Late criminal complaint after deemed service

1B_677/2011Tribunale federale / I divisione di diritto pubblico14 dic 2011Dismissed

Estratto da Omnilex

Sintesi Omnilex

X. filed a criminal complaint against Y. After the investigating authority dismissed the case, the cantonal appeal body refused to enter into X.'s complaint because it had been filed too late. The Federal Supreme Court held that, since X. had initiated the proceedings and had to expect service, the uncollected registered dismissal order was deemed served after seven days. The cantonal appeal deadline had therefore expired before X. filed his complaint. The constitutional objections were unfounded. The federal complaint was dismissed, and no court costs were charged; the legal-aid request became moot.

Massima Omnilex

Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO, Art. 396 Abs. 1 StPO; deemed service and calculation of the appeal period in criminal proceedings. A party that has instituted proceedings must expect service of procedural decisions and ensure that mail can be received. If an ordered registered delivery is not collected, service is deemed to have occurred on the seventh day after the unsuccessful attempt, provided the addressee had to expect service. The statutory ten-day complaint period begins on that deemed-service date and lapses accordingly; a cantonal authority may declare a complaint inadmissible as late. Mere passage of several months after the filing of a criminal complaint does not, without more, exclude the expectation of service (consid. 3).

Testo completo

{T 0/2}
1B_677/2011

Urteil vom 14. Dezember 2011
I. öffentlich-rechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Fonjallaz, Präsident,
Bundesrichter Raselli, Merkli,
Gerichtsschreiber Pfäffli.

Verfahrensbeteiligte
X.________, Beschwerdeführer,

gegen

Kantonales Untersuchungsamt, Wirtschaftsdelikte, Klosterhof 8a, 9001 St. Gallen.

Gegenstand
Strafverfahren; Nichtanhandnahme,

Beschwerde gegen den Entscheid vom 9. November 2011 der Anklagekammer des Kantons St. Gallen.

Erwägungen:

1.
X.________ erhob am 7. März 2011 Strafantrag gegen Y.________ und machte geltend, dieser habe ihn beschimpft und bedroht. An der von der Staatsanwaltschaft anberaumten Vergleichsverhandlung mit dem Beschuldigten blieb X.________ fern. Das Untersuchungsamt St. Gallen stellte mit Verfügung vom 29. Juni 2011 das Strafverfahren gegen den Beschuldigten ein. Gegen die Einstellungsverfügung erhob X.________ am 25. Juli 2011 Beschwerde, auf welche die Anklagekammer des Kantons St. Gallen wegen verspäteter Beschwerdeeinreichung nicht eintrat.

2.
X.________ führt mit Eingabe vom 27. November 2011 Beschwerde in Strafsachen gegen den Entscheid der Anklagekammer des Kantons St. Gallen. Das Bundesgericht verzichtet auf die Einholung von Vernehmlassungen.

3.
Der Beschwerdeführer macht geltend, der Nichteintretensentscheid verstosse gegen den Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 9 BV) sowie auch gegen Art. 10, 24 und 30 BV.

3.1 Gemäss Art. 396 Abs. 1 StPO ist die Beschwerde innert 10 Tagen schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen. Nach Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO gilt eine Zustellung bei einer eingeschriebenen Postsendung, die nicht abgeholt worden ist, am siebten Tag nach dem erfolglosen Zustellungsversuch als erfolgt, sofern die Person mit einer Zustellung rechnen musste. Die Begründung eines Verfahrensverhältnisses verpflichtet die Parteien, sich nach Treu und Glauben zu verhalten, d.h. unter anderem dafür zu sorgen, dass ihnen Entscheidungen, welche das Verfahren betreffen, zugestellt werden können (BGE 130 III 396 E. 1.2.3 S. 399). Von einem Verfahrensbeteiligten ist zu verlangen, dass er für die Nachsendung seiner an die bisherige Adresse gelangenden Korrespondenz besorgt ist, allenfalls längere Ortsabwesenheiten der Behörde mitteilt oder einen Stellvertreter ernennt (BGE 119 V 89 E. 4b/aa S. 94).

3.2 Der Beschwerdeführer musste angesichts seiner Strafantragstellung am 7. März 2011 mit der Zustellung eines behördlichen Schriftstückes rechnen. Daran ändert nichts, dass die Zustellung der Einstellungsverfügung dreieinhalb Monate nach der Stellung des Strafantrages erfolgte, da dies - entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers - keinesfalls eine lange Verfahrensdauer darstellt.
Mithin galt die nach den unbestrittenen Feststellungen im angefochtenen Entscheid am 30. Juni 2011 zur Abholung gemeldete Einstellungsverfügung sieben Tage später, d.h. am 7. Juli 2011 als zugestellt. Die zehntägige Rechtsmittelfrist lief somit am 18. Juli 2011 ab (vgl. Art. 90 Abs. 2 StPO) und die Beschwerdekammer trat auf die am 25. Juli 2011 erhobene Beschwerde nicht ein. Die Rügen, die der Beschwerdeführer dagegen vorbringt, erweisen sich, soweit sie den Begründungsanforderungen von Art. 42 Abs. 2 BGG zu genügen vermögen, als offensichtlich unbegründet.

4.
Demnach ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Auf eine Kostenauflage kann verzichtet werden (Art. 66 Abs. 1 BGG). Damit ist das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gegenstandslos geworden.

Demnach erkennt der Präsident:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Es werden keine Kosten erhoben.

3.
Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer, dem Kantonalen Untersuchungsamt und der Anklagekammer des Kantons St. Gallen schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 14. Dezember 2011
Im Namen der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Fonjallaz

Der Gerichtsschreiber: Pfäffli

Parole chiave

deemed serviceappeal deadlinelate filinggood faithcriminal complaintinadmissibilitycourt costs

Estratto da Omnilex

Questione giuridica chiave

Whether the cantonal complaint against the dismissal order was filed within the 10-day time limit.

Decisione estratta

The complaint was late because the uncollected registered decision was deemed served on the seventh day after the failed delivery attempt, and the appeal period had expired before filing.

Motivazione estratta

A person who has initiated proceedings must expect a decision to be served and must ensure delivery can reach them. Under the deemed-service rule, the dismissal order counted as served on 7 July 2011, so the deadline expired on 18 July 2011; the filing on 25 July 2011 was therefore untimely.

Questione giuridica chiave

Whether the rejection of the late complaint violated good faith or constitutional rights.

Decisione estratta

No such violation was shown; the arguments were manifestly unfounded.

Motivazione estratta

The delay between the criminal complaint and the dismissal was not excessive, and the appellant's constitutional objections did not overcome the clear time-limit rules.

Questione giuridica chiave

Whether court costs should be charged and legal aid granted.

Decisione estratta

No costs were imposed, and the request for legal aid became moot.

Motivazione estratta

Because no costs were levied, there was nothing left to decide on legal aid.

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