben (AA 2.2.2024).

II.1.6.4.3. Rekrutierung von Personen aus Gebieten außerhalb der Regierungskontrolle

Gebiete unter HTS- oder SNA-Dominanz

Das Gouvernement Idlib befindet sich außerhalb der Kontrolle der syrischen Regierung, die dort keine Personen einberufen kann (Rechtsexperte 14.9.2022), mit Ausnahme einiger südwestlicher Sub-Distrikte (Nahias) des Gouvernements, die unter Regierungskontrolle stehen (ACLED 1.12.2022; vgl. Liveuamap 17.5.2023). Die syrische Regierung kontrolliert jedoch die Melderegister des Gouvernements Idlib (das von der syrischen Regierung in das Gouvernement Hama verlegt wurde), was es ihr ermöglicht, auf die Personenstandsdaten junger Männer, die das Rekrutierungsalter erreicht haben, zuzugreifen, um sie für die Ableistung des Militärdienstes auf die Liste der "Gesuchten" zu setzen. Das erleichtert ihre Verhaftung zur Rekrutierung, wenn sie das Gouvernement Idlib in Richtung der Gebiete unter Kontrolle der syrischen Regierung verlassen (Rechtsexperte 14.9.2022).

Die Syrische Nationale Armee (Syrian National Army, SNA) ist die zweitgrößte Oppositionspartei, die sich auf das Gouvernement Aleppo konzentriert. Sie wird von der Türkei unterstützt und besteht aus mehreren Fraktionen der Freien Syrischen Armee (Free Syrian Army, FSA). Sie spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in Nordsyrien, wird aber von politischen Analysten bisweilen als türkischer Stellvertreter gebrandmarkt. Die SNA hat die Kontrolle über die von der Türkei gehaltenen Gebiete (Afrin und Jarabulus) in Syrien und wird von der Türkei geschützt. Die syrische Regierung unterhält keine Präsenz in den von der Türkei gehaltenen Gebieten und kann keine Personen aus diesen Gebieten für die Armee rekrutieren, es sei denn, sie kommen in Gebiete, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden (Rechtsexperte 14.9.2022). Auch mit Stand Februar 2023 hat die syrische Armee laut einem von ACCORD befragten Syrienexperten keine Zugriffsmöglichkeit auf wehrdienstpflichtige Personen in Jarabulus (ACCORD 20.3.2023).

Nordost-Syrien

Die syrische Regierung ist – mit Ausnahme der Regierungsenklaven, wie in Qamischli und Hasaka - in den von der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (AANES) kontrollierten Gebieten de facto nicht in der Lage, die Wehrpflicht durchzusetzen oder Oppositionelle zu verhaften. (ACCORD Themendossier Wehrdienst vom 20.03.2024; Länderinformation der Staatendokumentation, S 123; DIS, 6/2024, S. 1; Themenbericht der Staatendokumentation, Syrien-Grenzübergänge, S. 5)

Entsprechend dem Abkommen zwischen den Syrian Democratic Forces (SDF) und der syrischen Regierung vom 14.10.2019 rückte die syrische Armee von Präsident Bashar al-Assad in einige kurdisch kontrollierte Gebiete vor, um sich - wie Staatsmedien berichteten - der "türkischen Aggression" entgegenzustellen (Standard 15.10.2019).

Laut einem von ACCORD kontaktierten Syrienexperten sind aus diesem Grunde u.a. Regierungstruppen in den Gebieten in und um Manbidsch, Ain Al-Arab, Tal Rifaat und an der türkischen Grenze zwar präsent, ihre Kontrolle aber nur locker, führten jedoch hauptsächlich nur Patrouillen, meist zusammen mit der russischen Militärpolizei aus. Die SDF (Syrian Democratic Forces) ist aber nach wie vor der Hauptakteur in der Region. Die SDF hat der Regierung lediglich erlaubt, Truppen einzusetzen, um eine mögliche türkische Militäroperation in Nordsyrien zu verhindern. Der auf kurdische Angelegenheiten spezialisierte Reporter und Analyst Wladimir van Wilgenburg stimmt zu, dass die syrischen Behörden in den Gebieten um Manbidsch, Ain Al-Arab und in der Nähe der türkischen Grenze nicht in der Lage sind, Wehrpflichtige bzw. Reservepersonal einzuziehen. Die Kurden würden es allgemein nicht gestatten, dass die Regierung Personen in den von ihnen kontrollierten Gebieten zum Militärdienst einziehe ( Syrienexperte, 17. August 2023, Van Wilgenburg, 17. August 2023).

Das Danish Immigration Service (DIS) veröffentlicht im Juni 2024 einen Bericht über Rekrutierung durch die syrische Armee in Nord- und Ostsyrien. Laut DIS rekrutiere die syrische Regierung keine Wehrpflichtigen in von der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (AANES) kontrollierten Gebieten, ausgenommen sie betreten die sog. Sicherheitsquadrate in Qamischli und Al Hasakah (DIS, Juni 2024).

Auch Fabrice Balanche, Associate Professor und Forschungsdirektor an der Universität Lyon, erklärte, dass die syrische Regierung nicht in der Lage ist, Personen gewaltsam zu rekrutieren, die in von der AANES kontrollierten Gebieten wohnen (vgl. ACCORD Themendossier zu Syrien: Wehrdienst, 20.03.2024). Laut mehreren von ACCORD für eine Anfragebeantwortung interviewten Experten gibt es de facto keine Möglichkeit des syrischen Regimes, in den von den SDF kontrollierten Gebieten zu rekrutieren, obwohl es teilweise Patrouillen des syrischen Regimes in der AANES gibt. Ebenso gibt der Syrienexperte van Wilgenburg an, dass die Kontrollpunkte der syrischen Armee nicht die Befugnis haben, Menschen in den Städten zu kontrollieren, sondern der Abschreckung der Türkei dienen (van Wilgenburg 2.9.2023 in Länderinformation der Staatendokumentation Version 11).

Südlich von Qamischli gibt es eine Reihe von Dörfern, die von Stämmen bewohnt werden, die mit der syrischen Regierung sympathisieren und die AANES nicht anerkennen. Einzelpersonen aus diesen Dörfern können der syrischen Armee freiwillig beitreten. Um Desertion zu verhindern, wird Männern, die von der SAA in NES eingezogen wurden, die Möglichkeit geboten, in ihren Herkunftsgebieten zu dienen. Folglich, wenn Männer aus GoS-kontrollierten Gebieten in NES, wie bestimmte Dörfer südlich von Qamishli, militärisches Alter erreichen, neigen sie dazu, sich für den Militärdienst anzumelden, weil sie wissen, dass sie in ihren eigenen Gebieten dienen werden. Wenn sie sich nicht anmelden, werden die Behörden der öffentlichen Verwaltung nicht aktiv versuchen, sie zu rekrutieren, da die öffentliche Verwaltung in diesen Bereichen nur begrenzte Kontrolle hat. (DIS, Juni 2024).

Rekrutierung in den Regierungsenklaven Qamischli und Al Hasakah

Über zehn Jahre nach Konfliktbeginn hat das syrische Regime die Souveränität über seine Grenzen nicht vollständig wiedererlangt. Neben jenen Gebieten im Norden des Landes an der Grenze zur Türkei und dem Irak, die sich weitgehend oder ganz der Kontrolle des Regimes entziehen, sind in den Gebieten unter Regierungskontrolle gemeinsam mit den syrischen staatlichen Sicherheitskräften auch nicht-staatliche und ausländische Akteure entlang der internationalen Grenzen aktiv. In diesem Zusammenhang sind insbesondere mit Iran verbundene Milizen zu nennen. Rojava (AANES) erhält eine gewisse De facto-Autonomie in Nord- und Ost-Syrien aufrecht, während das syrische Regime in einigen Gebieten und besonders entlang der Highways vertreten ist. Verhandlungen haben dann und wann zwischen den beiden Seiten stattgefunden, aber eine politische Einigung bleibt außer Reichweite (van Wilgenburg 09.10.2023 in Themenbericht der Staatendokumentation zu Syrien – Grenzübergänge, 25.10.2023).

Innerhalb der Städte Qamishli und al-Hassakah gibt es Gebiete unter Regimekontrolle. In Qamishli gibt es einen „Sicherheitsabschnitt“ („security square“), der unter der Kontrolle der syrischen Armee steht, während der Rest der Stadt von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (KR: Yekîneyên Parastina Gel, YPG) kontrolliert wird. In al-Hassaka ist die Regierungskontrolle auf einen sehr kleinen Abschnitt in der Stadtmitte beschränkt, der weniger als einen Quadratkilometer umfasst (ACCORD 14.06.2023 in Länderinformationsblatt, Version 11; https://syria.liveuamap.com/). In diesen "Sicherheitsabschnitten" (al-Morabat al-Amniya) befinden sich verschiedene staatliche Behörden, darunter auch solche mit Zuständigkeit für die Rekrutierung. (DIS 6.2024). In beiden Städten können die syrischen Sicherheitskräfte beim Betreten der „Sicherheitsabschnitte“ Kontrollen durchführen. Der Flughafen [Anm.: von Qamishli] wird von syrischen Regierungskräften kontrolliert (van Wilgenburg 02.09.2023), auch in der Nähe des Flughafens befindet sich eine Zone im Graubereich, wo es möglich ist, von regierungsnahen Kräften festgenommen zu werden (ACCORD 14.06.2023). Abgesehen davon ist es in den AANES-kontrollierten Gebieten relativ sicher („quite safe“) (Accord 14.6.2023).

Ein befragter Rechtsexperte der ÖB Damaskus berichtet, dass die syrische Regierung in den Gebieten unter Kontrolle der Selbstverwaltung dort rekrutieren kann, wo sie im "Sicherheitsquadrat" im Zentrum der Gouvernements präsent ist, wie z. B. in Qamishli oder in Deir ez-Zor (Rechtsexperte 14.9.2022 in Länderinformationsblatt, Version 11). Dies wird auch von SNHR bestätigt, die ebenfalls angeben, dass die Rekrutierung durch die syrischen Streitkräfte an deren Zugriffsmöglichkeiten gebunden ist (ACCORD 7.9.2023). Ein befragter Militärexperte gab dagegen an, dass die syrische Regierung grundsätzlich Zugriff auf die Wehrpflichtigen in den Gebieten unter der Kontrolle der PYD [Partiya Yekîtiya Demokrat] hat, diese aber als illoyal ansieht und daher gar nicht versucht, sie zu rekrutieren (BMLV 12.10.2022 in Länderinformationsblatt, Version 11).

Die Absolvierung des "Wehrdiensts" gemäß der "Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien" [Autonomous Administration of North and East Syria (AANES)] befreit nicht von der nationalen Wehrpflicht in Syrien. Männer im wehrpflichtigen Alter, die sich zwischen den Gebieten unter Kontrolle der SDF und der Regierungstruppen hin- und herbewegen, können von Rekrutierungsmaßnahmen auf beiden Seiten betroffen sein, da keine der beiden Seiten die Dokumente der anderen Seite [z.B. über einen abgeleisteten Wehrdienst, Aufschub der Wehrpflicht o. Ä.] anerkennt (EB 15.8.2022in Länderinformationsblatt, Version 11).

II.1.6.4.4. Einsatz von Rekruten im Kampf

Grundsätzlich vermeidet es die syrische Armee, neu ausgebildete Rekruten zu Kampfeinsätzen heranzuziehen, jedoch können diese aufgrund der asymmetrischen Art der Kriegsführung mit seinen Hinterhalten und Anschlägen trotzdem in Kampfhandlungen verwickelt werden (BMLV 12.10.2022), wie in der Badia-Wüste, wo es noch zu Konfrontationen mit dem IS kommt (DIS 7.2023). Alle Eingezogenen können laut EUAA (European Union Agency for Asylum) unter Berufung auf einen Herkunftsländerbericht vom April 2021 potenziell an die Front abkommandiert werden. (EUAA 2.2023; vgl. DIS 7.2023). Ihr Einsatz hängt laut EUAA vom Bedarf der Armee für Truppen sowie von den individuellen Qualifikationen der Eingezogenen und ihrem Hintergrund oder ihrer Kampferfahrung ab (EUAA 2.2023). Andere Quellen hingegen geben an, dass die militärische Qualifikation oder die Kampferfahrung keine Rolle spielt, beim Einsatz von Wehrpflichtigen an der Front (DIS 7.2023). Eingezogene Männer aus "versöhnten" Gebieten werden disproportional oft kurz nach ihrer Einberufung mit minimaler Kampfausbildung als Bestrafung für ihre Illoyalität gegenüber dem Regime an die Front geschickt. Reservisten werden in (vergleichsweise) kleinerer Zahl an die Front geschickt (EUAA 2.2023; vgl. NMFA 8.2023).

II.1.6.4.5. Befreiung, Aufschub, Befreiungsgebühren, Strafen bei Erreichung des 43. Lebensjahrs ohne Ableistung des Wehrdiensts:

Das syrische Wehrdienstgesetz sieht vor, dass bestimmte Personengruppen, wie zum Beispiel der einzige Sohn einer Familie, aus medizinischen Gründen Untaugliche (DIS 5.2020; vgl. FIS 14.12.2018), manche Regierungsangestellte (FIS 14.12.2018) und Personen, welche eine Befreiungsgebühr bezahlen, vom Wehrdienst ausgenommen sind. Manche Studenten und Personen mit bestimmten Abschlüssen, wie auch Personen mit vorübergehenden Erkrankungen können den Wehrdienst aufschieben, wobei die Rückstellungen jedes Jahr erneuert werden müssen (DIS 5.2020). Das Risiko der Willkür ist immer gegeben (STDOK 8.2017; vgl. DRC/DIS 8.2017).

Als einziger Sohn der Familie kann man sich vom Wehrdienst befreien lassen. Mehrere Quellen des Danish Immigration Service haben angegeben, dass es keine Fälle gibt, in denen die einzigen Söhne einer Familie trotzdem zur Wehrpflicht herangezogen worden sind (DIS 1.2024).

Einem von der European Union Asylum Agency (EUAA) befragten syrischen Akademiker zufolge werden Wehrpflichtbefreiungen erlassen für Personen mit Erkrankungen, die es ihnen verunmöglichen, militärische Pflichten zu erfüllen, wie beispielsweise Herzerkrankungen oder Sehschwächen. Teilweise werden aber anstatt einer Befreiung, diese Personen auf Positionen ohne Gefechtsbereitschaft bzw. auf denen sie keiner physischen Belastung ausgesetzt sind, wie in der Administration, verpflichtet (EUAA 10.2023; vgl. DIS 01.2024). Zur Entscheidung, ob und welcher Art eine Person wehrpflichtig ist, errechnen die Behörden einen Prozentgrad der Behinderung bzw. der gesundheitlichen Beeinträchtigung zum Zeitpunkt der medizinischen Untersuchung (DIS 1.2024). Wobei eine vertrauliche Quelle des niederländischen Außenministeriums angibt, dass sechs Monate Grundausbildung unabhängig des Gesundheitszustandes komplett zu durchlaufen sind (NMFA 8.2023). Welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen zur Untauglichkeit bzw. zum eingeschränkten Wehrdienst führen ist unklar, wobei es bestimmte, offensichtliche Behinderungen gibt, die eine Untauglichkeit bedingen, wie Blindheit oder Lähmungen. Einer vom niederländischen Außenministerium befragten Quelle zufolge werden medizinische Befreiungen häufig ignoriert und die Betroffenen müssen dennoch ihren Wehrdienst ableisten (NMFA 5.2022). Die tatsächliche Handhabung der Tauglichkeitskriterien ist schwer eruierbar, da sie von den Entscheidungen der medizinischen Ausschüsse abhängen (DIS 5.2020; vgl. DIS 1.2024). Der Prozess nimmt manchmal auch viel Zeit in Anspruch, sogar bei offensichtlichen Beeinträchtigungen, wie dem Downsyndrom (DIS 1.2024).

Seit einer Änderung des Wehrpflichtgesetzes im Juli 2019 ist die Aufschiebung des Militärdienstes jedenfalls nur bis zum Alter von 37 Jahren möglich und kann durch Befehl des Oberbefehlshabers beendet werden (ÖB Damaskus 12.2022).

Am 1.12.2023 trat das neue Gesetzesdekret Nr.37 in Kraft, wonach sich Rekruten, die das 40. Lebensjahr vollendet haben und noch nicht in den Reservedienst eingetreten sind, sich von eben diesem freikaufen können durch eine Zahlung von 4.800 USD. Für jeden Monat, in dem derjenige den Reservedienst bereits geleistet hat, werden 200 USD abgezogen (SANA 1.12.2023)

II.1.6.4.6. Befreiungsgebühr für Syrer mit Wohnsitz im Ausland

Das syrische Militärdienstgesetz erlaubt es syrischen Männern und registrierten Palästinensern aus Syrien im Militärdienstalter (18-42 Jahre) und mit Wohnsitz im Ausland, eine Gebühr ("badal an-naqdi") zu entrichten, um von der Wehrpflicht befreit und nicht wieder einberufen zu werden. Bis 2020 konnten Männer, die sich mindestens vier aufeinanderfolgende Jahre außerhalb Syriens aufgehalten haben, einen Betrag von 8.000 USD zahlen, um vom Militärdienst befreit zu werden (DIS 5.2020), wobei noch weitere Konsulargebühren anfallen (EB 2.9.2019; vgl. SB Berlin o.D.). Im November 2020 wurde mit dem Gesetzesdekret Nr.31 (Rechtsexperte 14.09.2022) die Dauer des erforderlichen Auslandsaufenthalts auf ein Jahr reduziert und die Gebühr erhöht (NMFA 6.2021). Das Wehrersatzgeld ist nach der Änderung des Wehrpflichtgesetzes im November 2020 gestaffelt nach der Anzahl der Jahre des Auslandsaufenthalts und beträgt 10.000 USD (ein Jahr), 9.000 USD (zwei Jahre), 8.000 USD (drei Jahre) bzw. 7.000 USD (vier Jahre) ISPI 5.6.2023; vgl. AA 2.2.2024). Die Person bekommt einen Beleg für den Freikauf, den sie bei der Einreise am Flughafen vorweisen kann. Um auch möglichst problemlos Checkpoints passieren zu können, muss die Person zusätzlich zum Beleg einen Eintrag in sein Militärbuch machen lassen (DIS 7.2023). Laut der Einschätzung verschiedener Organisationen dient die Möglichkeit der Zahlung des Wehrersatzgeldes für Auslandssyrer maßgeblich der Generierung ausländischer Devisen (AA 2.2.2024; vgl. ISPI 5.6.2023)

Die Zahlung des Wehrersatzgeldes ist an die Vorlage von Dokumenten geknüpft, die eine Vielzahl der ins Ausland Geflüchteten aufgrund der Umstände ihrer Flucht nicht beibringen können oder die nicht ohne ein Führungszeugnis der Sicherheitsdienste des syrischen Regimes nachträglich erworben werden können, wie etwa einen Nachweis über Aus- und Einreisen (Ausreisestempel) oder die Vorlage eines Personalausweises (AA 2.2.2024). Die Syrische Regierung respektiert die Zahlung dieser Befreiungsgebühr mehreren Experten, die vom Danish Immigration Service befragt wurden, zufolge und zieht Männer, die diese Gebühr bezahlt haben, im Allgemeinen nicht ein. Drei vertrauliche Quellen, die vom niederländischen Außenministerium im März 2023 und November 2022 befragt wurden, gehen davon aus, dass jemand, der sich vom Militärdienst freigekauft hat, auch nicht mehr zum Militärdienst einberufen wird. Eine Quelle gibt auch an, dass Personen, die die Gebühr bezahlt haben problemlos ins Land einreisen können. Probleme bekommen vor allem jene Männer, die ihre Dokumente zum Beweis, dass sie befreit sind, nicht vorweisen können. Des Weiteren berichten Quellen des Danish Immigration Service von Fällen, bei denen Personen, die ihren Status mit der Regierung geklärt hatten, dennoch verhaftet worden sind, weil sie aus Gründen der Sicherheit von den Sicherheitskräften gesucht worden sind. Die Behörden geben normalerweise keine Auskunft darüber, ob man von den Sicherheitsbehörden gesucht wird. Mehrere Quellen gehen aber von Erpressungen gegenüber Wehrpflichtigen an Checkpoints durch Streit- und Sicherheitskräfte an Checkpoints aus, insbesondere gegenüber Personen aus Europa bzw. Geschäftsleuten. Eine Quelle sprach auch von Racheaktionen gegenüber Wehrpflichtigen, die aus ehemaligen Oppositionsgebieten kommen, bei denen die syrischen Behörden diese an Checkpoints festhalten und erpressen (DIS 1.2024). Auch das Auswärtige Amt schreibt, dass staatlich ausgestellte Nachweise über die Ableistung des Wehrdienstes bzw. Zahlung des Wehrersatzgeldes an Kontrollstellen der Sicherheitsdienste des Regimes durchgängig anerkannt werden (AA 2.2.2024).

Auch Männer, die Syrien illegal verlassen haben, können Quellen zufolge durch die Zahlung der Gebühr vom Militärdienst befreit werden (NMFA 5.2022; vgl. Rechtsexperte 14.9.2022; NMFA 8.2023). Diese müssen ihren rechtlichen Status allerdings zuvor durch einen individuellen "Versöhnungsprozess" bereinigen (NMFA 5.2022)

Bevor die Zahlung durchgeführt wird, kontaktiert die Botschaft das syrische Verteidigungsministerium, um eine Genehmigung zu erhalten. Dabei wird ermittelt, ob die antragstellende Person sich vom Wehrdienst freikaufen kann (NMFA 5.2020). Die syrische Botschaft in Berlin gibt beispielsweise an, dass u. a. ein Reisepass oder Personalausweis sowie eine Bestätigung der Ein- und Ausreise vorgelegt werden muss (SB Berlin o.D.), welche von der syrischen Einwanderungs- und Passbehörde ausgestellt wird ("bayan harakat"). So vorhanden, sollten die Antragsteller auch das Wehrbuch oder eine Kopie davon vorlegen (Rechtsexperte 14.9.2022).

Offiziell ist dieser Prozess relativ einfach, jedoch dauert er in Wirklichkeit sehr lange, und es müssen viele zusätzliche Kosten aufgewendet werden, unter anderem Bestechungsgelder für die Bürokratie. Beispielsweise müssen junge Männer, die mit der Opposition in Verbindung standen, aber aus wohlhabenden Familien kommen, wahrscheinlich mehr bezahlen, um vorab ihre Akte zu bereinigen (Balanche 13.12.2021).

II.1.6.4.7. Haltung des Regimes gegenüber Wehrdienstverweigerern

In Syrien besteht keine Möglichkeit der legalen Wehrdienstverweigerung. Auch die Möglichkeit eines (zivilen) Ersatzdienstes gibt es nicht. Nach dem Wehrpflichtgesetz ist es syrischen Männern im wehrpflichtigen Alter möglich, sich durch Zahlung eines sogenannten Wehrersatzgeldes von der Wehrpflicht freizukaufen, sofern sie mindestens ein Jahr ohne Wiedereinreise nach Syrien ihren gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland hatten (AA 2.2.2024)

Das syrische Wehrpflichtgesetz (Art. 97) ermöglicht es, das Vermögen von Männern zu beschlagnahmen, die sich bis zum Erreichen des 43. Lebensjahres (Altersgrenze zur Einberufung) der Wehrpflicht entzogen haben und sich weigern, ein Wehrersatzgeld in Höhe von 8.000 USD zu entrichten. Das Gesetz erlaubt die Beschlagnahme des Vermögens nicht nur von Männern, die nicht im Militär gedient haben, sondern auch von deren unmittelbaren Familienangehörigen, einschließlich Ehefrauen und Kindern (AA 2.2.2024 vgl. Rechtsexperte 14.9.2022; vgl. NMFA 8.2023).

Manche Experten gehen davon aus, dass Wehrdienstverweigerung vom Regime als Nähe zur Opposition gesehen wird. Bereits vor 2011 war es ein Verbrechen, den Wehrdienst zu verweigern. Nachdem sich im Zuge des Konflikts der Bedarf an Soldaten erhöht hat, wird Wehrdienstverweigerung im besten Fall als Feigheit betrachtet und im schlimmsten im Rahmen des Militärverratsgesetzes (qanun al-khiana al-wataniya) behandelt. In letzterem Fall kann es zur Verurteilung vor einem Feldgericht und Exekution kommen oder zur Inhaftierung in einem Militärgefängnis (Üngör 15.12.2021).

Wehrdienstverweigerung wird aber nicht unbedingt als oppositionsnahe gesehen. Das syrische Regime ist sich der Tatsache bewusst, dass viele junge Männer nach dem Studium das Land verlassen haben, einfach um nicht zu sterben. Daher wurde die Möglichkeit geschaffen, sich frei zu kaufen, damit die Regierung zumindest Geld in dieser Situation einnehmen kann. Hinzu kommen Ressentiments der in Syrien verbliebenen Bevölkerung gegenüber Wehrdienstverweigerern, die das Land verlassen haben und sich damit "gerettet" haben, während die verbliebenen jungen Männer im Krieg ihr Leben riskiert bzw. verloren haben (Balanche 13.12.2021) Gemäß Auswärtigem Amt legen einige Berichte nahe, dass Familienangehörige von Deserteuren und Wehrdienstverweigerern ebenfalls Verhören und Repressionen der Geheimdienste ausgesetzt sein könnten (AA 2.2.2024).

Wehrdienstentzug wird gemäß dem Militärstrafgesetzbuch bestraft. In Art. 98-99 ist festgehalten, dass mit einer Haftstrafe von einem bis sechs Monaten in Friedenszeiten und bis zu fünf Jahren in Kriegszeiten bestraft wird, wer sich der Einberufung entzieht (AA 2.2.2024; vgl. Rechtsexperte 14.9.2022). Desertion wird von Soldaten begangen, die bereits einer Militäreinheit beigetreten sind, während Wehrdienstverweigerung in den meisten Fällen von Zivilisten begangen wird, die der Einberufung zum Wehrdienst nicht gefolgt sind. Desertion wird meist härter bestraft als Wehrdienstverweigerung.

Die Gesetzesbestimmungen werden nicht konsistent umgesetzt (Landinfo 3.1.2018), und die Informationslage bezüglich konkreter Fälle von Bestrafung von Wehrdienstverweigerern und Deserteuren ist eingeschränkt, da die syrischen Behörden hierzu keine Informationen veröffentlichen (Rechtsexperte 14.9.2022). Manche Quellen geben an, dass Betroffene sofort (DIS 5.2020; vgl. Landinfo 3.1.2018) oder nach einer kurzen Haftstrafe (einige Tage bis Wochen) eingezogen werden, sofern sie in keinerlei Oppositionsaktivitäten involviert waren (DIS 5.2022). Andere geben an, dass Wehrdienstverweigerer von einem der Nachrichtendienste aufgegriffen und gefoltert oder "verschwindengelassen" werden können. Die Konsequenzen hängen offenbar vom Einzelfall ab (Landinfo 3.1.2018).

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ob Wehrdienstpflichtige zurzeit sofort eingezogen, oder zuerst inhaftiert und dann eingezogen werden: Laut Balanche ist der Bedarf an Soldaten weiterhin hoch genug, dass man wahrscheinlich nicht inhaftiert, sondern mit mangelhafter oder ohne Ausbildung direkt an die Front geschickt wird (Balanche 13.12.2021). Die Strafe für Wehrdienstentzug ist oft Haft und im Zuge dessen auch Folter. Während vor ein paar Jahren Wehrdienstverweigerer bei Checkpoints meist vor Ort verhaftet und zur Bestrafung direkt an die Front geschickt wurden (als "Kanonenfutter"), werden Wehrdienstverweigerer derzeit laut Uğur Üngör wahrscheinlich zuerst verhaftet. Seit die aktivsten Kampfgebiete sich beruhigt haben, kann das Regime es sich wieder leisten, Leute zu inhaftieren (Gefängnis bedeutet immer auch Folter, Wehrdienstverweigerer würden hier genauso behandelt wie andere Inhaftierte oder sogar schlechter) (Üngör 15.12.2021).

Selbst für privilegierte Personen mit guten Verbindungen zum Regime ist es nicht möglich, als Wehrdienstverweigerer nach Syrien zurückzukommen - es müsste erst jemand vom Geheimdienst seinen Namen von der Liste gesuchter Personen löschen. Auch nach der Einberufung ist davon auszugehen, dass Wehrdienstverweigerer in der Armee unmenschliche Behandlung erfahren werden (Üngör 15.12.2021). Laut Kheder Khaddour würde man als Wehrdienstverweigerer wahrscheinlich ein paar Wochen inhaftiert und danach in die Armee eingezogen (Khaddour 24.12.2021). Auch einige Quellen des Danish Immigration Service geben an, dass Wehrdienstverweigerer mit einer Haftstrafe von bis zu neun Monaten rechnen müssen. Andere Quellen des Danish Immigration Service wiederum berichteten, dass Wehrdienstverweigerer direkt zum Wehrdienst eingezogen, ohne vorher inhaftiert zu werden. Wer an einem Checkpoint als Wehrdienstverweigerer erwischt wird, wird dem Geheimdienst übergeben. Ein Wehrdienstverweigerer, der nicht aus anderen Gründen gesucht wird, wird dem Militär zur Ableistung des Wehrdienstes übergeben. Wehrdienstverweigerer werden meist direkt an die Front geschickt (DIS 1.2024). Wehrdienstverweigerer aus den Gebieten, die von der Opposition kontrolliert wurden, werden dabei mit größerem Misstrauen betrachtet und mit größerer Wahrscheinlichkeit inhaftiert oder verhaftet (NMFA 8.2023).

Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen berichtete im zweiten Halbjahr 2022 weiterhin von willkürlichen Festnahmen und Inhaftierungen durch die Regierungskräfte, darunter auch von Personen, die sich zuvor mit der Regierung "ausgesöhnt" hatten. Andere wurden vor der am 21.12.2022 angekündigten Amnestie für Verbrechen der "internen und externen Desertion vom Militärdienst" aufgrund von Tatbeständen im Zusammenhang mit der Wehrpflicht inhaftiert (UNHRC 07.02.2023).

II.1.6.5. Nicht-staatliche bewaffnete regierungsfreundliche Gruppierungen

Manche Quellen berichten, dass die Rekrutierung durch regierungsfreundliche Milizen im Allgemeinen auf freiwilliger Basis geschieht. Personen schließen sich häufig auch aus finanziellen Gründen den National Defense Forces (NDF) oder anderen regierungstreuen Gruppierungen an (FIS 14.12.2018). Andere Quellen berichten von der Zwangsrekrutierung von Kindern im Alter von sechs Jahren durch Milizen, die für die Regierung kämpfen, wie die Hizbollah und die NDF (auch als "shabiha" bekannt) (USDOS 29.7.2022). In vielen Fällen sind bewaffnete regierungstreue Gruppen lokal organisiert, wobei Werte der Gemeinschaft wie Ehre und Verteidigung der Gemeinschaft eine zentrale Bedeutung haben. Dieser soziale Druck basiert häufig auf der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft (FIS 14.12.2018). Oft werden die Kämpfer mit dem Versprechen, dass sie in der Nähe ihrer lokalen Gemeinde ihren Einsatz verrichten können und nicht in Gebieten mit direkten Kampfhandlungen und damit die Wehrpflicht umgehen könnten, angeworben. In der Realität werden diese Milizen aber trotzdem an die Front geschickt, wenn die SAA Verstärkung braucht bzw. müssen die Männer oft nach erfolgtem Einsatz in einer Miliz trotzdem noch ihrer offiziellen Wehrpflicht nachkommen (EUAA 10.2023). In manchen Fällen aber führte der Einsatz bei einer Miliz tatsächlich dazu, der offiziellen Wehrpflicht zu entgehen, bzw. profitierten einige Kämpfer in regierungsnahen Milizen von den letzten Amnestien, sodass sie nach ihrem Einsatz in der Miliz nur mehr die sechsmonatige Grundausbildung absolvieren mussten um ihrer offiziellen Wehrpflicht nachzugehen, berichtet eine vertrauliche Quelle des niederländischen Außenministeriums (NMFA 8.2023).

II.1.6.6. Wehrpflichtgesetz der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (AANES):

Im Juni 2019 ratifizierte die AANES ein Gesetz zur "Selbstverteidigungspflicht", das den verpflichtenden Militärdienst regelt, den Männer über 18 Jahren im Gebiet der AANES ableisten müssen (EB 15.8.2022; vgl. DIS 6.2024). Am 4.9.2021 wurde das Dekret Nr. 3 erlassen, welches die Selbstverteidigungspflicht auf Männer beschränkt, die 1998 oder später geboren wurden und ihr 18. Lebensjahr erreicht haben. Gleichzeitig wurden die Jahrgänge 1990 bis 1997 von der Selbstverteidigungspflicht befreit (ANHA, 4.9.2021). Der Altersrahmen für den Einzug zum Wehrdienst ist nun in allen betreffenden Gebieten derselbe, während er zuvor je nach Gebiet variierte. So kam es in der Vergangenheit zu Verwirrung, wer wehrpflichtig war (DIS 6.2022). Mit Stand September 2023 war das Dekret noch immer in Kraft (ACCORD 7.9.2023).

Die Wehrpflicht gilt in allen Gebieten unter der Kontrolle der AANES, auch wenn es Gebiete gibt, in denen die Wehrpflicht nach Protesten zeitweise ausgesetzt wurde. Die Wehrpflicht gilt nicht für Personen, die in anderen Gebieten als den AANES wohnen oder aus diesen stammen. Sollten diese Personen jedoch seit mehr als drei (früher fünf) Jahren in den AANES wohnen, würde das Gesetz auch für sie gelten. Alle ethnischen Gruppen sind zum Wehrdienst verpflichtet. Araber wurden ursprünglich nicht zur "Selbstverteidigungspflicht" eingezogen, dies hat sich allerdings seit 2020 nach und nach geändert Die AANES ist jedoch immer noch vorsichtig bei der Umsetzung des Selbstverteidigungsgesetzes in Gebieten mit überwiegend arabischer Bevölkerung. Ebenso sind Christen in der Praxis nicht der gleichen Durchsetzung des Selbstverteidigungsgesetzes unterworfen wie Kurden. Aufgrund eines signifikanten Rückgangs der christlichen Bevölkerung in der Region, der durch den Konflikt verursacht wurde, ist AANES vorsichtig, nicht mehr Christen dazu zu bringen, die Region zu verlassen, indem sie auf die Wehrpflicht von Christen zum HXP drängen. (DIS 6.2022; vgl. NMFA 8.2023).

Mit der Einführung von Artikel 2 in das Gesetz über die Selbstverteidigungspflicht im Juni 2022 wurde die Dauer der Selbstverteidigungspflicht von neun Monaten auf ein Jahr verlängert und werden die Männer im Allgemeinen nach einem Jahr aus dem Dienst entlassen. In Situationen höherer Gewalt kann die Dauer des Wehrdiensts verlängert werden, was je nach Gebiet entschieden wird. Beispielsweise wurde der Wehrdienst während der Schlachten von Kobane (2014 - 2015) und Afrin (2018) verlängert oder im Oktober 2019 aufgrund der Kämpfe in Tell Abyad nach dem türkischen Einfall um zwei bis drei Monate. Nach Angaben der AANES-Vertretung in der KRI gab es jedoch in jüngster Zeit keine Beispiele für Verlängerungen oder die Inanspruchnahme von Reservepflichten. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst gehören die Absolventen zur Reserve und können im Fall "höherer Gewalt" einberufen werden. (DIS 6.2024).

Die Aufrufe für die "Selbstverteidigungspflicht" erfolgen jährlich durch die Medien, wo verkündet wird, welche Altersgruppe von Männern eingezogen wird. Nach Bekanntgabe ihrer Wehrpflicht wird von Personen der einberufenen Altersgruppe erwartet, dass sie sich im Rekrutierungszentrum in ihrem Gebiet zum Dienst melden. Sie erhalten dort ein Buch, in welchem ihr Status bezüglich Ableistung des Wehrdiensts dokumentiert wird - z. B. die erfolgte Ableistung oder Ausnahme von der Ableistung. (DIS 6.2024). Das Wehrpflichtgesetz wird laut verschiedenen Menschenrechtsorganisationen mit Gewalt durchgesetzt. Es kommt zu Überprüfungen von möglichen Wehrpflichtigen an Checkpoints und auch zu Ausforschungen (ÖB Damaskus 12.2022).

Laut verschiedener Menschenrechtsorganisationen wird das "Selbstverteidigungspflichtgesetz" auch mit Gewalt durchgesetzt (AA 2.2.2024), während der DIS nur davon berichtet, dass Wehrpflichtige, welche versuchen, dem Militärdienst zu entgehen, laut Gesetz durch die Verlängerung der "Wehrpflicht" um einen Monat bestraft würden - zwei Quellen zufolge auch in Verbindung mit vorhergehender Haft "für eine Zeitspanne". Dabei soll es sich oft um ein bis zwei Wochen handeln, um einen Einsatzort für die Betreffenden zu finden (DIS 6.2024). Ähnliches berichteten ein von ACCORD befragter Experte, demzufolge alle Wehrdienstverweigerer nach dem Gesetz der Selbstverteidigungspflicht gleich behandelt würden. Die kurdischen Sicherheitsbehörden namens Assayish würden den Wohnort der für die Wehrpflicht gesuchten Personen durchsuchen, an Checkpoints Rekrutierungslisten überprüfen und die Gesuchten verhaften. Nach dem Gesetz werde jede Person, die dem Dienst fernbleibe, verhaftet und mit einer Verlängerung des Dienstes um einen Monat bestraft (ACCORD 6.9.2023). Die ÖB Damaskus erwähnt auch Haftstrafen zusätzlich zur [Anm.: nicht näher spezifizierten] Verlängerung des Wehrdiensts. Hingegen sehen die Autonomiebehörden eine Verweigerung nicht als Ausdruck einer bestimmten politischen Gesinnung an (ÖB Damaskus 12.2022). Einem von ACCORD befragten Syrienexperten zufolge hängen die Konsequenzen für die Wehrdienstverweigerung vom Profil des Wehrpflichtigen ab sowie von der Region, aus der er stammt. In al-Hasakah beispielsweise könnten Personen im wehrpflichtigen Alter zwangsrekrutiert und zum Dienst gezwungen werden. Insbesondere bei der Handhabung des Gesetzes zur Selbstverteidigungspflicht gegenüber Arabern in der AANES gehen die Meinungen der Experten auseinander. Grundsätzlich gilt die Pflicht für Araber gleichermaßen, aber einem Experten zufolge könne die Behandlung je nach Region und Zugriffsmöglichkeit der SDF variieren und wäre aufgrund der starken Stammespositionen oft weniger harsch als gegenüber Kurden. Ein anderer Experte wiederum berichtet von Beleidigungen und Gewalt gegenüber arabischen Wehrdienstverweigerern (ACCORD 6.9.2023).

Eine Möglichkeit zur Verweigerung des Wehrdienstes aus Gewissensgründen besteht nicht (vgl. EB 12.7.2019).

Einsatzgebiet von Wehrpflichtigen

Die Selbstverteidigungseinheiten [Hêzên Xweparastinê, HXP] sind eine von den SDF separate Streitkraft, die vom Demokratischen Rat Syriens (Syrian Democratic Council, SDC) verwaltet wird und über eine eigene militärische Führung verfügt. Die SDF weisen den HXP allerdings Aufgaben zu und bestimmen, wo diese eingesetzt werden sollen. Die HXP gelten als Hilfseinheit der SDF. In den HXP dienen Wehrpflichtige wie auch Freiwillige, wobei die Wehrpflichtigen ein symbolisches Gehalt erhalten. Die Rekrutierung von Männern und Frauen in die SDF erfolgt dagegen freiwillig (DIS 6.2024).

Die Einsätze der Rekruten im Rahmen der "Selbstverteidigungspflicht" erfolgen normalerweise in Bereichen wie Nachschub oder Objektschutz. Es gab jedoch Fälle, in denen die HXP in Kampfsituationen verwickelt waren, beispielsweise während der Schlacht um Afrin im Jahr 2018, denschwerer Kämpfe in Deir Ezzour im Sommer 2023, der Kämpfe in Tell Abyad und der ISIS-Angriffe auf das Hasakah-Gefängnis (2022), das in erster Linie von der HXP bewacht wurde. In einigen dieser Kämpfe erlitt die HXP Verluste. Nach Angaben der AANES-Vertretung in KRI sind diese Fälle jedoch selten und selbst in solchen Fällen werden Wehrpflichtige in der Regel nicht an vorderster Front eingesetzt. (DIS 6.2024).

Die Mehrheit der Wehrpflichtigen in der HXP führt ihre Aufgaben, wie die Bewachung bestimmter Gebäude oder Bereiche, in ihrer eigenen Region aus. Nach Angaben der AANES-Vertretung im KRI wird nur eine Minderheit der Wehrpflichtigen in Gebiete außerhalb ihrer Heimatregion verlegt (DIS 6.2024).

Aufschub des Wehrdienstes

Das Gesetz enthält Bestimmungen, die es Personen, die zur Ableistung der "Selbstverteidigungspflicht" verpflichtet sind, ermöglichen, ihren Dienst aufzuschieben oder von der Pflicht zu befreien, je nach den individuellen Umständen, beispielsweise Schulausbildung, gesundheitliche Gründe, familiäre Gründe, usw.(DIS 6.2024).

Proteste gegen die "Selbstverteidigungspflicht"

Im Jahr 2021 hat die Wehrpflicht besonders in den östlichen ländlichen Gouvernements Deir ez-Zour und Raqqa Proteste ausgelöst. Lehrer haben sich besonders gegen die Einberufungskampagnen der SDF gewehrt. Proteste im Mai 2021 richteten sich außerdem gegen die unzureichende Bereitstellung von Dienstleistungen und die Korruption oder Unfähigkeit der autonomen Verwaltungseinheiten. Sechs bis acht Menschen wurden am 1.6.2021 in Manbij (Menbij) bei einem Protest getötet, dessen Auslöser eine Reihe von Razzien der SDF auf der Suche nach wehrpflichtigen Männern war. Am 2.6.2021 einigten sich die SDF, der Militärrat von Manbij und der Zivilrat von Manbij mit Stammesvertretern und lokalen Persönlichkeiten auf eine deeskalierende Vereinbarung, die vorsieht, die Rekrutierungskampagne einzustellen, während der Proteste festgenommene Personen freizulassen und eine Untersuchungskommission zu bilden, um diejenigen, die auf Demonstranten geschossen hatten, zur Rechenschaft zu ziehen (COAR 7.6.2021). Diese Einigung resultierte nach einer Rekrutierungspause in der Herabsetzung des Alterskriteriums auf 18 bis 24 Jahre, was später auf die anderen Gebiete ausgeweitet wurde (DIS 6.2022). Im Sommer 2023 kam es in Manbij zu Protesten gegen die SDF insbesondere aufgrund von Kampagnen zur Zwangsrekrutierung junger Männer in der Stadt und Umgebung (SO 20.7.2023).

II.1.6.7. Folter und unmenschliche Behandlung:

Der Einsatz von Folter, des Verschwindenlassens und schlechter Bedingungen in den Gefängnissen ist keine Neuheit seit Ausbruch des Konflikts, sondern war bereits seit der Ära von Hafez al-Assad Routinepraxis verschiedener Geheimdienst- und Sicherheitsapparate in Syrien (SHRC 24.1.2019).

Medien und Menschenrechtsgruppen gehen von der systematischen Anwendung von Folter in insgesamt 27 Einrichtungen aus, die sich alle in der Nähe der bevölkerungsreichen Städte im westlichen Syrien befinden: Zehn nahe Damaskus, jeweils vier nahe Homs, Latakia und Idlib, drei nahe Dara‘a und zwei nahe Aleppo. Es muss davon ausgegangen werden, dass Folter auch in weiteren Einrichtungen in bevölkerungsärmeren Landesteilen verübt wird (AA 2.2.2024).

Laut Einschätzung des Auswärtigen Amtes unterliegen Personen, die unter dem Verdacht stehen, sich oppositionell zu engagieren oder als regimekritisch wahrgenommen werden, einem besonders hohen Folterrisiko (AA 2.2.2024). Menschenrechtsaktivisten, die Commission of Inquiry für Syrien der UN (COI) und lokale NGOs berichten von Tausenden glaubwürdigen Fällen, in denen die Behörden des Regimes Folter, Missbrauch und Misshandlungen zur Bestrafung wahrgenommener Oppositioneller einsetzen, auch bei Verhören - eine systematische Praxis des Regimes, die während des gesamten Konflikts und bereits vor 2011 dokumentiert wurde (USDOS 12.4.2022). Die willkürlichen Festnahmen, Misshandlungen, Folter und Verschwindenlassen durch syrische Sicherheitskräfte und regierungsfreundliche Milizen betreffen auch Kinder, Menschen mit Beeinträchtigungen, RückkehrerInnen und Personen aus wiedereroberten Gebieten, die "Versöhnungsabkommen" unterzeichnet haben (HRW 12.1.2023)

Auch die Rebellengruppierungen werden außergerichtlicher Tötungen, der Folter von Inhaftierten (darunter laut SNHR drei Todesfälle durch Folter im Jahr 2022), Verschwindenlassen und willkürlicher Verhaftungen beschuldigt. Opfer sind vor allem Personen, die der Regimetreue verdächtigt werden, Kollaborateure und Mitglieder von regimetreuen Milizen oder rivalisierenden bewaffneten Gruppen. Die Berichte dazu betreffen u. a. HTS (Hay'at Tahrir ash-Sham), SNA (Syrian National Army) und SDF (Syrian Democratic Forces) (USDOS 20.3.2023).

II.1.6.8. Bewegungsfreiheit:

Die Verfassung sieht Bewegungsfreiheit vor, 'außer eine gerichtliche Entscheidung oder die Umsetzung von Gesetzen' schränken diese ein. Das Regime, HTS (Hay'at Tahrir ash-Sham) und andere bewaffnete Gruppen sehen Restriktionen bei der Bewegungsfreiheit in ihren jeweiligen Gebieten vor und setzen dazu zur Überwachung Checkpoints ein (USDOS 20.3.2023).

Checkpoints werden sowohl von Regimesicherheitskräften sowie lokalen und ausländischen Milizen unterhalten (USDOS 20.3.2023). In den Städten und auf den Hauptverbindungsstraßen Syriens gibt es eine Vielzahl militärischer Kontrollposten der syrischen Sicherheitsbehörden und bewaffneter Milizen, die umfassende und häufig ungeregelte Kontrollen durchführen. Dabei kann es auch zu Forderungen nach Geldzahlungen oder willkürlichen Festnahmen kommen. Insbesondere Frauen sind in diesen Kontrollen einem erhöhten Risiko von Übergriffen ausgesetzt (AA 8.12.2023). Auch können Passierende gewaltsam für den Militärdienst eingezogen werden (NFMA 5.2022).

Überlandstraßen und Autobahnen sind zeitweise gesperrt. Reisen im Land ist durch Kampfhandlungen vielerorts weiterhin sehr gefährlich. Es gibt in Syrien eine Reihe von Militärsperrgebieten, die allerdings nicht immer eindeutig gekennzeichnet sind. Darunter fallen auch die zahlreichen Checkpoints der syrischen Armee und Sicherheitsdienste im Land. Für solche Bezirke gilt ein absolutes Verbot, sie zu betreten. (AA 8.12.2023).

Die Regimesicherheitskräfte erpressen Leute an den Checkpoints (USDOS 20.3.2023) für eine sichere Passage durch ihre Kontrollpunkte. (HRW 20.10.2021). Die Kontrollpunkte grenzen die Stadtteile voneinander ab. Sie befinden sich auch an den Zugängen zu Städten und größeren Autobahnen wie etwa Richtung Libanon, Flughafen Damaskus, und an der M5-Autobahn, welche von der jordanischen Grenze durch Dara'a, Damaskus, Homs, Hama und Aleppo bis zur Grenze mit der Türkei reicht. Zurückeroberte Gebiete weisen eine besonders hohe Dichte an Checkpoints auf (HRW 20.10.2021)

Passierende müssen an den vielen Checkpoints des Regimes ihren Personalausweis und bei Herkunft aus einem wiedereroberten Gebiet auch ihre sogenannte 'Versöhnungskarte' vorweisen. Die Telefone müssen zur Überprüfung der Telefonate übergeben werden. Es mag zwar eine zentrale Datenbank für gesuchte Personen geben, aber die Nachrichtendienste führen auch ihre eigenen Suchlisten. Seit 2011 gibt es Computer an den Checkpoints und bei Aufscheinen (in der Liste) wird die betreffende Person verhaftet (HRW 20.10.2021). Personen können beim Passieren von Checkpoints genaueren Kontrollen unterliegen, u.a. wenn sie z.B. aus früher oppositionell-kontrollierten Gebieten stammen oder auch wenn sie Verbindungen zu Personen in Oppositionsgebieten wie Nordsyrien oder zu bekannten oppositionellen Familien haben. Männer im wehrfähigen Alter werden auch hinsichtlich des Status ihres Wehrdienstes gesondert überprüft. Auch eine Namensähnlichkeit mit einer gesuchten Person kann zu Problemen an Kontrollpunkten führen (DIS/DRC 2.2019). Die Behandlung von Personen an einem Checkpoint kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wer ihn kontrolliert. Auch die Laune und die Präferenzen des Kommandanten können eine Rolle spielen (DIS 9.2019).

Betreten und Verlassen des Regimegebiets

Zum Betreten und Verlassen des Regimegebiets ist eine Sicherheitsfreigabe durch das Regime nötig, was ein Hindernis für Flüchtlinge und Binnenvertriebene darstellt, welche in ihre Heimatorte zurückkehren möchten. Personen, die vom Regime als kritisch wahrgenommen werden, erhalten diese Genehmigung oft nicht - ebenso ihre Verwandten, frühere Oppositionelle sowie ehemalige BewohnerInnen von als Hochburgen der Opposition wahrgenommen Gebieten (USDOS 20.3.2023).

Laut niederländischem Außenministerium ist es unmöglich, einen Überblick zu vermitteln, welche Übergänge zwischen den Oppositionsgebieten und dem Regimegebiet im Berichtszeitraum offen waren - und zu welchem Zeitpunkt und für welche Personen und Reisezwecke. Es wird aber auf die potenzielle Gefahr von Reisen für ZivilistInnen innerhalb Syriens allgemein und besonders bei Einreisen aus den Oppositionsgebieten in das Regimegebiet wegen der Notwendigkeit des Passierens von Checkpoints der syrischen Geheimdienste, des Militärs und anderer Pro-Regime-Milizen hingewiesen (NMFA 6.2021).

Es ist laut niederländischem Außenministerium nicht möglich, frei vom Regimegebiet in die Gebiete der sog. Errettungsregierung (Anm.: mit HTS als dominante Kraft) oder in das Gebiet der Syrischen Interimsregierung (Anm.: mit den pro-türkischen Einheiten der Syrian National Army) zu reisen und in umgekehrter Richtung. Das gilt für alle BürgerInnen ungeachtet ihres Geschlechts, Alters, ethnischer Zugehörigkeit und Religion, und hat nichts mit der Corona-Pandemie zu tun. Es ist auch nicht möglich, vom kurdischen Selbstverwaltungsgebiet ins Gebiet der Syrischen Interimsregierung zu gelangen. Reisen zwischen dem Gebiet der sog. Errettungsregierung und der Syrischen Interimsregierung sind möglich. Manche Reisen zwischen dem Regimegebiet und dem Selbstverwaltungsgebiet (der SDF) sind möglich, aber die genauen Konditionen sind unbekannt. BewohnerInnen von al-Hassakah und Qamishli sowie Personen, die dort geboren sind, gehören zu den Personengruppen, welche vom Regimegebiet aus in diese beiden Städte reisen können, weil die Behörden dort eine gewisse Präsenz haben. Auch Leute, die im Regimegebiet wohnen, aber aus Teilen von Raqqa und Deir az-Zour stammen, die nun unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehen, können Berichten zufolge hin und her reisen, um ihre Besitztümer zu überprüfen oder Land zu kultivieren (NMFA 5.2022).

Die Situation bezüglich des Warenverkehrs stellt sich anders dar als bei Personen - landwirtschaftliche Produkte können vom Regimegebiet aus in andere Landesteile gebracht werden (NMFA 5.2022).

II.1.6.9. Ein- und Ausreise, Situation an Grenzübergängen des Regimes:

Die syrische Regierung kann die Ausstellung von Reisepässen oder anderen wichtigen Dokumenten aufgrund der politischen Einstellung einer Person, deren Verbindung zu oppositionellen Gruppen oder der Verbindung zu einem von der Opposition dominierten geografischen Gebiet verweigern (USDOS 20.3.2023). Das syrische Regime hat zudem Erfordernisse für Ausreisegenehmigungen eingeführt. Die Regierung verbietet durchgängig die Ausreise von Mitgliedern der Opposition oder Personen, die als solche wahrgenommen werden oder mit diesen oder mit Oppositionsgebieten in Verbindung stehen. Deshalb zögern diese sowie ihre Familien, eine Ausreise zu versuchen, aus Angst vor Angriffen/Übergriffen und Festnahmen an den Flughäfen und Grenzübergängen. Auch JournalistInnen und MenschenrechtsaktivistInnen sowie Personen, die sich in der Zivilgesellschaft engagieren, sowie deren Familien und Personen mit Verbindungen zu ihnen werden oft mit einem Ausreiseverbot belegt. Viele Personen erfahren erst von einem Ausreiseverbot, wenn ihnen die Ausreise verweigert wird. Berichten zufolge verhängt das Regime Reiseverbote ohne Erklärung oder explizite Nennung der Dauer. Erhalten AktivistInnen oder JournalistInnen eine Ausreiseerlaubnis, so werden sie bei ihrer Rückkehr verhört (USDOS 20.3.2023). Männern im wehrpflichtigen Alter ist die Ausreise verboten. Der Reisepass wird ihnen vorenthalten, und Ausnahmen werden nur mit Genehmigung des Rekrutierungsbüros, welches bescheinigt, dass der Wehrdienst geleistet wurde, gewährt (AA 2.2.2024).

In Syrien betragen die Kosten für einen Reisepass aktuell 7 USD im regulären Verfahren und 56 USD im sogenannten „Expressverfahren“, welches dennoch mehrere Wochen dauern kann. Im Ausland liegen die Kosten bei 300 USD für das Regel- und 800 USD für das Expressverfahren. Die Gültigkeit beträgt in der Regel nur zwei Jahre. (AA 2.2.2024).

Flüchtlingsbewegungen finden in die angrenzenden Nachbarländer statt. Die Grenzen sind zum Teil für den Personenverkehr geschlossen, bzw. können ohne Vorankündigung kurzfristig geschlossen werden, und eine Ausreise aus Syrien unmöglich machen (AA 16.5.2023). Das Regime schließt regelmäßig den Flughafen von Damaskus sowie Grenzübergänge und begründet dies mit Gewalt, bzw. drohender Gewalt (USDOS 20.3.2023)

Die auf Grund von COVID-19 verhängten Sperren der Grenzübergänge vom regierungskontrollierten Teil in den Libanon, nach Jordanien (Nasib) und in den Irak (Al-Boukamal) für den Personenverkehr wurden zwischenzeitig aufgehoben. Neue Einschränkungen seitens des Libanon sind mehr der Vermeidung illegaler Migration aus Syrien in den Libanon als COVID-Maßnahmen geschuldet. Der libanesische Druck zur freiwilligen Rückkehr einer wachsenden Zahl syrischer Flüchtlinge steigt. Die Grenzen zwischen der Türkei und den syrischen kurdisch besetzten Gebieten sind geschlossen; zum Irak hin sind diese durchlässiger (ÖB Damaskus 12.2022).

II.1.6.10. Rückkehr

Die Regierung erlaubt SyrerInnen, die im Ausland leben, ihre abgelaufenen Reisepässe an den Konsulaten zu erneuern. Viele SyrerInnen, die aus Syrien geflohen sind, zögern jedoch, die Konsulate zu betreten, aus Angst, dass dies zu Repressalien gegen Familienangehörige in Syrien führen könnte (USDOS 20.3.2023).

Die Behandlung von Einreisenden nach Syrien ist stark vom Einzelfall abhängig, über den genauen Kenntnisstand der syrischen Behörden gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die syrischen Nachrichtendienste über allfällige exilpolitische Tätigkeiten informiert sind, ebenso ist von vorhandenen 'black lists' betreffend Regimegegner immer wieder die Rede. Je nach Sachlage kann es aber (z.B. aufgrund von Desertion oder Wehrdienstverweigerung oder früherer politischer Tätigkeit) durchaus zu Schwierigkeiten mit den syrischen Behörden kommen. (ÖB Damaskus 12.2022).

Auch länger zurückliegende Gesetzesverletzungen im Heimatland (z. B. illegale Ausreise) können von den syrischen Behörden bei einer Rückkehr verfolgt werden. In diesem Zusammenhang kommt es immer wieder zu Verhaftungen. Z.B. müssen deutsche männliche Staatsangehörige, die nach syrischer Rechtsauffassung auch die syrische Staatsangehörigkeit besitzen, sowie syrische Staatsangehörige mit Aufenthaltstitel in Deutschland auch bei nur besuchsweiser Einreise damit rechnen, zum Militärdienst eingezogen oder zur Zahlung eines Geldbetrages zur Freistellung vom Militärdienst gezwungen zu werden. Eine vorab eingeholte Reisegenehmigung der syrischen Botschaft stellt keinen verlässlichen Schutz vor Zwangsmaßnahmen seitens des syrischen Regimes dar. Auch aus Landesteilen, die aktuell nicht unter der Kontrolle des syrischen Regimes stehen, sind Fälle zwangsweiser Rekrutierung bekannt (AA 16.5.2023). Die Dokumentation von Einzelfällen zeigt immer wieder, dass es insbesondere auch bei aus dem Ausland Zurückkehrenden trotz positiver Sicherheitsüberprüfung eines Dienstes jederzeit zur Verhaftung kommen kann. Häufiger werden die Festgenommenen an Haftanstalten der Geheimdienste oder des Militärs überstellt, oft in den Raum Damaskus (AA 2.2.2024).

Durch das Fehlen klarer Informationen über das Prozedere für eine Rückkehr, durch das Zurückhalten der Gründe für die Ablehnung einer Rückkehr, bzw. durch das Fehlen einer Einspruchsmöglichkeit enthält die syrische Regierung ihren BürgerInnen im Ausland das Recht auf Einreise in ihr eigenes Land vor (UNCOI 7.2.2023).

Die offizielle politische Position des Regimes hinsichtlich der Rückkehr von Geflüchteten wurde im Berichtszeitraum angepasst. In einem anlässlich des UNHCR-Exekutivkomitees am 12.10.2023 veröffentlichten Statement versicherte das syrische Regime, dass es sichere Rückkehrbedingungen schaffe. Die Versprechungen, z. B. zum Wehrdienst, bleiben jedoch vage. Nach Einschätzung vieler Beobachter könne kaum mit großangelegter Flüchtlingsrückkehr gerechnet werden (AA 2.2.2024).

II.1.6.10.1. Wahrnehmung von RückkehrerInnnen ja nach Profil

Die Rückkehr von ehemaligen Flüchtlingen ist trotzdem nicht erwünscht, auch wenn offiziell mittlerweile das Gegenteil gesagt wird (The Guardian 23.3.2023; vgl. Balanche 13.12.2021). Rückkehrende werden vom Regime häufig als „VerräterInnen“ deklariert (AA 2.2.2024), bzw. insgeheim als illoyal gegenüber ihrem Land und als Unterstützer der Opposition und/oder bewaffneter Gruppen angesehen (AI 9.2021). Eine besondere Gefahr, Ziel staatlicher und von Willkür geprägter Repression zu werden, besteht für alle, die sich in der Vergangenheit (regime-)kritisch geäußert oder betätigt haben oder sich auf andere Weise das Missfallen des Regimes zugezogen haben. Dies kann nach Einschätzungen von Menschenrechtsorganisationen bereits dann der Fall sein, wenn Betroffene in familiärer Verbindung zu vermeintlichen Oppositionellen oder Regimefeinden stehen oder ihre regionale Herkunft (z. B. ehemalige Oppositionsgebiete) dies nahelegt. Berichte deuten jedoch darauf hin, dass selbst regimenahe Personen Opfer von Repressionen werden können (AA 2.2.2024).

Jeder, der geflohen ist und einen Flüchtlingsstatus hat, ist in den Augen des Regimes bereits verdächtig (Üngör 15.12.2021). Aus Sicht des syrischen Staates ist es daher besser, wenn diese SyrerInnen im Ausland bleiben, damit ihr Land und ihre Häuser umverteilt werden können, um Assads soziale Basis neu aufzubauen. (The Guardian 23.2.2023). Gemäß Berichten von Menschenrechtsorganisationen kommt es zu systematischen, politisch motivierten Sicherheitsüberprüfungen von Rückkehrwilligen, Ablehnung zahlreicher Rückkehrwilliger und gezielten Menschenrechtsverletzungen gegen Rückkehrende sowie Verletzungen von im Rahmen lokaler Rückkehrinitiativen getroffenen Vereinbarungen (Einzug zum Militärdienst, Verhaftung, etc.) (AA 29.11.2021).

Entscheidend für die Sicherheit von Rückkehrenden bleibt vielmehr die Frage, wie der oder die Rückkehrende von den im jeweiligen Gebiet präsenten Akteuren wahrgenommen wird. Rückkehr auf individueller Basis findet, z. B. aus der Türkei, insbesondere in Gebiete statt, die nicht unter Kontrolle des Regimes stehen. Darüber hinaus können belastbare Aussagen oder Prognosen zu Rückkehrfragen nach geografischen Kriterien weiterhin nicht getroffen werden. Insbesondere für die Gebiete unter Kontrolle des Regimes, einschließlich vermeintlich friedlicherer Landesteile im äußersten Westen Syriens sowie in der Hauptstadt Damaskus, gilt unverändert, dass eine belastbare Einschätzung der individuellen Gefährdungslage aufgrund des dortigen Herrschaftssystems, seiner teilweise rivalisierenden Geheimdienste sowie regimenaher Milizen ohne umfassende zentrale Steuerung nicht möglich ist (AA 2.2.2024).

Berichte internationaler Organisationen ergeben ein Bild regional unterschiedlicher Bedingungen und Politiken zur Flüchtlingsrückkehr (ÖB Damaskus 1.10.2021), und die Aussagen zur Haltung der Regimekräfte gegenüber Rückkehrern heben unterschiedliche Aspekte zu deren Wahrnehmung und Behandlung hervor:

Der Syrien-Experte Uğur Üngör geht davon aus, dass jeder, der das Land verlassen hat, und nach Europa geflohen ist, vom Regime als verdächtig angesehen wird, weil es im Verständnis des Regimes keinen Grund gab, zu fliehen. Die Flucht nach Europa und das Beantragen von Asyl können negativ gesehen werden - im Sinne einer Zusammenarbeit mit den europäischen Regierungen oder sogar, dass man von diesen bezahlt wurde. Dies gilt jedoch nicht für Personen, die eine offiziell bestätigte regierungsfreundliche Einstellung haben. Weiters werden Personen, die in die Türkei geflohen sind, als Vertreter von Präsident Erdoğans Regierung gesehen. Wer im Ausland negative Äußerungen über das Regime gemacht hat (im Sinne von öffentlichem politischen Aktivismus, aber auch privat in sozialen Medien), kann bei der Rückkehr speziell vom politischen Geheimdienst überprüft werden. Wenn man Glück hat, sind die Anschuldigungen laut Üngör nicht sehr ernst, oder man kann ein Bestechungsgeld zahlen, um freizukommen, andernfalls kann man direkt vor Ort verhaftet werden. Hierbei spielen nicht nur eigene Aktivitäten eine Rolle, sondern auch Aktivitäten von Verwandten und die geografische Herkunft der rückkehrenden Person. Es gibt auch Berichte, dass Familienmitglieder von Journalisten, die in Europa für oppositionelle Medien schreiben, inhaftiert und tagelang festgehalten und wahrscheinlich gefoltert wurden (Üngör 15.12.2021)

Laut dem Syrien-Experten Kheder Khaddour kommt es darauf an, wo im Ausland man sich aufgehalten hat: War man in den Golfstaaten, wird vielleicht davon ausgegangen, dass man geschäftlichen Tätigkeiten nachgegangen ist und nichts mit Politik zu tun hat. Wer in die Türkei gegangen ist, wird als Kollaborateur der Islamisten und Präsident Erdoğans gesehen. Wer in Europa war, wird beschuldigt, von Europa bezahlt worden zu sein, um gegen das Regime zu sein. Der Libanon ist vielleicht noch am neutralsten, quasi wie ein 'erweitertes Syrien', und durch die geografische Nähe stehen Flüchtlingen im Libanon-Korruptionsnetzwerke (zur Absicherung der Rückkehr) zur Verfügung, auf die man in Europa keinen Zugriff hat (Khaddour 24.12.2021).

Bashar al-Assad hat erklärt, dass er jene, die gegen sein Regime sind, als 'Krankheitserreger' sieht. Die Rückkehr ist aber nicht nur für Regimegegner, sondern auch für alle, über deren politischer Position sich das Regime nicht sicher ist, problematisch. Die Behandlung eines Rückkehrers durch die Behörden hängt laut dem syrischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Mohamad Rasheed allein davon ab, ob die Person für oder gegen das Regime ist. Wer regierungstreu ist, kann auf legalem und gewöhnlichem Weg ein- und ausreisen. Die Unvorhersehbarkeit und Willkür sind große Hindernisse für die Rückkehr nach Syrien. Man kann jederzeit verhaftet und verhört werden und niemand weiß, ob man leben, getötet oder verschwinden gelassen wird. Der Staatsapparat ist durchzogen von Mafias, und im ganzen Land gibt es Milizen, die die Bevölkerung tyrannisieren (Rasheed 28.12.2021).

Laut dem Nahost-Experten Fabrice Balanche kann man, wenn man Teil der Opposition war oder sogar gekämpft hat, nicht nach Syrien zurückkehren, selbst wenn es laut offiziellem Narrativ des Präsidenten eine Amnestie gibt. Dasselbe gilt auch für (andere) politische Flüchtlinge. Zudem besteht immer die Gefahr, vom Geheimdienst verhaftet zu werden, zum Teil, um Geld zu erpressen. Man wird für ein paar Wochen inhaftiert, weil man vom Ausland zurückkommt und davon ausgegangen wird, dass man Geld hat. Die Familie muss dann ein Lösegeld von ein paar Tausend Dollar bezahlen, oder die Person bleibt weitere zwei Wochen im Gefängnis (Balanche 13.12.2021).

Auch die lokale Bevölkerung hegt oft Argwohn gegen Personen, die das Land verlassen haben. Es besteht eine große Kluft zwischen Syrern, die geflohen sind, und jenen, die dort verblieben sind. Erstere werden mit Missbilligung als Leute gesehen, die 'davongelaufen' sind, während Letztere oft Familienmitglieder im Krieg verloren und unter den Sanktionen gelitten haben (Khaddour 24.12.2021; vgl. Üngör 15.12.2021). Es kann daher zu Denunziationen oder Erpressungen von Rückkehrern kommen, selbst wenn diese eigentlich 'sauber' [Anm.: aus Regimeperspektive] sind, mit dem Ziel, daraus materiellen Gewinn zu schlagen (Üngör 15.12.2021)

Ein weiteres soziales Problem sind persönliche Racheakte: Wenn bei Kämpfen zwischen zwei Gruppen jemand getötet wurde, kann es vorkommen, dass jemand, der mit dem Mörder verwandt ist, von der Familie des Ermordeten im Sinne der Vergeltung getötet wird. Dies hindert viele an der Rückkehr in ihren Heimatort (Balanche 13.12.2021)

II.1.6.11. Administrative Verfahren der syrischen Behörden für RückkehrerInnen

Die syrische Regierung bietet administrative Verfahren an, die Rückkehrwillige aus dem Ausland oder aus von der Opposition kontrollierten Gebieten vor der Rückkehr in durch die Regierung kontrollierte Gebiete durchlaufen müssen, um Probleme mit der Regierung zu vermeiden. Im Rahmen dieser Verfahren führen die syrischen Behörden auf die eine oder andere Weise eine Überprüfung der RückkehrerInnen durch. Während des als 'Sicherheitsüberprüfung' (arabisch muwafaka amniya) bezeichneten Verfahrens werden die Namen der AntragstellerInnen mit Fahndungslisten verglichen. Beim sogenannten 'Statusregelungsverfahren' (arabisch: taswiyat wade) beantragen die AntragstellerInnen, wie es in einigen Quellen heißt, die 'Versöhnung', sodass ihre Namen von den Fahndungslisten der syrischen Behörden gestrichen wird (DIS 5.2022). Es mangelt insbesondere an einheitlichen bzw. verlässlichen Verfahren zur Klärung des eigenen Status mit den Sicherheitsbehörden (Überprüfung, ob gegen die/den Betroffene/n etwas vorliegt) und an verfügbaren Rechtswegen (AA 2.2.2024).

Gemäß Berichten von Menschenrechtsorganisationen kommt es zu systematischen, politisch motivierten Sicherheitsüberprüfungen von Rückkehrwilligen, zur Ablehnung zahlreicher Rückkehrwilliger und zu gezielten Menschenrechtsverletzungen gegen Rückkehrende sowie Verletzungen von im Rahmen lokaler Rückkehrinitiativen getroffenen Vereinbarungen (Einzug zum Militärdienst, Verhaftung, etc.) (AA 29.11.2021). Auch die United Nations Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (CoI) berichtet von Menschenrechtsverletzungen in ihrem Berichtszeitraum, darunter den Tod eines Rückkehrers in Haft, dem man lebensrettende medizinische Versorgung verweigert hatte. Er war Anfang 2022 bei seiner Rückkehr nach Syrien trotz eines erfolgten Beilegungs-, bzw. 'Versöhnungsprozesses', verhaftet worden (UNCOI 7.2.2023).

So gilt es zum Beispiel für die Rückkehr nach Homs, in die von der Regierung gehaltenen Teile von Idlib sowie ins Umland von Damaskus (Rif Dimashq) mehrere und sich überlappende Genehmigungsprozesse bei einer Reihe von Behörden zu durchlaufen. Oft beinhalten diese Prozedere eine geheimdienstliche Sicherheitsgenehmigung oder ein Beilegungsabkommen (Anm.: auch 'Versöhnungsabkommen') oder beides, je nachdem woher die Rückkehrenden kommen, wo sie hingehen, und was ihre Profile sind. Einige mussten etwa schon vor ihrer Rückkehr ihren Status bei Zentren zur 'Statusklärung' in Regierungsgebieten 'klären', indem Verwandte oder Freunde vor Ort dies für sie durchführten. Andere gingen direkt zu diesen Zentren, nachdem sie durch Schmuggelrouten in das Gebiet zurückkehrten oder nachdem sie an einem Grenzübergang um eine 'Statusklärung' angesucht hatten. Andere wiederum mussten eine Sicherheitsgenehmigung für einen Wohnsitz, bzw. Aufenthalt ('residence') bereits vor ihrer Rückkehr einholen. Andere versuchten an kollektiven Rückkehraktionen aus dem Libanon teilzunehmen (UNCOI 7.2.2023)

Auch nach vermeintlicher Klärung des Status mit einer oder mehreren der Sicherheitsbehörden innerhalb oder außerhalb Syriens kann es nach Rückkehr jederzeit zu unvorhergesehenen Vorladungen und/oder Verhaftungen durch diese oder Dritte kommen. Berichte verschiedener Menschenrechtsorganisationen bestätigen, dass selbst eine von der jeweiligen Sicherheitsbehörde vorgenommene positive Sicherheitsüberprüfung jederzeit von dieser revidiert werden kann und damit keine Garantie für eine sichere Rückkehr leistet (AA 2.2.2024).

II.1.7. Einreisemöglichkeiten in das von der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (AANES) kontrollierte Gebiet:

Die folgende Auflistung stellt offizielle und bedeutsamere Grenzübergänge in Syrien dar (nach BFA-Staatendokumentation, Themenbericht Syrien-Grenzübergänge, vom 25.10.2023):

Von der Türkei aus dürfte eine Einreise in den Nordosten Syriens sehr schwierig sein - die Grenzübergänge sind laut UNDSS gesperrt; in der Karte des EAD der EU werden zwei Grenzübergänge als offen geführt; diese führen allerdings in das von der Türkei okkupierte Gebiet. Zumindest die Weiterreise in das kurdisch kontrollierte Gebiet dürfte mit Schwierigkeiten verbunden sein (Anfragebeantwortung der Staatendokumentation, Einreise in das Kurdengebiet, speziell Provinz al Hassakah, vom 23.06.2021).

Bestimmte Grenzübergänge aus dem Irak (Semalka ganz im Norden und Boukamal ganz im Süden) sind - zumindest - eingeschränkt passierbar. UNDSS qualifiziert diese als „conditional“ offen (der Grenzübergang von Beirut nach Damaskus wird auch so qualifiziert; für ganz Syrien wird kein Grenzübergang von UNDSS als gänzlich „offen“ eingestuft). Der EAD führt diese als „offen“. Semalka wird von den kurdischen Sicherheitskräften kontrolliert; hier wäre eine Einreise ohne Kontakte zu syrischen Regierungsbehörden möglich. Boukamal wird von der Regierung kontrolliert und es wird sich auch eine Weiterreise in den Nordosten weit schwieriger gestalten (Anfragebeantwortung der Staatendokumentation, Einreise in das Kurdengebiet, speziell Provinz al Hassakah, vom 23.06.2021).

Der Grenzübergang von Semalka/Fishkhabur [Anm.: auch Faysh Khabour, Peshkhabour] ist politisch wie wirtschaftlich zentral für das Überleben des Selbstverwaltungsgebiets Nord- und Ostsyrien [Autonomous Administration of North and East Syria, AANES] (TWI/Balanche 10.2.2021). 70 bis 100 LKW-Ladungen mit kommerziellen Gütern werden täglich via Semalka in die AANES gebracht. Der Fluss Tigris trennt die beiden Seiten des Grenzübergangs Fishkhabour/Semalka. Es gibt zwei Flussübergänge - einen für private bzw. zivile Reisebewegungen und einen für kommerzielle und humanitäre Güter. Auf der syrischen Seite kontrolliert die PYD (Partei der Demokratischen Union) den Semalka-Übergang, und laut Journalisten sind zwei Organe der Selbstverwaltungsregion AANES vor Ort: 1.) die Asayish (Sicherheitspolizei) in Form von Wachen (Polizei oder interne Sicherheitskräfte der AANES) und 2.) die zivile Grenzverwaltung, deren Personal für die Dokumente der Reisenden bei Ein- und Ausreise zuständig ist. Am Grenzübergang Semalka sind keine Beamten des syrischen Staates präsent (van Wilgenburg 09.10.2023).

Auf der irakischen Seite betreibt das Kurdistan Regional Government (KRG) der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) unter der Leitung von Direktor Shawkat Barbuhari (Berbihary) den Grenzübergang Fishkhabour. Sein Stellvertreter ist Nazim Hamid Abdullah. Hamid Darbandi ist nicht nur Leiter der Abteilung für Public Relations der Präsidentschaft der KRG, sondern auch für die Beziehungen zu Syrien, bzw. den syrischen Kurd:innen. Er spielt eine Rolle bei Genehmigungen, besonders für Ausländer:innen, welche die Grenze überqueren wollen. Einer zweiten syrisch-kurdischen Quelle zufolge werden beide Seiten des Grenzübergangs von den jeweiligen Innenministerien der kurdischen Regionalverwaltungen KRG und AANES betrieben. So sind es auch auf der irakischen Seite Asayish der KRI (Kurdistan Region Irak) bzw. der KDP, welche in manchen Fällen Personen bei der Einreise aus Syrien oder ihrer Rückkehr befragen, insbesondere, wenn es sich um Ausländer:innen handelt, die nach Syrien reisen (van Wilgenburg 09.10.2023). Der Grenzübergang Semalka gilt politisch, humanitär und wirtschaftlich als Lebensader der AANES. Nur hier können laut Thomas Schmidinger auch politische Delegationen, NGOs und andere humanitäre Organisationen den Norden und Osten Syriens erreichen (Al-Monitor 21.05.2023).

Es gibt laut Wladimir van Wilgenburg nur wenige Rückweisungen am Grenzübergang (van Wilgenburg 09.10.2023). Dabei handelt es sich auf irakischer Seite um Fälle mit politischem Hintergrund, etwa Personen, gegen die in der KRI Dossiers vorliegen. So wurde Syrer:innen das Betreten der KRI wegen des Verdachts einer Verbindung zur PKK, YPG oder PYD (Kurdische Arbeiterpartei, Volksverteidigungseinheiten, Partei der Demokratischen Union), syrischen Nachrichtendiensten oder pro-türkischen Milizen wie der SNA (Syrian National Army) und FSA (Freie Syrische Armee) verwehrt. Personen mit wahrgenommenen Verbindungen zur Selbstverwaltung (AANES), YPG oder SDF (Syrian Democratic Forces) erlangen laut Einschätzung eines von van Wilgenburg befragten Aktivisten nicht so leicht Zutritt (van Wilgenburg 09.10.2023). Auf der syrischen Seite wurde auch syrischen Bewohner:innen der KRI die Rückkehr nach Syrien von AANES-Kräften verweigert - und zwar wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Verbindungen zur PDK-S (dem syrischen Zweig der irakischen KDP der Barzani-Familie), zum Kurdish National Council (KNC) [Kurdischer Nationalrat, von Barzani unterstützter Zusammenschluss kurdischer Parteien] oder zu türkischen Nachrichtendiensten, syrischen Oppositionsmilizen (SNA, FSA) oder dem Islamischen Staat etc. (van Wilgenburg 09.10.2023).

Laut van Wilgenburg war es früher für Mitarbeiter:innen der AANES bzw. des Syrian Democratic Council (SDC) [Anm.: Syrischer Demokratischer Rat, politisches Gremium der AANES] leichter, in die KRI einzureisen, während in den letzten Jahren die Einreise durch die KRI verweigert wurde. Gleichzeitig hat die AANES ihrerseits Vertreter:innen des KNC die Einreise verweigert. Hintergrund sind die verstärkten Spannungen zwischen der PKK und der KDP im irakischen Kurdistan. Die syrische PYD ist mit der PKK verbunden, bzw. steht ihr nahe, während der KNC und PDK-S der KDP bzw. KRG nahestehen. Nach früheren, nie umgesetzten Vermittlungsabkommen gab es auch einen Versuch der USA im Jahr 2020, einen Dialog zwischen den beiden Seiten zu vermitteln, der scheiterte. Oft kam es nach dem Bruch der Abkommen zu Spannungen, und die Grenzübergänge wurden geschlossen, und die beiden Seiten verweigerten jeweils den KNC-Funktionären oder den PYD-Vertreter:innen die Einreise (van Wilgenburg 09.10.2023).

Semalka und Yaroubiya können von Schließungen betroffen sein. Semalka wird gelegentlich aus politischen Gründen von der KRG geschlossen, besonders wenn sich Spannungen zwischen der im Nordirak dominanten KDP und der PYD, welche die AANES dominiert, zuspitzen. Allerdings dauern diese Blockaden nicht lange, weil der Handel für beide Seiten sehr profitabel ist. Zwischen den beiden Autonomieverwaltungen gibt es „diplomatische“ Beziehungen. Seit der Militäroffensive „Claw Eagle Operations“ der Türkei im Jahr 2019 erhöht diese den Druck auf die KRG und den Irak, die Grenze zur AANES zu schließen, um diese zu isolieren (Jasim/STDOK 10.10.2023). Laut van Wilgenburg sorgten die Spannungen zwischen der KRG und der AANES und den mit ihr verbundenen Streitkräften besonders im Zeitraum 2013 bis 2018 für Schließungen von Semalka. Im Dezember 2021 kam es zu einer Schließung aufgrund von Spannungen zwischen der KDP und PYD nach einem Protest oder Angriff einer PKK-Jugendgruppe an der Grenze. Im Jahr 2020 war die Grenze wegen der COVID-19-Pandemie geschlossen (van Wilgenburg 09.10.2023). Im Dezember 2021 kam es zu einer Schließung, die 40 Tage andauerte. Während der Schließung im Juni 2021 zum Höhepunkt neuerlicher inner-kurdischer Spannungen war der Grenzübergang für Reisende gesperrt, aber nicht für den humanitären Bereich (Al-Monitor 21.05.2023). Seither wurden die Schließungen weniger. Die letzte Schließung währte vom 20. Mai bis 5. Juni 2023. Grund für die Schließung war, dass die der AANES angegliederte Grenzverwaltung syrisch-kurdischen Beamt:innen den Grenzübertritt zur KRI verweigert hatte, die der Eröffnung des Barzani-Nationalmuseums beiwohnen wollten (K24 03.06.2023). Am 5. Juni 2023 öffnete der Grenzübergang Semalka/Fishkhabour wieder (iMMAP 13.07.2023). Die temporäre Schließung vom 20. Mai bis zum 5. Juni 2023 sorgte für das Fehlen wichtiger Güter in der AANES (van Wilgenburg 09.10.2023). Neuerliche Schließungen sind nicht dokumentiert. Der Grenzübergang ist aktuell offen (van Wilgenburg 09.10.2023).

Gelegentlich zeigt auch die irakische Zentralregierung ihren Unmut über die Existenz der inoffiziellen Grenzübergänge der KRG, was dann dazu führt, dass diese für einige Tage geschlossen werden, bis die Aufmerksamkeit der Regierung geschwunden ist (Jasim/STDOK 10.10.2023). Im Fall von Schließungen ist Nordost-Syrien dann nur über das Regierungsgebiet erreichbar (Al-Monitor 21.05.2023). Die KDP hat bisher auch im Fall von Schließungen immer Nahrungsmittel und Medikamente passieren lassen (CAP 26.05.2021). Die Selbstverwaltung AANES ist (auch) an der irakischen Grenze an den essenziellen Grenzübergängen Fishkhabour und Yaroubiya mit Gefahren konfrontiert. Das Grenzgebiet ist politisch zwischen PKK, irakischen Sicherheitskräften, schiitischen Milizen und mit Barzani verbündeten KDP-Kräften umstritten. Die Türkei hat überdies gedroht, im nahe gelegenen Sinjar zu intervenieren, was die Lage völlig verändern würde. Vor dem Hintergrund des Eigeninteresses der US-Truppen an einer offenen Grenze und der Abhängigkeit der KDP von US-Unterstützung sollten die USA jedoch in der Lage sein, das Thema Fishkhabour zu regeln (CAP 26.05.2021). Der Yarubiya-Grenzübergang ist insofern eine eigene Thematik, als dort nach einem russischen Veto im UN-Sicherheitsrat seit Jänner 2020 keine humanitäre Hilfe der UNO mehr passieren darf. Das schränkt die Einfuhr von essenziellem Medizinbedarf in die AANES ein - auch während der Pandemie gab Russland nicht nach (CAP 26.05.2021).

Es gibt nicht viele Verhaftungen direkt an der Grenze, auch wenn Leuten die Einreise verweigert wird. Einige Fälle von Verhaftungen und Misshandlungen ereigneten sich in den letzten Jahren aufgrund der politischen Ansichten der Reisenden, einer früheren Mitgliedschaft in einer (bewaffneten) Gruppe (van Wilgenburg 09.10.2023) oder weil die Betreffenden den Wehrdienst in der HXP (Selbstverteidigungseinheiten der AANES) vermieden hatten (van Wilgenburg 09.10.2023, van Wilgenburg 17.10.2023). Direkt am Grenzübergang kommt es nicht zu Misshandlungen (van Wilgenburg 09.10.2023). Bassam al-Ahmad, der geschäftsführende Direktor von Syrians for Truth and Justice, gibt an noch nie von Verhaftungen oder Misshandlungen auf einer der beiden Seiten [direkt] an der Grenze gehört zu haben. Auch andere syrisch-kurdische Quellen bestätigten, dass es keine Verhaftungen an der Grenze gab (van Wilgenburg 09.10.2023).

Der Grenzübergang Semalka/Fishkhabur ist weder von Syrien noch vom Irak offiziell anerkannt ist, und das Queren der Grenze ist illegal, auch wenn dies in den meisten Fällen nicht strafrechtlich verfolgt wird, weil sich beide Seiten unter kurdischer Kontrolle befinden (Jasim/STDOK 10.10.2023). Reist jemand aus dem Irak über Fishkhabour nach Syrien ein, ist keine legale Einreise in von der Regierung kontrollierte Gebiete möglich. Wenn eine aus dem Ausland einreisende Person etwa nach Damaskus reisen wollte, müsste sie über einen offiziellen Grenzübergang unter Kontrolle der syrischen Regierung, etwa über den Libanon oder die jordanisch-syrische Grenze, einreisen. Eine Einreise über den Grenzübergang Fishkhabour gilt nicht offiziell als Einreise nach Syrien und der Reisepass wird nicht abgestempelt. Man erhält bei der Einreise lediglich ein „Papiervisum“ (ACCORD 14.06.2023). Semalka ist daher für viele Leute im Nordosten Syriens der bevorzugte Grenzübergang, weil er nicht von der syrischen Regierung anerkannt oder verwaltet wird. Der fehlende Eintrag im Reisepass ist auch für diejenigen Syrer:innen wichtig, die Angst haben, ihre Aufenthaltsgenehmigung im Ausland als Flüchtlinge zu verlieren, wenn ihre Reise nach Syrien aufscheinen würde (Al-Monitor 21.05.2023). Sowohl Hisham Arafat wie auch Bassam al-Ahmad sagten gegenüber van Wilgenburg aus, dass die syrische Regierung nicht am Grenzübergang präsent ist und keine Kontrollmöglichkeit hat (van Wilgenburg 09.10.2023). Bei einer Einreise in die AANES über den Grenzübergang Fishkhabour aus dem Irak erfährt die syrische Regierung offiziell nichts von der Einreise nach Syrien. Es gibt Gerüchte über einen Informationsaustausch zwischen AANES und der syrischen Regierung (van Wilgenburg 09.10.2023) und über die Anwesenheit von Spitzeln des Regimes in der Grenzregion, aber keine bestätigten Informationen dazu.

Eine Möglichkeit den Nordosten Syriens direkt von Europa kommend zu erreichen, ist nach Erbil (Autonome Region Kurdistan Irak) zu fliegen und von dort zum Grenzübergang Semalka - Faysh Khabur zu fahren. Vom Flughafen Erbil brächten Taxis oder Minibusse Reisende zum Grenzübergang. Die Transportkosten vom Flughafen Erbil nach Semalka - Faysh Khabur betrügen in etwa 50 US-Dollar pro Person in einem geteilten Minibus oder etwa 100 US-Dollar für ein privates Taxi. Die Fahrt dauere ca. 2,5 Stunden. Am Grenzübergang angekommen, gehe der/die Reisende ein kurzes Stück zu Fuß, um dann Grenzbeamt·innen Ausweispapiere und etwaige andere Dokumente, nach denen in manchen Fällen gefragt werde, wie den Personalausweis, das Familienbuch, das Personenstandsregister und ähnliches vorzulegen. Wenn es der Person erlaubt wird zu passieren, nehme sie auf syrischer Seite des Grenzüberganges ein neues Auto mit Fahrer, um nach Al-Hasaka zu gelangen. Es sei für Reisende nicht möglich, die Grenze mit einem Auto zu passieren. Fahrer von beiden Seiten würden sich jedoch oft kennen und zusammenarbeiten. Die Fahrt vom Grenzübergang nach Al-Hasaka koste in etwa 50 US-Dollar und dauere circa zwei Stunden. Über den Grenzübergang sind Personen- und Warenverkehr möglich (Syrienexperte, der im Auftrag von ACCORD mit lokalen Quellen vor Ort, inklusive Beamten der Provinz al-Hasaka und der Autonomen Region Kurdistan Irak, sowie Fahrern, die am Grenzübergang Semalka - Faysh Khabur arbeiten, gesprochen hat). Semalka und die umliegende Region sind vergleichsweise recht sicher. UNDSS weist die Straßenverbindungen von Semalka kommend nach al-Hasaka und Qamishli mit der zweitniedrigsten Sicherheitsstufe aus – zum Vergleich: über die niedrigste Einstufung – „normal“ – verfügen nur die Verbindungen von Beirut-Damaskus-Homs-Tartus-Latakia (ÖB Österreichische Botschaft Damaskus 08.06.2021).

Syrische Einwohner:innen der Provinz al-Hassakah und des Gebiets von Kobane benötigen zur Einreise über den Grenzübergang Semalka - Faysh Khabur ein syrisches Reisedokument und die Genehmigung der Grenzbehörde der KRI in Fishkhabour. Im Fall einer gerade erfolgten legalen Einreise über den Flughafen Erbil und bei Vorliegen eines KRI-Visums, und ohne noch eine KRI-Visa-Aufenthaltskarte erhalten zu haben, ist eine Rückkehr nach Syrien via Fishkhabour möglich, indem eine Kopie des KRI-Visums beim Grenzübergang eingereicht wird. Van Wilgenburg hat selbst gesehen, dass Syrer:innen aus den Golfstaaten mit einem KRI-Visum so die Regimegebiete umgehen, und in die AANES-Region zurückkehren konnten (van Wilgenburg 09.10.2023). Am Grenzübergang Fishkhabour müssen den GrenzbeamtInnen Ausweispapiere und etwaige andere Dokumente, nach denen in manchen Fällen gefragt werde, wie den Personalausweis, das Familienbuch, das Personenstandsregister und ähnliches vorlegen (Syrienexperte gegenüber ACCORD, 25.04.2022). Fehlende Ausweisdokumente sind einem Rechts- und Menschenrechtsberater beim SJAC zufolge nicht unbedingt ein Hindernis für den Prozess der Rückkehr. Personen, die keinen Reisepass besitzen oder deren Pass abgelaufen ist, können beispielsweise einen Passierschein bei einer syrischen diplomatischen Vertretung im Ausland beantragen (siehe EASO, Syrien: Lage der Rückkehrer aus dem Ausland, S. 25).

Personen, die in die Kurdistan Region Irak (KRI) einreisen wollen, benötigen eine Einreisegenehmigung in Form eines 30-Tage-Visums (Gov.KRD o.D.; vgl. UNHCR 11.2022), sowie einen gültigen Reisepass (Gov.KRD o.D.). Im April 2024 wurde durch die KR-I-Behörden ein Stopp der Visumausstellung für syrische Staatsangehörige beschlossen. Eine Ausnahme gilt für Personen, die einen Wohnsitz in den USA, Kanada oder Europa haben. Diese sollen in der Lage sein, zu Tourismus- und Besuchszwecken ein Visum für einen Zeitraum von 30 Tagen zu erhalten. Ende Mai 2024 begannen die KR-I-Behörden Medienberichten zufolge erneut mit der Ausstellung für Visa für Syrerinnen und Syrer; allerdings nur für jene, die Termine an Konsulaten und Botschaften in den KR-I haben. Ob es eine gesonderte Transit-Möglichkeit für Syrerinnen und Syrer gibt, die ausschließlich zum Zwecke der Einreise in die AANES-Gebiete durch Kurdistan reisen möchten, ist nicht bekannt. In allen drei KRI-Gouvernements ist eine Sicherheitskontrolle durch die Asayish am jeweiligen Einreisekontrollpunkt des Gouvernements notwendig. Personen, die länger als 30 Tage in der KRI bleiben wollen, müssen sich an den Asayish (UNHCR 11.2022; vgl. AA 28.10.2022) und den zuständigen Mukhtar (Leiter der lokalen Verwaltung) wenden, um ihren Aufenthalt zu legalisieren (UNHCR 11.2022). Personen, die über den Flughafen Erbil einreisen, müssen sich binnen 48 Stunden bei den Asayish anmelden, wenn sie beabsichtigen, länger im Land zu bleiben (UNHCR 11.2022).

Es kann auch zur Verweigerung einer Einreise von Syrer:innen in die KRI kommen, wenn diese im Verdacht stehen, mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), den Volksverteidigungseinheiten (YPG), der Partei der Demokratischen Union (PYD), mit dem Geheimdienst des syrischen Regimes, mit dem Islamischen Staat (IS) oder mit den von der Türkei unterstützten Milizen (Syrische Nationale Armee, SNA/ Freie Syrische Armee, FSA) in Verbindung zu stehen. Besonders auch Personen, denen direkte Verbindungen zur AANES, zur YPG oder zu den SDF nachgesagt werden, erhalten meist nicht so leicht eine Einreiseerlaubnis. Einreiseerschwernisse für Beamte der AANES und des Demokratischen Rats Syriens (SDC) sind vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen der PKK und der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) in der KRI zu betrachten. Die syrisch-kurdische PYD steht der PKK nahe, während der Kurdische Nationalrat (KNC) und die Demokratische Partei Kurdistan-Syrien (PDK-S) der KDP und damit der KRG nahestehen (van Wilgenburg 09.10.2023). Die KRI schränkt die Bewegungsfreiheit in den von ihr verwalteten Gebieten für Nicht-Einheimische ein (USDOS 20.03.2023).

II.2. Beweiswürdigung:

II.2.1.Feststellung des für die Entscheidung maßgebenden Sachverhaltes

Zur Feststellung des für die Entscheidung maßgebenden Sachverhaltes wurde Beweis erhoben durch Einsichtnahme in den von der belangten Behörde vorgelegten Verwaltungsakt, der Einvernahme der bP in der vor dem erkennenden Gericht durchgeführten mündlichen Verhandlung, ferner durch Einholung aktueller Auszüge aus dem Strafregister, dem Zentralen Melderegister und dem Informationsverbundsystem Zentrales Fremdenregister sowie schließlich im Wege der Einsichtnahme in die vom erkennenden Gericht in das Verfahren eingebrachten und der bP unter Angabe der Quellen bekanntgegebenen Länderberichten zur Lage im Herkunftsstaat, insbesondere Länderinformationsblatt der Staatendokumentation zu Syrien, Version 11, veröffentlicht am 27.03.2024 (LIB); UNHCR-Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen, 6. aktualisierte Version, März 2021; EUAA, Syria: Targeting of Individuals, COI Report September 2022; EUAA, Syria: Security Situation, COI Report October 2024; EUAA, Country Guidance Syria, April 2024; EUAA, Syria – Country Focus, October 2024; ACCORD, Anfragebeantwortung vom 06.05.2022: Voraussetzungen für Einreise syrischer Staatsangehöriger in Gebiete unter Kontrolle der SDF/YPG in Nordostsyrien, Legale Einreise aus dem Irak bzw. der Türkei, Informationen zum Grenzübergang Semalka-Faysh Khabr, Kontrolle der Grenzübergänge zwischen Nordostsyrien und der Türkei/dem Iran [a-11859-1]; Staatendokumentation, Themenbericht vom 25.10.2023: Syrien-Grenzübergänge; Accord-Anfragebeantwortung zu Syrien: Al-Hasaka: Derzeitige Kontrollsituation in der Gegend um die Stadt Qamischli; Entwicklung der Kontrollsituation in der Gegend um die Stadt Qamischli seit 2011; Informationen zur Kontrollsituation speziell im Dorf Hamo [a-12054] vom 17. Februar 2023; BAMF, Bericht zu den Einreisemöglichkeiten in die AANES-Gebiete (Stand September 2024); The Danish Immigration Service, COI-Report Syria - Documents and freedom of movement in North and East Syria (NES), August 2024; ACCORD -Themendossier zu Syrien: Wehrdienst, 23. September 2024; The Danish Immigration Service, Syria: Military service, COI Report Jänner 2024; The Danish Immigration Service, Syria: Military recruitment in North and East Syria Juni 2024; Danish Immigration Service: Military recruitment in Hasakah Governorate, Juni 2022; ACCORD, Anfragebeantwortung zu Syrien vom 14.06.2023: Detailfragen zum Vorgehen der syrischen Grenzbehörden bei der Einreise eines registrierten Reservisten nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt [a-12132-2]; -Finnish Immigration Service, Syyria / Reserviläisten kutsuminen palvelukseen; Syria / Calling reservists to military service [KT887], 29.06.2024; ACCORD, Anfragebeantwortung vom 08.09.2022 zu Syrien: Wehrdienstverweigerung und Desertion [a-11951]; Staatendokumentation, Anfragebeantwortung vom 16.09.2022 betreffend Fragen des BVwG zur Bestrafung von Wehrdienstverweigerung und Desertion; Anfragebeantwortung der Staatendokumentation zu Syrien: Fragen des BVwG zur Wehrpflicht in Gebieten außerhalb der Kontrolle der syrischen Regierung (ergänzende AFB), 14.10.2022; Kurzinformation der Staatendokumentation zu Syrien (14.06.2024): Syrische Dokumente mit falschem Inhalt und QR-Codes; -Staatendokumentation, Anfragebeantwortung zu Syrien vom 04.08.2022: Anfragebeantwortung der Staatendokumentation zu Syrien: Überprüfung der Authentizität von Dokumenten; Anfragebeantwortung zu Syrien: Informationen zu Einberufungsbefehlen (Inhalt, formale Anforderungen, erlassende Behörde, Zustellung, Möglichkeit der Beschaffung echter oder gefälschter Einberufungsbefehle) [a-12435] vom 5.9.2024; ACCORD, Anfragebeantwortungen vom 18.08.2023 sowie vom 06.09.2023 zu Syrien: Konsequenzen bei Verweigerung des Dienstes in den Selbstverteidigungskräften, Konsequenzen für Angehörige, Wahrnehmung von Personen, die den Dienst in den Selbstverteidigungskräften verweigern, Situation von Arabern, Einsatz von Rekruten im Rahmen der Selbstverteidigungspflicht an der Front [a-12188-v2;]; ACCORD, Anfragebeantwortung vom 24.08.2023 zu Syrien: Möglichkeit der syrischen Behörden, in den kurdisch kontrollierten Gebieten, in denen die Regierung Präsenz hat Personen für den Reservedienst einzuziehen, Personenkontrollen in diesen Gebieten, die einen Aufgriff von Regierungskritiker:innen ermöglichen [a-12197; Staatendokumentation, Anfragebeantwortung zu Syrien vom 17.04.2024: Zugriff des syrischen Regimes auf Deserteure in der AANES [v.a. Manbisch]; Staatendokumentation, Anfragebeantwortung zu Syrien vom 22.04.2024: Sicherheitsquadrate in Qamishli; The Danish Immigration Service, Syria: Treatment Upon Return, COI Brief Report Mai 2022; Anfragebeantwortung der Staatendokumentation zu Syrien: Fragen des BVwG zu Rückkehrern nach Syrien, 14.10.2022)

Feststellungen zur Identität und zur Staatsangehörigkeit der bP, ihrer Abstammung sowie ihren persönlichen und familiären Lebensumständen beruhen auf ihren insoweit stringenten Angaben im Verfahren erster Instanz und vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Die bP legte im Laufe des Verfahrens im Hinblick auf ihren gesundheitlichen Zustand dar, dass es ihr gut gehe. Ausgehend davon und ob des in der mündlichen Verhandlung gewonnenen Eindrucks ist daher festzustellen, dass die bP gesund ist.

Die zur Lage im Herkunftsstaat unter dem Punkt II.1. getroffenen Feststellungen ergeben sich aus den vom Bundesverwaltungsgericht herangezogenen Erkenntnisquellen (insbesondere dem aktuellen Länderinformationsblatt der Staatendokumentation, Version 11 vom 27.03.2024), die der bP im Rahmen der mündlichen Verhandlung bzw. mit Schreiben vom 24.10.2024 unter gleichzeitiger Angabe der herangezogenen Quellen zur Erstattung einer Stellungnahme bekanntgegeben wurden. Die Ausführungen in den Berichten wurden seitens der bP nicht in Abrede gestellt.

Die Feststellungen zur politischen Lage und zu den Machtverhältnissen in Syrien gründen sich im Wesentlichen auf das Länderinformationsblatt der Staatendokumentation des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl. Zum Zweck einer einheitlichen Darstellung wurden die einschlägigen Inhalte des Länderinformationsblattes der Staatendokumentation um den Inhalt spezifischerer – insbesondere betreffend die Sicherheits- und Rekrutierungssituation sowie die Lage an den Grenzübergängen – bzw. aktuellerer Länderberichte erweitert.

Die Machtverhältnisse in der Herkunftsregion der bP ergeben sich aus der Einsichtnahme in das von den einschlägigen Websites (https://syria.liveuamap.com/;https://www.cartercenter.org/news/multimedia/map/exploring-historical-control-in-syria.html) abgerufene, in das Verfahren eingeführte und der bP vorgehaltene Kartenmaterial in Zusammenschau mit den Darstellungen und Ausführungen im Länderinformationsblatt der Staatendokumentation bzw. den sonstigen bekanntgegebenen Quellen, u.a. der XXXX

Dem Vorbringen der bP, ihr Dorf stehe unter der Kontrolle der syrischen Regierung, ist im Hinblick auf die XXXX insofern zu folgen, als dass die syrische Armee dort präsent ist, über Einfluss und Checkpoints verfügt bzw. zumindest ein Teil der Einwohner aufgrund ihres Vorgehens gegen US-Militärkonvois als regimeloyal anzusehen ist. Aus dem Inhalt der Anfragebeantwortung kann aber in seriöser Weise nicht auf eine Beherrschung des Heimatdorfes durch das syrische Regime geschlossen werden. Die in der Beantwortung beschriebenen – maximal - fünf (!) Vorfälle, bei denen US-Militärkonvois von Einwohnern mit Unterstützung von Mitgliedern der syrischen Armee, teils von einem Checkpoint, bzw. mit Mitgliedern der NDF, an der Durchfahrt gehindert worden wären, betreffen einen Zeitraum ab 2020, sohin von 4 (!) Jahren und fand der letzte berichtete Vorfall im Juni 2022 statt. Eine derart geringe Anzahl von Vorfällen in einem mehrere Jahre umfassenden Zeitraum lässt ebenso wenig eine seriöse Aussage über die Kontrolle des Ortes durch die syrische Regierung zu, wie die in der Beantwortung beschriebene Verteilung von Mehl bzw. das Anbieten von medizinischen Dienstleistungen. Die Erbringung humanitärer Leistungen ist nicht immer nur unter dem Blickwinkel der Macht zu sehen, sondern steht oftmals rein der humanitäre Gedanke im Vordergrund.

Hinzutritt, dass sich der Heimatort sowohl nach dem Kartierungsprojekt Liveuamap als auch dem Carter Center unter kurdischer Herrschaft befindet. Liveuamap nicht nur eindeutig zu entnehmen ist, dass sich das Heimatdorf der bP unter kurdischer Kontrolle befindet, sondern auch, dass es in ein von den Kurden eingebetteten Gebiet liegt. Liveuamap ist ein Kartierungsprojekt, das über im Internet verfügbare Nachrichtenkanäle und soziale Medien Informationen sammelt, aussucht und aufarbeitet, um diese dann auf einer Karte zu verorten. Syrien findet sich auch unter den innerhalb des Projekts kartierten Regionen. Auch laut der vom Carter Center veröffentlichten Karten befindet sich der Heimatort unter kurdischer Kontrolle und liegt inmitten eines von den Kurden beherrschten Gebiets. Beim Carter Center handelt es sich um eine vom ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter gegründete Menschenrechtsinitiative zur Konfliktlösung und Förderung von Frieden; es veröffentlicht auf seiner Webseite eine interaktive Karte, die die Kontrollsituation in mehr als 8.000 Ortschaften in Syrien zwischen 2014 und Juli 2024 darstellt. Während diesen veröffentlichten Karten eine sehr große Detailtreue innewohnt, ist dies bei den von Etana, eine der syrischen Opposition nahestehenden NGO, veröffentlichten Karten ebenso wenig der Fall wie bei den von Islamic World News, eine dem Iran und der syrischen Regierung nahestehende Organisation, angebotenen Karten. Dies beiden Karten bieten eher einen Überblick, es fehlt ihnen die den Karten von Liveuamap und Carter Center innewohnende Detailtreue. Laut Etana liegt das Heimatdort zudem in etwa auf der Grenze zwischen den beiden Einflussgebieten (Kurden-Regime). Es ist folglich davon auszugehen, dass das Heimatdorf der bP samt dem Umland unter der Kontrolle der Syrian Democratic Forces (SDF) steht, im Heimatdorf aber sehr wohl Soldaten der syrischen Armee präsent sind bzw. das Regime über einen gewissen Einfluss verfügt.

Die zum Wehrdienst und zur Rekrutierungspraxis der Arabischen Republik Syrien sowie der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien (AANES) getroffenen Feststellungen ergeben sich aus dem Länderinformationsblatt, aber insbesondere auch aus den entsprechenden Anfragebeantwortungen der Staatendokumentation sowie von ACCORD (insbesondere vom 06.09.2023 betreffend Konsequenzen bei Verweigerung des Dienstes in den Selbstverteidigungskräften; vom 24.08.2023 betreffend Möglichkeit der syrischen Behörden, in den kurdisch kontrollierten Gebieten, in denen die Regierung Präsenz hat Personen für den Reservedienst einzuziehen; The Danish Immigration Service, COI-Report Syria - Documents and freedom of movement in North and East Syria (NES), August 2024; DIS, Syria: Military recruitment in North and East Syria, COI FFM Report vom Juni 2022 und 2024; dem Themendossier der Staatendokumentation betreffend Wehrdienst vom 20.03.2024 in Kombination mit den Report des Danish Immigration Service von 2024). Die Quellen zeigen insgesamt ein übereinstimmendes Gesamtbild und ermöglichen damit zweifelsfreie Feststellungen zur Situation vor Ort.

Die zur potentiellen Einreisemöglichkeit in die Herkunftsregion getroffenen Feststellungen beruhen auf der Anfragebeantwortung der Staatendokumentation vom 23.06.2021 betreffend Einreise in das Kurdengebiet, der Anfragebeantwortung von ACCORD vom 06.05.2022 zu den Voraussetzungen für die Einreise syrischer Staatsangehöriger in Gebiete unter Kontrolle der SDF/YPG in Nordostsyrien sowie vom 14.06.2023 zum Vorgehen der syrischen Grenzbehörden bei der Einreise eines registrierten Reservisten nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt, dem Inhalt des Themenberichtes der Staatendokumentation Syrien - Grenzübergänge vom 25.10.2023, der auch aktuelle Einschätzungen zur Rekrutierungssituation im Grenzgebiet umfasst, dem DIS - COI-Report Syria - Documents and freedom of movement in North and East Syria (NES), August 2024; BAMF, Bericht zu den Einreisemöglichkeiten in die AANES-Gebiete (Stand September 2024).

II.2.2.Das Asylverfahren bietet nur beschränkte Möglichkeiten, Sachverhalte vor Ort zu verifizieren, die sich im Herkunftsstaat des Asylwerbers ereignet haben sollen. Hat der Asylwerber keine anderen Beweismittel, so bleibt ihm lediglich seine Aussage gegenüber den Asylbehörden, um das Schutzbegehren zu rechtfertigen. Diesen Beweisschwierigkeiten trägt das österreichische Asylrecht in der Weise Rechnung, dass es lediglich die Glaubhaftmachung der Verfolgungsgefahr verlangt. Dabei hat der Asylwerber im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht nach § 15 Abs. 1 Z. 1 AsylG 2005 alle zur Begründung des Antrags auf internationalen Schutz erforderlichen Anhaltspunkte über Nachfrage wahrheitsgemäß darzulegen (VwGH 27.05.2019, Ra 2019/14/0153; 15.03.2016, Ra 2015/01/0069).

Im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit von Angaben eines Asylwerbers hat der Verwaltungsgerichtshof als Leitlinien entwickelt, dass es erforderlich ist, dass der Asylwerber die für die ihm drohende Behandlung oder Verfolgung sprechenden Gründe konkret und in sich stimmig schildert (VwGH 26.06.1997, 95/21/0294) und dass diese Gründe objektivierbar sind (VwGH 05.04.1995, 93/18/0289). Das Vorbringen des Asylwerbers muss, um eine maßgebliche Wahrscheinlichkeit und nicht nur eine entfernte Möglichkeit einer Verfolgung glaubhaft zu machen, eine entsprechende Konkretisierung aufweisen. Die allgemeine Behauptung von Verfolgungssituationen, wie sie in allgemein zugänglichen Quellen auffindbar sind, genügt zur Dartuung von selbst Erlebtem grundsätzlich nicht (VwGH 10.08.2018, Ra 2018/20/0314).

Es entspricht ferner der ständigen Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes, dass ein Vorbringen im Allgemeinen als nicht glaubwürdig angesehen werden kann, wenn der Asylwerber die nach seiner Meinung einen Asyltatbestand begründenden Tatsachen im Laufe des Verfahrens bzw. der niederschriftlichen Einvernahmen unterschiedlich oder sogar widersprüchlich darstellt, wenn seine Angaben mit den der Erfahrung entsprechenden Geschehnisabläufen oder mit tatsächlichen Verhältnissen bzw. Ereignissen nicht vereinbar und daher unwahrscheinlich erscheinen oder wenn er maßgebliche Tatsachen erst sehr spät im Laufe des Asylverfahrens vorbringt (VwGH 06.03.1996, 95/20/0650).

II.2.3. Zur vorgebrachten Gefahr einer zwangsweisen Rekrutierung durch das syrische Militär oder von behördlichen Maßnahmen der syrischen Regierung gegen die bP ist Folgendes auszuführen:

a) Vorgebrachte Verfolgung aufgrund behaupteter Einberufung zum Reservedienst bei den syrischen Streitkräften

Die XXXX geborene bP behauptet eine Einberufung zum Reservedienst sowie das Vorliegen eines Festnahmeauftrages vom 05.06.2023, da sie der Aufforderung des Einberufungsbefehls vom 20.05.2023 nicht nachgekommen sei.

Gemäß Artikel 15 des Gesetzesdekrets Nr. 30 von 2007 bleibt ein syrischer Mann nach Beendigung des Pflichtwehrdienstes, wenn er sich gegen einen Eintritt in den Militärdienst als Berufssoldat entscheidet, Reservist und kann bis zum Alter von 42 Jahren in den aktiven Dienst einberufen werden. Die Behörden berufen vornehmlich Männer bis 27 ein, während ältere sich eher auf Ausnahmen berufen können. Die Altersgrenze hängt laut Experten eher von lokalen Entwicklungen und den Mobilisierungsbemühungen der Regierung ab als von allgemeinen Einberufungsregelungen. (vgl. LIB Version 11).

Laut DIS 06/2024 werden trotz der seit 2020 eingefrorenen Frontlinien und der dadurch bedingten verringerten Nachfrage nach Soldaten von der SAA weiterhin junge Männer zum Militärdienst sowie zum Reservedienst in allen von ihr kontrollierten Gebieten in Syrien rekrutiert.

Die Einberufung zum Reservedienst erfolgt je nachdem, wie kürzlich der Wehrdienst beendet worden ist. Diejenigen, die ihren Dienst innerhalb der letzten fünf Jahre abgeschlossen haben, werden in der Regel zuerst einberufen, gefolgt von denen, die den Dienst 5 bis 10 Jahre früher abgeschlossen haben, und schließlich, wenn nötig, diejenigen, die den Dienst 10 bis 15 Jahre früher abgeschlossen haben. In Fällen von bewaffneten Konflikten und wenn die oben genannten Kategorien bereits aufgerufen wurden, ist es rechtlich auch möglich, Männer bis zum Alter von 42 Jahren einzuberufen. Die Medienorganisation Enab Baladi erklärte, dass zwischen Januar und Oktober 2023 keine Aufrufe zu Reservisten verzeichnet wurden. Syria Direct-Redakteur Ammar Hamou erklärte, dass Reservisten in der Regel bis zum Alter von 40 Jahren eingestellt werden; Quellen erwähnten jedoch auch Fälle von Personen, die über das 40.Lebensjahr hinaus einen Reservedienst ableisten mussten. (vgl. EUAA, Syria – Country Focus, October 2024).

Laut SOHR wird die Einberufung von Reservisten unabhängig von ihrer militärischen Qualifikation durchgeführt. Auf der anderen Seite erklärte der Forscher Muhsen AlMustafa vom Omran Center for Strategic Studies, dass militärische Qualifikationen wie Infanterie- und Rüstungsspezialisierungen und der Bedarf der Armee an Arbeitskräften die Entscheidung beeinflussen, Reservisten einzuberufen (vgl. EUAA, Syria – Country Focus, October 2024). Der syrische Forscher Suhail al-Ghazi erklärte in diesem Zusammenhang, dass die Rekrutierung für den Reservedienst eine Mischung aus zufälliger und gezielter Rekrutierung ist, aber immer mehr eine gezielte Praxis darstellt, z. B. kann eine Person aufgrund ihres Berufs (z. B. Ingenieur sein) rekrutiert werden, anstatt einfach nur rekrutiert zu werden, weil sie in einem bestimmten Jahr eingestellt wird (vgl. DIS 01/2024) Bei der Rekrutierung gibt es zudem auch regionale Unterschiede. Laut Suhail Al-Ghazi nehmen selbst loyalistische Gemeinschaften (im Hinblick auf die Ausführungen in XXXX wonach Bewohner des Dorfes Hama amerikanischen Einheiten die Durchfahrt verwehrten, dürfte zumindest ein Teil des Dorfes als regimeloyal anzusehen sein) den Ruf nach Reservisten nicht ohne weiteres an (vgl. EUAA, Syria – Country Focus, October 2024.)

Im Jahr 2022 berichtete DIS, dass die syrische Regierung nicht in der Lage ist, Einwohner aus Gebieten unter DAANES-Kontrolle zu rekrutieren. Im Einklang mit diesen Informationen teilte Wladimir van Wilgenburg DIS mit, dass es eine faktische Vereinbarung zwischen der DAANES und der syrischen Regierung gebe, die diese im Allgemeinen daran hindere, für den Militärdienst in North and East Syria zu rekrutieren. Die Sicherheitsplätze von Hasakah und Qamishli lägen jedoch außerhalb der SDF-Einflusszone. Eine syrische Menschenrechtsorganisation gab an, dass dies syrische Regierung für den Militärdienst in den von ihr kontrollierten Gebieten des in North and East Syria rekrutiert. Sie zögerten jedoch, die Wehrpflichtgesetze aufgrund ihrer begrenzten Macht und Kontrolle durchzusetzen. (vgl. DIS 06/2024).

Vor dem Hintergrund der oben wiedergegebenen länderspezifischen Informationen ist die verfahrensgegenständlich vorgebrachte Verfolgung aufgrund des Nichtnachkommens eines Einberufungsbefehls weder schlüssig noch plausibel.

Die XXXX geborene, rechtsfreundlich vertretene bP hat ihren verpflichtenden Wehrdienst bei den syrischen Streitkräften gemäß ihren eigenen Angaben abgeleistet, war laut ihrer niederschriftlichen Aussage vor der belangten Behörde nur normaler Rekrut und hat – entgegen dem Vorbringen in der Beschwerde - keine speziellen militärischen Fähigkeiten erworben. Auch im Rahmen der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht konnte die bP auf die Frage, warum sie im Alter von 39 Jahren noch zum Reservedienst eingezogen werden sollte, keinen bestimmten, sie individuell betreffenden Grund angeben, sondern zog sich auf Allgemeinplätze wie „Es gab auch viele ältere Menschen, die zum Reservedienst bestellt wurden.“ bzw. „Die Armee brauchte Männer.“ bzw. „Die ganze Zeit. Immer, wenn die Armee Männer gebraucht hat, hat sie Männer zum Reservedienst bestellt.“ zurück. Abgesehen davon, dass die bP weder vor der belangten Behörde noch vor dem Bundesverwaltungsgericht auch nur ansatzweise eine besonderer Tätigkeit im Rahmen der Absolvierung der Wehrpflicht erwähnt hat, ist die Ausübung einer – wie in der Beschwerde behauptet - derart komplexen und anspruchsvolle Aufgabe im Rahmen der Wehrpflicht, wie die Messung radioaktiver Strahlung bzw. Chemikalien samt Gerätewartung angesichts der nur aus vier Jahren Grund- und zwei Jahren Hauptschulbesuch bestehenden Schulausbildung der bP sowie einer ansonsten ausgeübten beruflichen Tätigkeit in der Landwirtschaft, im Verkauf bzw. LKW-Fahrerin jedenfalls nicht mit der allgemeinen Lebenserfahrung in Einklang zu bringen ist. Eine Einberufung zum Reservedienst wegen besonderer militärischer Fähigkeiten ist folglich nicht zu erkennen. Hinzutritt, dass sich die bP zum Zeitpunkt der behaupteten Einberufung zum Reservedienst bereits im 40. Lebensjahr befand, sie ihren Wehrdienst überdies bereits vor weit mehr als 15 Jahre beendet hatte, sie sohin laut den länderspezifischen Informationen grundsätzlich auch nicht mehr zu den priorisiert Einzuberufenden gehörte. Selbst wenn sich in den Erkenntnisquellen Hinweise finden, dass es vereinzelt auch zu Einziehungen zum Reservedienst in einem höheren Alter kommt bzw. auch nicht immer die Qualifikation entscheidend ist, so ist eine Einberufung zum Reservedienst angesichts der vorliegenden Kombination „Alter - fehlende besondere Qualifikation - Herkunftsort im AANES-Gebiet (lt. Angabe der bP hat das Regime Einfluss im Ort, sodass von einer eher zum Regime loyalen Gemeinschaft auszugehen ist, die dann aber– vgl. oben –einer Einziehung nicht so leicht zustimmt) – eingefrorene Fronlinie, kein massives Kampfgeschehen, nicht plausibel.

Im Hinblick auf den vorgelegten Einberufungs- bzw. Festnahmeauftrag bzw. dem Militärbuch bzw. der Website ist auf die länderspezifischen Informationen zu verweisen, wonach aufgrund der hohen Bestechlichkeit in Syrien – Syrien liegt beim Korruptionswahrnehmungsindex derzeit auf Platz 177 von 180 Ländern - Dokumente bzw. Websiteeintragungen durch Bestechungen erlangt werden. So werden von syrischen Beamten falsche Einträge im Register vorgenommen, von dem in der Folge ein Auszug erzeugt wird bzw. werden von Beamten mit Zugang zu originalen Behördenpapieren und Amtsstempeln Dokumente mit falschem Inhalt erzeugt. Überdies ist es möglich, sich selbst einen echten Einberufungsbefehl zu beschaffen. Schließlich ist in diesem Zusammenhang noch auf die Anfragebeantwortung vom 04.08.2022 zur Überprüfung der Authentizität von Dokumenten zu verweisen, wonach eine seriöse Verifizierung eines Dokuments nur dann erfolgen könne, wenn dieses in physischer Form vorhanden ist, und eine Überprüfung durch die Kriminaltechnik (KTZ) keine Rückschlüsse auf die Authentizität der Dokumente zulasse, wenn der überprüfte Gegenstand einen Scan darstellt. (vgl. Kurzinformation der Staatendokumentation zu Syrien vom 14.06.2024: Syrische Dokumente mit falschem Inhalt und QR-Codes; Anfragebeantwortung: Informationen zu Einberufungsbefehlen [a-12435]). Vor dem Hintergrund dieser Informationen vermögen sohin die von der bP vorgelegten Dokumente bzw. der nur das Geburtsjahr bzw. eine Militärnummer beinhaltende Websiteausdruck keine Änderung der vorgenommenen Einschätzung zur fehlenden Plausibilität der Einberufung zum Reservedienst bewirken.

b) Die Vornahme einer Zwangsrekrutierung bzw. von behördlichen Maßnahmen der syrischen Regierung setzen schließlich auch entsprechende Zugriffsmöglichkeiten voraus:

Selbst im unwahrscheinlichen Falle, dass die bP tatsächlich zum Reservedienst einberufen worden wäre, ist die Gefahr einer Zwangsrekrutierung bzw. einer Verfolgung aufgrund ihrer Weigerung, der Einberufung Folge zu leisten, im Hinblick auf die Erkenntnisquellen als nicht maßgeblich wahrscheinlich anzunehmen. So mag zwar das syrische Regime im Heimatdorf der bP präsent sein bzw. einem bestimmten Einfluss ausüben können, allerdings läuft die bP laut DIS 06/2024 nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit Gefahr, zwangsweise eingezogen zu werden, zumal die öffentliche syrische Verwaltung selbst in von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten – wie in bestimmten Dörfern südlich von Qamishli – nur eine begrenzte Kontrolle hat. (vgl. DIS 06/2024, Pkt. 5.2.). So sind sogar die bekannten Sicherheitsabschnitte in Qamishli und Hasaka von Straßen umgeben, in denen die Regierung nur über begrenzte Kapazitäten verfügt, wie auch das Heimatdorf der bP an der M4 liegt, auf der kurdische Einheiten gemeinsam mit Verbündeten patrouillieren. Laut der im DIS 06/2024 veröffentlichten Auskunft der DAANES – Behörden, könne die syrische Regierung nicht außerhalb der Sicherheitsplätze operieren, und Checkpoints der SDF würden die syrischen Streitkräfte stoppen, wenn sie versuchen, mit gewaltsam rekrutierten Personen durchzukommen. In den seltenen Fällen, in denen Personen auf den Sicherheitsplätzen eingezogen worden seien, seien die DAANES Behörden in der Lage gewesen, für die Freilassung zu sorgen. Zu betonen ist, dass sogar nach Auskunft einer syrischen Menschenrechtsorganisation die syrische Regierung aufgrund ihrer begrenzten Macht und Kontrolle zögere, die Rekrutierung in den von ihr kontrollierten Gebieten des NES durchzusetzen (DIS 06/2024).

Selbst wenn sich nun das Heimatdorf der bP nicht unter der gänzlichen Kontrolle der AANES Behörden befindet bzw. die Streitkräfte der syrischen Regierung dort präsent sind, besteht folglich gesamthaft gesehen, für die bP keine maßgebliche Gefahr der zwangsweisen Rekrutierung durch die syrischen Streitkräfte bzw. sonstiger Maßnahmen der syrischen Regierung.

c) Abgesehen davon, sind die von der bP im Rahmen der mündlichen Verhandlung getätigten Ausführungen lebensfremd und überzeugen sie nicht. So befindet sich das Heimatdorf der bP unstrittig in einem Gebiet, das unter der Kontrolle der Syrian Democratic Forces (SDF) steht und von den kurdischen Behörden der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien verwaltet wird. Einhellig wird nun aber in den zugänglichen Quellen festgehalten, dass die syrische Regierung in den von der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (AANES) kontrollierten Gebieten de facto nicht in der Lage ist, Rekrutierungen durchführen und solche aufgrund angenommener mangelnder Loyalität der Wehrpflichtigen auch nicht anstreben, oder Oppositionelle zu verhaften.

Zu betonen ist, dass das syrische Regime laut der Anfragebeantwortung von ACCORD vom 24.08.2023 bzw. dem Themendossier Wehrdienst vom 20.03.2024 im AANES-Gebiet nicht in der Lage ist, außerhalb der Sicherheitsquadrate die Wehrpflicht durchzusetzen oder Oppositionelle zu verhaften. Zwar würden sich Gebiete in und um Manbidsch, Ain Al-Arab, Tal Rifaat sowie an der türkischen Grenze durch Präsenz einiger Regierungstruppen auszeichnen, die SDF seien jedoch sogar in diesen Gebieten nach wie vor der Hauptakteur in der Region. Die SDF hätten der Regierung lediglich erlaubt, Truppen einzusetzen, um eine mögliche türkische Militäroperation in Nordsyrien zu verhindern. Daher seien die Regierungstruppen zwar präsent, allerdings beschränke sich diese Präsenz auf die Durchführung von Patrouillen, meist zusammen mit der russischen Militärpolizei. Derzeit seien die SDF der wichtigste Kontrollakteur, der die Möglichkeit habe, die Lokalbevölkerung zu rekrutieren und zu verhaften. Syrische Militärposten wären „isoliert und symbolischer Natur“, die syrische Armee könne „in dieser Gegend nichts unternehmen“. Die örtlichen Behörden würden nicht gestatten, dass die Regierung Personen in den von ihnen kontrollierten Gebieten zum Militärdienst einziehe. Die Einschätzung vom ACCORD vom 24.08.2023 wird im aktuellen Themendossier Wehrdienst vom 20.03.2024 als nach wie vor aktuell bekräftigt. Im aktuellen Länderinformationsblatt wird gleichfalls festgehalten, dass die syrischen Behörden im Allgemeinen keine Rekrutierungen im Selbstverwaltungsgebiet durchführen können, sie haben sohin auch keinen Zugriff auf vermeintliche Oppositionelle (vgl. Seite 123).

In ähnlicher Weise wurde schon im aktuellen EUAA-Bericht „Targeting of Individuals“ vom September 2022 ausgeführt, dass die syrische Regierung im Allgemeinen nicht in der Lage ist, Wehrpflichtige in SDF-kontrollierten Gebieten zu rekrutieren. Einige Quellen berichten zwar, dass in den von der Regierung kontrollierten Sicherheitsquadraten in den Städten Hasaka und Qamishli Zwangsrekrutierung in die syrische Armee durchgeführt wird, während andere dagegen nicht einmal erwarten, dass Personen, die diese Sicherheitsquadrate betreten, eingezogen werden würden (im Original: „The GoS is generally not able to recruit conscripts in SDF-controlled areas. Some sources reported that forced recruitment in the SAA is being carried out in GoS-controlled security squares located in Hasaka and Qamishli, while others contrarily did not expect that persons entering these security squares would be conscripted“; vgl. S. 40 des zitierten Berichtes).

Somit ist den einschlägigen Länderberichten in einer Gesamtwürdigung zu entnehmen, dass die syrische Regierung zwar zur Abschreckung der Türkei im Einvernehmen mit dem Hauptakteur – den SDF – militärisch Präsenz zeigt, jedoch nicht in der Lage ist, Rekrutierungen, Verhaftungen oder behördliche Maßnahmen gegenüber (vermeintlichen) Oppositionellen durchzuführen.

Die SDF dulden keine Maßnahmen des syrischen Regimes gegen die örtliche Bevölkerung. Davon abgesehen, ergibt sich aus den Berichten überdies unzweifelhaft, dass das syrische Regime dazu auch gar nicht die Kapazitäten besitzt. Laut der im DIS, Syria: Military recruitment in North and East Syria, COI FFM Report vom Juni 2024 zitierten Auskunft aus dem Department of Foreign Relations der DAANES, Qamishli, vom 28. April 2024 können die syrischen Streitkräfte nicht außerhalb der Sicherheitsplätze operieren und würden die Checkpoints der SDF sogar Einheiten der syrischen Streitkräfte stoppen, wenn sie versuchten, mit gewaltsam rekrutierten Personen durchzukommen.

Wenn die bP nun im Rahmen der mündlichen Verhandlung angibt, sie habe sich sofort nach Erhalt des Einberufungsbefehls umgehört, wie sie das Land illegal verlassen könne, so kann dies daher nicht nachvollzogen werden. Es erschließt sich nicht, dass man seine Familie und sein Heimatland verlässt, wenn man nur einige Kilometer vom Wohnort entfernt unter der ausschließlichen Kontrolle der Behörden der DAANES-Region leben könnte, ohne Maßnahmen der syrischen Regierung fürchten zu müssen bzw. Kontakt mit Behörden aufnimmt, um einer „Zwangsrekrutierung“ durch die syrische Regierung zu entkommen.

Gesamthaft gesehen, ist sohin dem Vorbringen der bP, sie habe einen Einberufungsbefehlt erhalten bzw. es gebe einen Festnahmeauftrag und sie fürchte eine (Zwangs-)Rekrutierung oder gar eine Festnahme durch Repräsentanten des syrischen Regimes nicht zu folgen.

Demnach kann sich die bP in ihrem Herkunftsort aufhalten, ohne eine mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eintretende Rekrutierung fürchten zu müssen. Allfällige Zugriffsmöglichkeiten der syrischen Behörden im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet sind nicht als maßgeblich wahrscheinlich anzusehen. Nach ständiger Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes genügt die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung nicht. Um den Status des Asylberechtigten zu erhalten, muss die Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit drohen (statt aller VwGH 15.12.2015, Ra 2015/18/0100 und 0101). Dies ist – wie dargelegt – gegenständlich nicht der Fall. Damit treffen die Erwägungen des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen, die auf von der syrischen Regierung kontrollierte Gebiete abstellen, auf die bP nicht zu.

Die bP ist folglich im Falle ihrer Rückkehr in ihren Herkunftsort nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit der Gefahr einer Einziehung bei den syrischen Streitkräften ausgesetzt und ist sie folglich im Falle ihrer Rückkehr in ihre Herkunftsregion auch nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit der Gefahr behördlichen Maßnahmen durch Repräsentanten des syrischen Regimes ausgesetzt.

Auch kann die Gefahr einer Lageänderung im Hinblick auf die Herkunftsregion angesichts der Länderberichte nicht erkannt werden. Zwar bleibt die militärische Rückeroberung des gesamten Staatsgebietes erklärtes Ziel des syrischen Regimes, allerdings zeichnet sich eine Rückeroberung weiterer Landesteile derzeit nicht ab. Die syrischen Streitkräfte sind den Feststellungen zufolge mit Ausnahme von wenigen Eliteeinheiten technisch sowie personell schlecht ausgerüstet und können gerade abseits der großen Konfliktschauplätze nur begrenzt militärische Kontrolle ausüben. Die militärischen Aktivitäten des syrischen Regimes richten sich vor allem gegen jene Gebiete bzw. Konfliktparteien, mit denen das Regime keine Übereinkunft erzielte, insbesondere die Haiʾat Tahrir asch-Scham im Gouvernement Idlib. Mit den SDF und anderen kurdischen Akteuren hat sich das Regime demgegenüber arrangiert, es bleibt bei kleineren „Scharmützeln“. Eine Änderung der Machtverhältnisse vor Ort ist demgemäß nicht maßgeblich wahrscheinlich.

II.2.4.Zur vorgebrachten Gefahr einer Rekrutierung durch kurdische Streitkräfte bzw. zur Gefahr von Maßnahmen der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien

a) Der von der bP erstmalig im Rahmen der mündlichen Verhandlung behaupteten Anhaltung durch die Kurden im Jahr 2015 ist nicht zu folgen. Nach den Erkenntnisquellen schützt die Absolvierung der Selbstverteidigungspflicht nicht vor der Ableistung des Wehrdienstes bei der syrischen Armee, sodass allein schon die Aussagen der bP „..ich wurde dort von einem Checkpoint der Kurden für 6 Tage festgehalten, weil sie mich zwingen wollten für sie die Waffe zu tragen, ansonsten müsste ich in meinem Dorf für das syrische Regime die Waffe tragen.“ bzw. „Die Kurden hätten mich gar nicht heranziehen müssen, weil ich den Militärdienst beim Regime abgeleistet habe“. weder schlüssig noch nachvollziehbar sind. Aber auch ihre weitere Ausführung, sie habe dann aufgrund des Vorfalls beschlossen, nicht mehr nach Qamishli zu fahren, sie habe das Dorf fast nie verlassen bzw. sei sie nie wieder zu einem Checkpoint gekommen, ist angesichts eines Zeitraumes von 8 (!) Jahren lebensfremd und nicht plausibel. Ihr Heimatort ist ein Dorf, es ist nicht vorstellbar, dass es für die bP innerhalb von 9 Jahren nicht erforderlich gewesen sein soll, dieses zu verlassen. So gab sie ja auch in Zuge der mündlichen Verhandlung an, dass sie in einem anderen Ort gearbeitet habe, sie also gezwungen war, schon alleine zwecks Bestreitung des Lebensunterhalts das Heimatdorf zu verlassen. Dem Vorbringen zur Anhaltung und ihrer Flucht vor den Kurden im Jahr 2015 ist daher nicht zu folgen und begründet sohin keinen Grund für die Unterstellung einer oppositionellen Gesinnung gegenüber die AANES-Behörden.

Der bP gelang es folglich nicht, eine Anhaltung und beabsichtigte Rekrutierung durch die Kurden bzw. in der Folge eine wohlbegründete Furcht vor einer Rekrutierung bzw. Maßnahmen der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien glaubhaft zu machen. Davon abgesehen, gehört die bP einem Jahrgang an, der nicht mehr der Selbstverteidigungspflicht unterzogen wird.

b) Davon abgesehen erfolgen die Einsätze der Rekruten im Rahmen der Selbstverteidigungspflicht bei der HXP und laut den Erkenntnisquellen normalerweise in Bereichen wie Nachschub oder Objektschutz. Eine Versetzung an die Front erfolgt fallweise auf eigenen Wunsch, ansonsten werden die Rekruten nur bei Konfliktbedarf an die Front verlegt, wie z. B. bei den Kämpfen gegen den Islamischen Staat in den Jahren 2016 und 2017 in Raqqa. Selbst an der Front würden einem Sprecher der SDF zufolge die Selbstverteidigungspflichtigen zum Schutz von befreiten Gebieten, nicht jedoch zum Kampf in selbigen, eingesetzt. Zu beachten ist dahingehend auch, dass der Konflikt bzw. die Frontlinien derzeit weitgehend eingefroren ist. Seitens der Türkei kommt es zwar regelmäßig zu militärischen Aktionen; etwa wurden die (artillerieunterstützten) Luftoffensiven – zuletzt im Zusammenhang mit einem Selbstmordattentat der PKK Anfang Oktober 2023 in Ankara – wieder verstärkt; dennoch findet derzeit keine groß angelegte Bodenoffensive statt und ergibt sich auch nicht, dass eine solche in unmittelbarer Zukunft bevorstünde (vgl.LIB Version 11, DIS6/2024). Ein solcher Fronteinsatz droht den Rekruten daher derzeit bzw. in absehbarer Zeit nicht.

Kommt es nun im hypothetischen Falle einer Rückkehr zu einer gleichfalls hypothetischen Einziehung in die Selbstverteidigungseinheit, so wäre es nicht maßgeblich wahrscheinlich, dass die bP dann an Kampfhandlungen und/oder Menschenrechtsverletzungen beteiligt sein würde. Gemäß den Länderfeststellungen erfolgen die Einsätze der Rekruten nämlich– wie bereits oben ausgeführt - im Allgemeinen nicht an der Front, sondern normalerweise in Bereichen wie Nachschub (z.B. logistische Unterstützung der freiwilligen Streitkräfte) oder Objektschutz (z.B. Bewachung von Gefängnissen, an Checkpoints oder Straßensperren). Ihre Aufgaben umfassen hauptsächlich solche der inneren Sicherheit. (vgl. oben, DIS 06/2022).

Hinsichtlich der Frage, welche Konsequenzen im Falle der Entziehung oder Verweigerung des Dienstes in den Selbstverteidigungskräften drohen, sind die Quellen zwar nicht einheitlich, von Misshandlungen, Folter oder unverhältnismäßig langen Haftstrafen wird allerdings nicht berichtet. DIS führt aus, dass „Wehrpflichtige“, welche versuchen, dem Militärdienst zu entgehen, laut Gesetz durch die Verlängerung der „Wehrpflicht“ um einen Monat bestraft würden – zwei Quellen zufolge auch in Verbindung mit vorhergehender Haft „für eine Zeitspanne“. Dabei soll es sich oft um ein bis zwei Wochen handeln, um einen Einsatzort für die Betreffenden zu finden. EUAA spricht für den Fall einer Verweigerung der Selbstverteidigungspflicht von einer Verlängerung der "Pflicht zur Selbstverteidigung" auf 15 Monate, verspätete Einberufungen seien verpflichtet, einen weiteren Monat zu dienen. (vgl. EUAA Syria Country focus). Die ÖB Damaskus erwähnt auch Haftstrafen zusätzlich zur Verlängerung des Wehrdienstes. Nach Aussage von Repräsentanten der kurdischen Selbstverwaltung gebe es keine Strafen für Personen, die sich der Selbstverteidigungspflicht entziehen würden. Grundsätzlich gilt die Pflicht für Araber gleichermaßen, aber einem Experten zufolge könne die Behandlung je nach Region und Zugriffsmöglichkeit der SDF variieren und wäre aufgrund der starken Stammespositionen oft weniger harsch als gegenüber Kurden. Auch wenn ein andere Experte von Beleidigungen und Gewalt gegenüber arabischen Wehrdienstverweigerern berichtet, liegen daher im Falle einer Entziehung oder Weigerung sohin insgesamt gesehen keine stichhaltigen Anhaltspunkte für eine unverhältnismäßige Bestrafung seitens der Autonomiebehörden vor. Es kommt sohin diesbezüglich nicht zu einer mit maßgeblichen Wahrscheinlichkeit eintretenden individuellen Gefährdung der bP.

c) Die Einstellung in die SDF sowie ihrer Teilgruppen erfolgt nun laut den Berichten wiederum auf freiwilliger Basis. Viele Menschen entscheiden sich aufgrund der relativ hohen Löhne für den Beitritt zur SDF, einige um ihr lokales Gebiet zu schützen. Die SDF findet mit diesen Personen ihr Auslangen.

Quellen, die von DIS befragt wurden, glaubten überdies nicht, dass die PKK, einschließlich ihres militärischen Flügels, HPG, neue Mitglieder in den AANES Gebieten rekrutiert oder – wenn sie dies tun – mit Gewalt. Ein syrisch-kurdischer Universitätsprofessor erklärte, dass im AANES Gebiet keine Zwangsrekrutierung für die PKK stattfinde. Dies liege zum Teil daran, dass Gewalt im Allgemeinen nicht die Methode sei, die von der PKK zur Rekrutierung neuer Mitglieder verwendet werde, und zum Teil, weil eine große Anzahl aktueller PKK-Mitglieder aus dem AANES stamme, und es strategisch unklug wäre, Gewalt einzusetzen, um neue Mitglieder in ihren eigenen Gemeinschaften zu rekrutieren. (vgl. DIS 6/2022)

Die Rekrutierung bei YPG und YPJ erfolgt gleichfalls freiwillig. Soldaten erhalten ein Gehalt von 200 USD/Monat. Darüber hinaus werden YPG und YPJ-Soldaten von vielen, die sich ihnen anschließen wollen, als Helden angesehen. In der Tat sind die Menschen von AANES im Allgemeinen nicht gegen diese Kräfte, weil Personen, die in diesen Kräften dienen, aus dem lokalen Gebiet stammen, sie das Gebiet verteidigen und Gehälter verdienen, um ihre Familien zu unterstützen. (vgl. DIS 6/2022)

II.2.5.Nichtvorliegen eines kausalen Zusammenhangs mit einem Verfolgungsgrund im Sinne der GFK:

Die Furcht vor der Einziehung zum Militärdienst allein oder die bei seiner Verweigerung drohende Bestrafung stellt im Allgemeinen keine asylrelevante Verfolgung dar (vgl. VwGH 28.02.2024, Ra 2023/20/0514). Nach der Rechtsprechung müssen die Verfolgungshandlungen, damit der Status des Asylberechtigten zuerkannt werden kann, aus asylrechtlich relevanten Gesichtspunkten drohen (vgl. VwGH 24.04.2024, Ra 2024/20/0141). Zu prüfen ist daher, ob im konkreten Fall ein kausaler Zusammenhang mit einem oder mehreren Konventionsgründen vorliegt:

a) Nichtvorliegen einer glaubhaften politischen, religiösen, moralischen Überzeugung bzw. von Gewissensgründen im Hinblick auf den Reservedienst in den syrischen Streitkräften

In der Erstbefragung gab die bP zu ihrem Fluchtgrund an: „„Ich wurde als Reservist zum syrischen Militär einberufen. Ich möchte mich jedoch nicht am Krieg beteiligen. Deshalb bin ich geflohen. Das sind alle meine Fluchtgründe.“ und bezüglich ihrer Rückkehrbefürchtungen „Den Krieg und eine Haftstrafe“. Im Zuge ihrer niederschriftlichen Einvernahme vor der belangten Behörde gab die bP dezidiert an, sich in Syrien nicht politisch betätigt zu haben und aus diesem Grunde auch keiner Verfolgung ausgesetzt gewesen zu sein. Folgerichtig erklärte sie dann auf die Aufforderung, die Gründe, warum sie Ihr Heimatland verlassen und einen Asylantrag gestellt habe, von sich aus chronologisch, vollständig und wahrheitsgemäß darzulegen: „Ich wurde als Reservist zum syrischen Militär einberufen, jedoch möchte ich mich nicht am Krieg beteiligen. Deshalb bin ich geflohen. Ich werde zudem gesucht und es gibt einen Festnahmeauftrag zu meiner Person.“ Mit keinem Wort gab sie eine oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime zu erkennen bzw. dass die Gründe für das Nichtnachkommen des Einberufungsbefehls aus politischen, religiösen oder sonstigen Gründen erfolgt. Auch die Frage nach ihren Rückkehrbefürchtungen beantwortete die bP ohne Bezugnahme auf ihre politische Einstellung mit „Ich habe Angst vor der Regierung. Sie werden mich töten, weil ich nicht zum Reservedienst gegangen bin.“

Selbst im Rahmen der mündlichen Verhandlung meinte die bP auf die Aufforderung „Schildern Sie bitte ausführlich und vollständig Ihre Beweggründe für das Verlassen von Syrien?“ lapidar „Der Hauptgrund meiner Flucht ist eben, dass ich zum Reservedienst aufgefordert wurde.“ Erneut findet sich kein Hinweis auf das Vorliegen einer oppositionellen Gesinnung oder das Vorliegen politischer Gründe für das Nichtnachkommen des Einberufungsbefehls. Wie vor der belangten Behörde unterließ sie es, auf die offene Frage nach ihren Fluchtgründen eigeninitiativ bei ihr vorliegende politische, religiöse, moralische, weltanschauliche Gründe bzw. Gewissensgründen vorzubringen. Vielmehr zeigte sie sich erstaunlich wortkarg und nicht sehr mitteilungsbedürftig. Gebeten doch weiter zu erzählen, blieb sie bei der Schilderung von mit der Einberufung zusammenhängende Geschehnisse hängen, wobei sich diese Schilderung auf zwei Sätze beschränkte. Neuerlich aufgefordert, ausführlicher zu erzählen, berichtete sie nur von der Vorbereitung ihrer Flucht nach Europa und den Weg dorthin. Mit keinem Wort erwähnte sie eine oppositionelle oder politische Gesinnung. Erst auf die neuerliche Frage, welche Beweggründe sie für das Verlassen von Syrien nun gehabt habe, meinte sie „Ich habe Syrien verlassen, weil ich niemandem töten und nicht getötet werden wollte.“ Auch bei der Frage nach ihren Rückkehrbefürchtungen verabsäumt es die bP, Aussagen über eine oppositionelle Gesinnung oder eine politische Einstellung zu tätigen, im Zentrum stehen vielmehr neuerlich Sicherheitsbedenken.

Aus Sicht der erkennenden Richterin darf im Falle des Vorliegens einer die Verweigerung der Wehrpflicht in den syrischen Streitkräften rechtfertigenden politischen Überzeugung doch erwartet werden, dass es der befragten Person ein Bedürfnis ist, ihre Haltung zu offenbaren bzw. ihre oppositionelle Gesinnung argumentativ zu erläutern. Die bP war jedoch trotz Nachfragen nicht im Stande, eine oppositionelle Haltung bzw. gegen das Nachkommen der Wehrpflicht sprechende politische, religiöse oder auch moralische Gründe inhaltlich und substantiiert zu formulieren bzw. dem Gegenüber eine Vorstellung davon zu vermitteln.

Dieses Unvermögen offenbart, dass bei der bP für die Nichtableistung der Wehrpflicht in Wahrheit keine nach der GFK relevanten Gründe ausschlaggebend sind, zumal diese - liegen sie denn tatsächlich vor - nach allgemeiner Lebenserfahrung individuell, mit eigenen – wenn auch mit einfachen - Worten und unter Zuhilfenahme von Beispielen geäußert werden könnten. Gerade jene Gedanken und Meinungen, die zu einem so großen Schritt wie das Verlassen des Heimatlandes führen, sind das Ergebnis (reiflicher) Überlegungen – Überlegungen, die einem Gegenüber auch dargelegt werden können. Im Zusammenhalt mit dem im Zuge der Beschwerdeverhandlung gewonnenen persönlichen Eindruck ist eine oppositionelle Gesinnung bzw. eine Ablehnung der Wehrpflicht durch die bP aufgrund spezifischer, ihr innewohnender politischer, religiöser oder auch moralischer, weltanschaulicher Überzeugungen nicht hervorgekommen. Die bP vermittelte vielmehr den Eindruck, den Dienst an der Waffe aufgrund von Sicherheitsbedenken zu verweigern bzw. ist den Ausführungen der bP ist letztlich nur ihr Unwille zur Ableistung des Reservedienstes zu entnehmen.

Abschließend sei noch festgehalten, dass es ist für die Gewährung von Asyl für sich genommen auch nicht hinreichend ist, dass der Asylwerber den Militärdienst deswegen nicht ableisten möchte, weil er dabei entweder Menschen töten müsste oder er selbst getötet werden könnte (vgl. VwGH 28.2.2024, Ra 2023/20/0619, vom 12.03.2024, Ra 2024/20/0130).

b) Nichtvorliegen einer unterstellten oppositionellen Gesinnung

Es sind auch keine besonderen Umstände erkennbar, die das syrische Regime oder die Behörden der AANES veranlassen könnte, der bP eine oppositionelle Gesinnung zu unterstellen.

Die bP bestätigte im Zuge ihrer Einvernahme vor der belangten Behörde ausdrücklich, dass weder sie noch einer ihrer Angehörigen in Syrien jemals politisch tätig oder Mitglied in einer Partei gewesen sei.

Unterstellte oppositionelle Gesinnung gegenüber dem syrischen Regime:

Den im Länderinformationsblatt der Staatendokumentation zu Syrien im Punkt „Haltung des Regimes gegenüber Wehrdienstverweigerern“ wiedergegebenen Quellen ist in einer Gesamtwürdigung zu entnehmen, dass, ungeachtet der aus dem Berichtsmaterial zweifellos mehr oder weniger stark hervorgehenden Ächtung der Wehrdienstverweigerung, nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass das syrische Regime gerade der bP unterstellen würde, sie habe den Wehrdienst aus einer politischen oder oppositionellen Gesinnung heraus verweigert. Bezugnehmend auf das hier vorliegende Berichtsmaterial führt der Verwaltungsgerichtshof in diesem Zusammenhang wie folgt aus: „Zudem ergibt sich aus den Feststellungen – entgegen den Behauptungen des Revisionswerbers – gerade kein Automatismus, dass jedem im Ausland lebenden Syrer, der seinen Wehrdienst nicht abgeleistet hat, im Herkunftsstaat eine oppositionelle Gesinnung unterstellt und deswegen eine unverhältnismäßige Bestrafung drohen würde. Danach wird Wehrdienstverweigerung nämlich, auch wenn Wehrdienstverweigerer zuweilen „inoffiziell als Verräter gesehen werden“, „da sie sich ins Ausland gerettet haben, statt ‚ihr Land zu verteidigen‘, ... nicht unbedingt als oppositionsnahe gesehen. Das syrische Regime ist sich der Tatsache bewusst, dass viele junge Männer nach dem Studium das Land verlassen haben, einfach um nicht zu sterben. Daher wurde die Möglichkeit geschaffen, sich frei zu kaufen, damit die Regierung zumindest Geld in dieser Situation einnehmen kann.“ (vgl. in diesem Sinne VwGH vom 8.11.2023, Ra 2023/20/0520, Rz 11) Das Länderinformationsblatt zitiert zwar auch die Ansicht der Free Syrian Lawyers Association, allerdings lässt die – differenzierte – Berichtslage in einer Gesamtwürdigung jedenfalls nicht den Schluss, dass jedem männlichen Syrer, der sich im wehrpflichtigen Alter befindet und den Militärdienst in Syrien noch nicht abgeleistet hat, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen ist (vgl. in diesem Sinne auch VwGH 28.02.2024, Ra 2023/20/0619).

Auch würde sich eine Praxis der automatischen Unterstellung einer oppositionellen Gesinnung kaum mit der legalen Möglichkeit vereinbaren, sich bei Auslandaufenthalten vom Wehrdienst freikaufen zu können. Dass die so monetär erwirkte Freistellung dann seitens der syrischen Regierung systematisch nicht eingehalten werden würde, geht aus den herangezogenen Länderberichten nicht hervor.

Dies würde auch keinesfalls plausibel erscheinen, zumal die syrische Regierung sich offensichtlich damit eine lukrative Möglichkeit geschaffen hat, ihre Finanzen, die allein schon durch die jahrelange Kriegsführung belastet sind, aufzubessern. Wenn die Betroffenen bei derartigen Geldleistungen von Vornherein damit rechnen müssten, dass die Zusagen ohnehin nicht eingehalten werden, wäre wohl kaum mit entsprechenden Geldflüssen zu rechnen. Es ist davon auszugehen, dass auch der syrischen Regierung dieser Zusammenhang bewusst ist. Auch die offensichtliche Praxis der Syrisch Arabischen Armee, wonach Rückkehrern, die den Militärdienst nicht abgeleistet haben, in der Regel offenbar eine 15-tägige Frist bis zum Antritt des Militärdienstes gewährt wird, lässt nicht erkennen, dass diesen Betroffenen generell eine oppositionelle Gesinnung unterstellt werden würde (vgl. ACCORD Anfragebeantwortung zu Syrien: Informationen über kurzen zeitlichen Aufschub zum Antritt des Wehrdiensts für Rückkehrer [a-12200], 05.09.2023 https://www.ecoi.net/de/dokument/2096758.html, in der die überwiegende Mehrheit der herangezogenen Quellen diese Praxis bestätigt). Angesichts des in den Länderinformationen umfangreich dokumentierten extrem harten, brutalen und unerbittlichen Vorgehens der syrischen Regierung gegenüber Personen, die von ihr als tatsächlich oppositionell angesehen werden, scheint es nicht nachvollziehbar, dass die syrische Regierung die Möglichkeit einer Befreiungsgebühr bzw. eine 15-tägige Frist bis zum Antritt des Militärdienstes einem Personenkreis einräumen sollte, wenn es diesen grundsätzlich für oppositionell gesinnt halten würde (vgl. dazu im Ergebnis auch VwGH 08.11.2023, Ra 2023/20/0520).

Unter Zugrundelegung der herangezogenen Quellen wird hingegen die Wahrscheinlichkeit, als Wehrdienstentzieher von der Regierung als Person mit einer (vermeintlichen) regierungsfeindlichen Gesinnung betrachtet zu werden insbesondere bei Hinzutreten weiterer Risikofaktoren wie der Herkunft aus derzeit oder ehemals von der Opposition kontrollierten Gebieten, Mitgliedschaft in oppositionelle Räten, Aktivitäten in der Zivilgesellschaft oder politische Aktivitäten, Teilnahme an Demonstrationen, Tätigkeiten als Journalist oder Bürgerjournalist aus der Zivilbevölkerung, Mitarbeit in humanitären Hilfsorganisationen oder als Freiwilliger der Zivilverteidigung, Verteidigung der Menschenrechte, Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen wie Ärzte und sonstige medizinische Fachkräfte, Lehrer, Hochschullehrkräfte und Wissenschaftler, oder der Eigenschaft als Familienangehöriger einer Person mit (vermeintlicher) regierungsfeindlicher Gesinnung zunehmen (vgl. UNHCR, Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen, März 2021, S. 100, S. 13, Fußnote 589). Umso wahrscheinlicher ist es dann im Einzelfall, dass die Wehrdienstverweigerung nicht nur als eine strafrechtlich zu verfolgende Handlung, sondern mit als Ausdruck von politischem Dissens gewertet wird. Wehrdienstentzieher, die für Regierungsgegner gehalten werden, müssen laut Berichten mit dem Risiko einer besonders strengen Behandlung während der Festnahme, beim Verhör und in Haft sowie – nach Einziehung – im Militärdienst rechnen.

Dem von EUAA erstellten „Country Guidance: Syria“ vom April 2024, dem nach der Rechtsprechung des VwGH Indizwirkung zukommt, ist allerdings diesbezüglich zu entnehmen, dass der Umstand, Syrien verlassen zu haben, bzw. der Umstand, dass eine Person aus einem Gebiet stammt, das mit der regierungsfeindlichen Opposition in Verbindung gebracht wird, allein normalerweise nicht zu einem Verfolgungsrisiko wie gegenständlich erforderlich führt. Zu betonen ist, dass das das Herkunftsgebiet der bP aber ohnedies nicht für Anti-GoS-Aktivitäten bekannt ist, wie Dar’a, Homs, Ost-Ghouta (ländliches Damaskus) – vgl. den von EUAA erstellten „Country Focus: Syria“ vom Oktober 2024 – und sind bei der bP keine der im oberen Absatz beschriebenen individuellen Risikofaktoren tatsächlich hervorgekommen. Vielmehr liegt das Heimatdorf im AANES-Gebiet und behauptet die bP zudem, dass es stets unter der Kontrolle der syrischen Regierung gelegen habe.

Aus dem Vorbringen der bP ergeben sich in Zusammenhalt mit der Berichtslage keine Anhaltspunkte dafür, dass ihr im vorliegenden Fall eine oppositionelle politische Gesinnung gegen das syrische Regime unterstellt werden würde. Die bP war und ist in keiner Weise politisch aktiv, auch wurden von ihr weder vor der belangten Behörde noch im Rahmen der mündlichen Verhandlung regimekritische Aktionen behauptet. Wäre dies der Fall gewesen, so wäre es der bP der allgemeinen Lebenserfahrung nach zweifelsohne ein Bedürfnis gewesen, diese im Rahmen der Befragungen zu erzählen, insbesondere, wenn es sich – wie in der Beschwerde behauptet – um eine regelmäßige Demonstrationsteilnahme gehandelt hätte. Die in der Beschwerde erwähnte Demonstrationsteilnahme kann sohin nicht gefolgt werden. Auch in Bezug auf ihre Familie oder ihre in Syrien aufhältigen Angehörigen ergaben sich keine Hinweise darauf, dass diese sich oppositionell betätigt hätten oder etwa aufgrund der Umstände ihrer Flucht oder der ihres Bruders in den Blickpunkt des syrischen Regimes geraten wären. Allein die Tatsache, dass ein Bruder von ihr in Europa lebt, lässt vor dem Hintergrund der Berichtslage nicht darauf schließen, dass der bP eine oppositionelle politische Gesinnung unterstellt wird und liegen im vorliegenden Fall auch keine konkreten Umstände für die gegenteilige Annahme vor.

Zwar ist den Länderfeststellungen zu entnehmen, dass auch Familienangehörige von Wehrdienstverweigerern mit Konsequenzen zu rechnen haben, doch werden Familienangehörige von Wehrdienstverweigerern hauptsächlich dann unter Druck gesetzt, wenn der Wehrdienstverweigerer dadurch vielleicht gefunden werden kann. Familienmitglieder (auch weibliche) können festgenommen werden, um den Wehrdienstverweigerer dazu zu bringen, sich zu stellen. Da sich der Bruder der bP im Ausland befinden, ist es unwahrscheinlich, dass man auf die bP bzw. ihre Familie Druck ausüben sollte bzw. dieser plötzlich eine oppositionelle Gesinnung unterstellen sollte. Laut EUUA – Country Focus Syria 2024 hängt die Behandlung der Familienangehörigen von Wehrdienstverweigerern überdies davon ab, ob sie andere Probleme mit den syrischen Behörden haben –solche sind im Hinblick auf die bP nicht ersichtlich. Eine besondere Gefährdung der bP aufgrund ihres in Europa lebenden Bruders ist nicht maßgeblich wahrscheinlich. Für eine Reflexverfolgung bestehen keine ausreichenden Anhaltspunkte.

Ebensowenig begründet der Umstand ihrer eigenen Asylantragstellung oder die Asylberechtigung ihres Bruders in Österreich eine für die Zuerkennung der Status des Asylberechtigten hinreichende Verfolgungswahrscheinlichkeit im Rückkehrfall. Die jeweilige Antragstellung bzw. die Asylberechtigung des Bruders ist den syrischen Behörden nicht bekannt, Datenübermittlungen an den Herkunftsstaat des Asylwerbers sind unzulässig. Die bP hat sich in Österreich auch nicht (exil-)politisch oder in andere Weise exponiert und es besteht in einer Gesamtbetrachtung auch kein Grund zur Annahme, dass ihre illegale Ausreise sowie ihr nunmehriger Aufenthalt in Europa dem syrischen Regime überhaupt bekannt sind. Zwar geht aus den Berichten zur Lage im Herkunftsstaat teilweise hervor, dass es nach wie vor willkürliche Verhaftungen und andere Formen der Repressionen gegenüber Rückkehrern gibt und es wird in verschiedenen Quellen von Einzelfällen berichtet, allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass sämtliche Rückkehrer per se als politisch oppositionell angesehen würden oder der weitaus überwiegende Teil aller Rückkehrer systematischen Repressionen ausgesetzt wäre.

Wie bereits mehrfach ausgeführt, ist die bP in ihrem Herkunftsstaat auch vor der Ausreise nicht in den Fokus der syrischen Behörden gerückt und ergeben sich diesbezüglich auch keine Anhaltspunkte im Hinblick auf ihre Familienangehörigen. Für eine Nähe zu DAESH haben sich im vorliegenden Fall ebenfalls keinerlei Hinweise ergeben. Eine erhöhte Gefährdung im Rückkehrfall aufgrund von Aktivitäten der bP (oder ihrer Angehörigen) oder auch sonstigen risikobehafteten Umstände kann somit ausgeschlossen werden.

Unterstellte oppositionelle Gesinnung gegenüber den Behörden der AANES bzw. deren Streitkräften

Eine Verweigerung des Dienstes bei den kurdischen Selbstverteidigungskräften führt ausweislich der Quellen nicht zur Unterstellung einer „oppositionellen Gesinnung“ bei der bP seitens der Kurden als Konfliktpartei. Anhaltspunkte für eine gegenteilige Annahme liegen nicht vor (vgl. LIB Version 11, ÖB Damaskus12/2022; ACCORD vom 06.09.2023 [a-12188]).

Es ergeben sich im Hinblick auf die bP auch keine Anhaltspunkte dahingehend, dass sie Aktivitäten gesetzt hätte, die eine gegnerische politische Gesinnung nahelegen würde. Es ist kein Grund ersichtlich, die bP als Unterstützerin von SNA oder ISIS angesehen werden könnte. Auch die EUAA verweist in ihrem Länderleitfaden als Ausgangspunkte für eine mögliche Verfolgung auf politische Gegnerschaft, die Unterstützung oppositioneller Parteien oder aber Verbindungen zum ISIL oder der Türkei bzw. der SNA (vgl. EUAA, Country Guidance, 2024). Hierfür finden sich verfahrensgegenständlich keine Anhaltspunkte hinsichtlich der bP.

Zu betonen ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass von der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien bzw. von Repräsentanten der SDF keine Gefahr für zuvor unrechtmäßig ausgereiste Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus Europa ausgeht. Den Quellen zur Lage in Syrien kann nicht entnommen werden, dass unrechtmäßig ausgereisten Rückkehrern, die im Ausland einen Asylantrag gestellt haben, seitens der AANES eine „oppositionelle“ Gesinnung unterstellt werden würde (vgl. auch VwGH 11.11.2020, Ra 2020/18/0147).

II.2.6.Zur Wiedereinreisemöglichkeit über den Grenzübergang Semalka-Faysh Khabur an der kurdisch-irakischen und nordost-syrischen Grenzregion

Ausweislich der – im Wesentlichen auf Basis des Berichtes „Syrien Grenzübergänge“ der Staatendokumentation vom 25.10.2023 bzw. DIS „Syria Documents and freedom of movement in North and East Syria“ vom August 2024 bzw. BAMF 09/2024 - getroffenen Feststellungen ist der Grenzübergang Semalka/Faysh Khabur geöffnet und wird ausschließlich von kurdischen Sicherheitskräften kontrolliert. Im Wege dieses Grenzüberganges erfolgt eine Einreise in das von der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien kontrollierte Gebiet ohne Kontakte zu syrischen Regierungsbehörden bzw. Repräsentanten des syrischen Regimes. Eine Möglichkeit, die Herkunftsregion der bP direkt von Europa kommend zu erreichen ist somit, nach Erbil (Autonome Region Kurdistan Irak) zu fliegen und von dort auf dem Landweg zum offenen Grenzübergang Semalka/Faysh Khabur zu gelangen. Personen- und Warenverkehr sind über diesen Grenzübergang möglich. Es kann zwar vorkommen, dass der Grenzübergang Semalka wegen politischer Spannungen vorübergehend geschlossen wird, allerdings dauern solche Schließungen nicht lange, zumal Handel über diesen Grenzübergang sehr profitabel ist. Es ist der bP zumutbar, die Dauer einer allenfalls bestehenden, kurzzeitigen Schließung abzuwarten. Die bP gehört nicht zu jenem Personenkreis, der laut den Länderberichten von einer Zurückweisung oder von einer Festnahme am Grenzübergang betroffen sein kann. Der Übertritt bleibt dem syrischen Regime verborgen. Der Grenzübergang Semalka/Faysh Khabur wird ausweislich der Erkenntnisquellen von im Ausland lebenden Syrerinnen und Syrern genutzt, um unter Umgehung der Regimegebiete in die AANES-Region zurückzukehren. Das Bundesverwaltungsgericht kann keinen Grund erkennen, weshalb diese Möglichkeit der bP nicht offenstehen sollte.

Seitens des Verwaltungsgerichts könne auch keine unüberwindbaren administrativen Hürden für das Überqueren des Grenzüberganges erkannt werden.

Ausweislich der getroffenen Länderfeststellungen können Personen, deren Reisepass abgelaufen ist, beispielsweise einen Passierschein bei einer syrischen diplomatischen Vertretungsbehörde beantragen. Allenfalls ist die Einreise in die Autonome Region Kurdistan auch mit einem in Österreich ausgestellten Fremdenpass möglich und ist es für die bP aufgrund des durch die gewährte Aufenthaltsberechtigung bedingten Wohnsitzes in Österreich auch nach den im April 2024 eingetretenen Visarestriktionen möglich, ein Visum für die Autonome Region Kurdistan zu erhalten. (ACCORD, Voraussetzungen für die Einreise syrischer Staatsangehöriger in Gebiete unter Kontrolle der SDF/YPG in Nordostsyrien, 12; BAMF 09/2024). Dass es ihr unmöglich sei, die Formalitäten am Grenzübergang zu erledigen, wurde weder substantiell vorgebracht noch ergeben sich dahingehende Schwierigkeiten aus den Feststellungen. Die bP ist als Bewohnerin des AANES-Gebietes registriert, sie kann sich mit dem Personalausweis (die Ausstellung eines Passes ist ihr lt. den Länderquellen möglich; vgl. z.B. DIS vom August 2024 „Syrer mit Wohnsitz im Ausland können Pässe über syrische diplomatische Vertretungen erhalten, unabhängig von ihrem rechtlichen Status innerhalb Syriens. Sogar syrische Staatsbürger, die wegen schwerer Verbrechen gesucht werden, können Pässe von syrischen diplomatischen Vertretungen erhalten.“) ausweisen bzw. ist sie im Besitz von Auszügen aus dem Familienregister bzw. ihrer Heiratsurkunde, die sie am Grenzübergang vorweisen kann. Hindernisse bei der Einreise in das AANES-Gebiet am Grenzübergang sind demgemäß nicht erkennbar. Dass bzw. aus welchen Gründen lokale Sicherheitskräfte der bP keine Freigabe erteilen sollten, wurde im Verfahren weder behauptet noch substantiiert vorgebracht. Unüberbrückbare administrative Hindernisse bei der Einreise sind demgemäß nicht erkennbar, sodass die bP in der Lage sein wird, ihre Herkunftsregion zu erreichen, ohne einen vom syrischen Regime kontrollierten Grenzübergang zu nutzen.

Mit Erkenntnis vom 29.02.2024, Ra 2024/18/0043 hielt der Verwaltungsgerichtshof schließlich dezidiert fest, dass es aus asylrechtlicher Sicht nicht darauf ankommen könne, ob die Einreise in einen verfolgungssicheren Landesteil aus der Sicht des potentiellen Verfolgers (hier: des syrischen Regimes) legal stattfindet, sondern nur, ob die den Grenzübergang beherrschenden Autoritäten eine Einreise in das sichere Gebiet zulassen, was verfahrensgegenständlich zu bejahen ist.

Die Kontrolle in jenem Gebietsabschnitt von Syrien, den die bP zwecks Erreichung ihres Herkunftsorts vom Grenzübergang aus ausgehend zu passieren hätte, liegt durchgehend bei den kurdischen Kräften. Die kurdische Kontrolle im Großraum der AANES-Region ist angesichts der Länderberichte gegeben. Auch wenn Verkehrswege von (gemischten) Patrouillen des Regimes befahren werden, so werden die syrischen Streitkräfte ausweislich der Feststellungen von den Behörden der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien bzw. den SDF nur zur Abschreckung gegenüber der Türkei geduldet und dürfen diese keine Personenkontrollen oder Rekrutierungen durchführen.

Die rechtmäßige Einreisemöglichkeit am Luftweg über den internationalen Flughafen in Damaskus beruht auf den der Entscheidung zugrunde gelegten Länderberichten.

II.3. Rechtliche Beurteilung:

Zu A) Abweisung der Beschwerde

II.3.1. Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 idgF ist einem Fremden, der in Österreich einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, soweit dieser Antrag nicht bereits gemäß §§ 4, 4a oder 5 AsylG 2005 zurückzuweisen ist, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn glaubhaft ist, dass ihm im Herkunftsstaat Verfolgung im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z. 2 Genfer Flüchtlingskonvention droht (vgl. auch die Verfolgungsdefinition in § 2 Abs. 1 Z 11 AsylG 2005, die auf Art. 9 der Statusrichtlinie verweist).

Als Flüchtling im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z. 2 GFK ist anzusehen, wer sich aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu bedienen.

Zentrales Element des Flüchtlingsbegriffes ist nach ständiger Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofs die wohlbegründete Furcht vor Verfolgung. Eine Furcht kann nur dann wohlbegründet sein, wenn sie im Licht der speziellen Situation des Asylwerbers unter Berücksichtigung der Verhältnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist. Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsächlich fürchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation aus Konventionsgründen fürchten würde. Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter Eingriff von erheblicher Intensität in die zu schützende persönliche Sphäre des Einzelnen zu verstehen. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit droht; die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt nicht (VwGH 23.10.2019, Ra 2019/19/0413).

Entscheidend ist, ob die betroffene Person im Zeitpunkt der Entscheidung bei Rückkehr in ihren Herkunftsstaat mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit mit Verfolgungshandlungen rechnen müsste (vgl. etwa VwGH 23.06.2021, Ra 2021/18/0164, mwN). Die Verfolgungsgefahr muss aktuell sein, was bedeutet, dass sie zum Zeitpunkt der Entscheidung vorliegen muss (VwGH 17.03.2009, 2007/19/0459). Auf diesen Zeitpunkt hat die der Asylentscheidung immanente Prognose abzustellen, ob der Asylwerber mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit in seinem Heimatstaat Verfolgung zu befürchten habe (VwGH 19.10.2000, 98/20/0233, mwN; vgl. ferner unter Hinweis auf diese Entscheidung VfGH 27.2.2023, E 3307/2022; VwGH 23.05.2023, Ra 2023/20/0110).

II.3.2. Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes stellt die Furcht vor der Ableistung des Militärdienstes bzw. der bei seiner Verweigerung drohenden Bestrafung im Allgemeinen keine asylrechtlich relevante Verfolgung dar, sondern könnte nur bei Vorliegen eines Konventionsgrundes Asyl rechtfertigen. Wie der Verwaltungsgerichtshof zur möglichen Asylrelevanz von Wehrdienstverweigerung näher ausgeführt hat, kann auch der Gefahr einer allen Wehrdienstverweigerern bzw. Deserteuren im Herkunftsstaat gleichermaßen drohenden Bestrafung asylrechtliche Bedeutung zukommen, wenn das Verhalten des Betroffenen auf politischen oder religiösen Überzeugungen beruht oder dem Betroffenen wegen dieses Verhaltens vom Staat eine oppositionelle Gesinnung unterstellt wird und den Sanktionen - wie etwa der Anwendung von Folter - jede Verhältnismäßigkeit fehlt. Unter dem Gesichtspunkt des Zwanges zu völkerrechtswidrigen Militäraktionen kann auch eine bloße Gefängnisstrafe asylrelevante Verfolgung sein (VwGH 21.05.2021, Ro 2020/19/0001).

Die bP weist - wie im Rahmen der Beweiswürdigung ausführlich dargelegt wurde - jedenfalls keine glaubhafte politische, religiöse oder moralische Überzeugung gegen das syrische Regime bzw. gegen den Militärdienst für das syrische Regime auf; ebenso wenig unterstellt das syrische Regime der bP wegen der mit ihrer Flucht verbundenen Entziehung vom Militärdienst oder einer künftigen Verweigerung der Ableistung des Militärdienstes oder ihrer illegalen Ausreise oder ihres Asylverfahrens oder der Asylberechtigung ihres Bruders mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eine politische oder oppositionelle Gesinnung. Etwaige Konsequenzen, die im Fall einer Einberufung bzw. Verweigerung des Wehrdienstes drohen könnten, würde es im Fall der bP an einem inhaltlichen Konnex zur GFK fehlen. Sie könnten allenfalls die Zuerkennung des Status der subsidiär Schutzberechtigten rechtfertigen, der der bP ohnehin bereits zuerkannt wurde.

Diese rechtliche Beurteilung stützt sich auf die zur Wehrpflicht ergangene höchstgerichtliche Rechtsprechung. Im Erkenntnis vom 04.07.2023, Ra 2023/18/0108, betonte der VwGH, dass die Asylgewährung an Wehrdienstverweigerer neben der Prüfung, ob die schutzsuchende Person bei Rückkehr in den Herkunftsstaat tatsächlich Verfolgung im asylrechtlichen Sinne zu gewärtigen hätte, auch den Konnex dieser Verfolgungshandlung mit einem der fünf in Art 1 Abschnitt A Z 2 GFK genannten Konventionsgründen („Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“) erfordere, die in Art. 10 Statusrichtlinie näher umschrieben werden. Selbst die Bejahung von Verfolgungshandlungen erübrige es nicht, das Bestehen einer Verknüpfung zwischen (zumindest) einem der in Art 10 Statusrichtlinie bzw. Art 1 Abschnitt A Z 2 GFK genannten Verfolgungsgründe und den Verfolgungshandlungen individuell zu prüfen. In seiner Entscheidung vom 08.11.2023, Ra 2023/20/0520, bestätigte der VwGH die vom BVwG begründet vertretene Auffassung, dass sich aus den Länderinformationen kein Automatismus ergebe, dass jedem im Ausland lebenden Syrer, der seinen Wehrdienst nicht abgeleistet hat, im Herkunftsstaat eine oppositionelle Gesinnung unterstellt und deswegen eine unverhältnismäßige Bestrafung drohen würde.

Die Gewährung von Asyl wegen der Pflicht zur Ableistung des Reservedienstes in der syrischen Armee kommt somit gegenständlich bereits mangels eines Konnexes zu einem der in der GFK genannten Konventionsgründe nicht in Betracht.

II.3.3.Die Bestimmung des Heimatortes des Asylwerbers ist Grundlage für die Prüfung, ob dem Asylwerber dort mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit asylrelevante Verfolgung droht (vgl. etwa VwGH 25.08.2022, Ra 2021/19/0442).

Der Herkunftsort der bP steht derzeit unter der Kontrolle der Syrian Democratic Forces (SDF), wenn auch das syrische Regime dort präsent ist bzw. Einfluss hat. Wie beweiswürdigend ausgeführt, ist das Regime aber mangels effektiver Zugriffsmöglichkeiten nicht in der Lage, (Zwangs-) Rekrutierungen sowie behördliche Maßnahmen wegen einer allenfalls unterstellten politischen Gesinnung oder aus sonstigen Gründen durchzuführen. Dies gilt – wie ausgeführt – iSd Erkenntnisses des VwGH vom 4.7.2023, Ra 2023/18/0108, auch für die Frage des Grenzübertrittes nach Syrien und die Weiterreise in die Heimatregion. Die bP ist dem Zugriff des Regimes entzogen ist. Die Furcht der bP vor asylrelevanten Maßnahmen des syrischen Regimes ist daher auch aus diesem Grunde nicht wohlbegründet.

II.3.4.Weigerung im AANES Gebiet der bestehenden Selbstverteidigungspflicht nachzukommen bzw. Maßnahmen der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien sowie der Gefahr einer Rekrutierung durch kurdische Streitkräfte

Das vom Hochkommissar der Vereinten Nationen in seinen Erwägungen vom März 2021 zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen, definierte Risikoprofil („Personen, die tatsächliche oder vermeintliche Gegner der Syrian Democratic Forces (SDF) / Volksschutzeinheiten (YPG), der Partei der Demokratischen Union (PYD) und der Institutionen der Autonomieregion sind“) trifft auf die bP nicht zu. Ausweislich der Feststellungen bzw. der beweiswürdigenden Überlegungen besteht kein Anlass zu Annahme, dass der bP eine SDF/YPG-feindliche Gesinnung und/oder eine Unterstützung des Islamischem Staates oder der SNA im Rückkehrfall unterstellt werden würde. Die maßgeblichen Umstände des Einzelfalles indizieren daher nicht die Notwendigkeit, Flüchtlingsschutz zuzuerkennen. Eine Verknüpfung zu einem Konventionsgrund ist daher bei gesamthafter Betrachtung jedenfalls nicht herzustellen.

Die „Demokratische Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien“ ist ein de facto autonomes Gebiet im Nordosten von Syrien, das jedoch nicht anerkannt ist. Bereits aus diesem Grund liegt – mangels Militärdienstes eines souveränen Staates – im Hinblick auf die

„Selbstverteidigungspflicht“ in der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien der Tatbestand einer Verfolgungshandlung gemäß Art. 9 Abs. 2 lit. e der Statusrichtlinie nicht vor.

Von einer – nicht asylrelevanten – Zwangsrekrutierung durch einen nichtstaatlichen Akteur ist jene Verfolgung zu unterscheiden, die an die tatsächliche oder nur unterstellte politische Gesinnung anknüpft, die in der Weigerung, sich den Rekrutierenden anzuschließen, gesehen wird. Auf das Auswahlkriterium für die Rekrutierung selbst kommt es in einem solchen Fall nicht an. Dabei ist entscheidend, mit welchen Reaktionen auf Grund der Weigerung, sich dem Willen der Rekrutierenden zu beugen, zu rechnen ist und ob in dem Verhalten eine – sei es auch nur unterstellte – politische oder religiöse oppositionelle Gesinnung erblickt wird (vgl. VwGH 19.04.2016, Ra 2015/01/0079).

Im Falle einer Rekrutierung der bP kann eine Verbindung zu einem der in Art. 1 Abschnitt A Z 2 genannten Gründe der GFK nicht erkannt werden: So folgt aus den Länderfeststellungen, dass der bP im Falle der Verweigerung der „Selbstverteidigungspflicht“ in der Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien keine politische oppositionelle Gesinnung unterstellt werden würde. Soweit die bP von den Folgen der Verweigerung der „Selbstverteidigungspflicht“ in der „Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien“ betroffen sein könnte, haben sich auch keine konkreten Hinweise für eine auf Konventionsgründen beruhende unverhältnismäßige Bestrafung der bP ergeben.

Die bP hat – unbeschadet obiger Ausführungen zur fehlenden Charakterisierung der „Demokratischen Selbstverwaltung für Nord- und Ostsyrien“ als souveräner staatlicher Akteur - entsprechend der Feststellungen und der Beweiswürdigung im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet weder mit unverhältnismäßigen Sanktionen zu rechnen noch steht die Teilnahme an völkerrechtswidrigen Militäraktionen im Raum. Auch wird der bP im Falle der Verweigerung des Dienstes keine oppositionelle Gesinnung unterstellt.

Eine Verknüpfung zum Konventionsgrund der politischen Gesinnung ist daher bei gesamthafter Betrachtung jedenfalls nicht herzustellen

II.3.5.Der bP droht in ihrem Herkunftsgebiet schließlich auch nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit die Gefahr einer Verfolgung durch andere Gruppierungen oder Milizen, wie PKK, SDF, Al Nusra Front, ISIS YPG, usw. Sie wurde in Syrien niemals bedroht oder verfolgt oder dem Versuch einer Zwangsrekrutierung unterzogen.

II.3.6.Die im Verfahren behauptete Furcht der bP, in ihrer Herkunftsregion mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit aus den in der Genfer Flüchtlingskonvention genannten Gründen verfolgt zu werden, ist folglich nicht begründet. Das Bundesverwaltungsgericht gelangte aus den im Rahmen der Beweiswürdigung erörterten Gründen zur Überzeugung, dass die bP im Falle ihrer hypothetischen Rückkehr in ihre Herkunftsregion keiner mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eintretenden individuellen Gefährdung oder psychischen und/oder physischen Gewalt durch staatliche Organe oder nichtstaatliche Akteure ausgesetzt wäre.

Eine Verfolgung im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z. 2 GFK liegt sohin nicht vor.

Zu B) Unzulässigkeit der Revision:

Gemäß § 25a Abs. 1 VwGG hat das Verwaltungsgericht im Spruch seines Erkenntnisses oder Beschlusses auszusprechen, ob die Revision gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG zulässig ist. Der Ausspruch ist kurz zu begründen.

Die Revision ist gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig, weil die Entscheidung nicht von der Lösung einer Rechtsfrage abhängt, der grundsätzliche Bedeutung zukommt. Weder weicht die gegenständliche Entscheidung von der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ab, noch fehlt es an einer Rechtsprechung; weiters ist die vorliegende Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes auch nicht als uneinheitlich zu beurteilen. Auch liegen keine sonstigen Hinweise auf eine grundsätzliche Bedeutung der zu lösenden Rechtsfrage vor.

Schließlich liegt der Schwerpunkt im gegenständlichen Verfahren im Bereich der Tatsachenfragen. Die in Bezug auf einen Antrag auf internationalen Schutz vom Bundesverwaltungsgericht im Einzelfall vorzunehmende Beweiswürdigung ist nicht revisibel (vgl. VwGH vom 30.08.2018, Ra 2018/21/0149, mwN).

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