New facts on appeal in child protection proceedings

NQ110056Tribunale superiore6 dic 2011Granted

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Sintesi Omnilex

In child protection proceedings concerning the placement of a child, the appellant filed an additional submission after the appeal period had expired. The Obergericht held that, despite the wording of Art. 317 ZPO, new factual allegations are not restricted on appeal where the case is subject to official investigation. The court therefore accepted the late submission in full.

Massima Omnilex

Art. 317 ZPO; noven on appeal in proceedings subject to official investigation: despite the wording of the provision, new factual allegations are admissible without the ordinary restrictions where the appeal court must establish the facts ex officio. The legislative history shows that the second instance should apply the same noven regime as the first instance in such proceedings (consid. 1.3). Child protection proceedings under the official-investigation principle accordingly allow unrestricted consideration of late submissions on appeal.

Testo completo

Art. 317 ZPO, Noven in der Berufung. Entgegen dem Wortlaut des Gesetzes sind neue Behauptungen auch in der Berufung unbeschränkt zulässig, wenn der Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären hat.

Es geht um vorsorgliche Massnahmen im Rahmen der Umplatzierung eines Kindes (Art. 310 Abs. 1 ZGB). Nach Ablauf der Berufungsfrist und als Reaktion auf eine Verfügung der Kammervorsitzenden reicht die Berufungsklägerin eine weitere Eingabe zur Sache ein.

(aus den Erwägungen des Obergerichts:) 1.3 (...) Die Eingabe vom 5. Dezember 2011 erfolgte nach Ablauf der zehntägigen Berufungsfrist. Nach Art. 317 ZPO wären die darin enthaltenen tatsächlichen Ausführungen unzulässig, da sie spätestens mit der Berufung bereits hätten eingebracht werden können. Der Wortlaut des Gesetzes muss in diesem Fall aber als missglückt und nicht dem wahren Willen des Gesetzgebers entsprechend betrachtet werden. Der Entwurf des Bundesrates hatte bezüglich Novenrecht in der Berufung ausdrücklich auf die Regelung in erster Instanz verwiesen (Art. 314 E-ZPO [entsprechend dem Gesetz gewordenen Art. 317] und Art. 225 E-ZPO [entsprechend jetzt Art. 229]). Im Parlament wurde vor allem über das Novenrecht in erster Instanz diskutiert. Zwar standen auch betreffend Berufung die Pole "völlig freies Novenrecht" und "gar keine Noven" gegeneinander. Das entscheidende Votum, dem nicht mehr widersprochen wurde, gab dann Bundesrätin Widmer-Schlumpf im Nationalrat ab: "Noven sollen vor der Berufungsinstanz vorgebracht werden können, aber nicht unbeschränkt, sondern im gleichen Rahmen, wie es zuletzt noch im Hauptverfahren, vor der ersten Instanz also, möglich war. Das ist kohärent und entspricht der Mehrheit der heutigen kantonalen Regelungen. Die zweite Instanz soll novenrechtlich dort einsetzen, wo die erste aufgehört hat" (AB NR 2008, 1634). Wo das Problem in der Literatur wirklich behandelt wird (KuKO ZPO-Brunner und BSK ZPO-Spühler scheinen es nicht zu erkennen), herrscht Einigkeit darüber, dass auch in der Berufung Noven in all jenen Verfahren zulässig sind, wo der Sachverhalt von Amtes wegen abgeklärt werden muss (Peter Volkart, Dike-Komm ZPO Art. 317 N. 17; ZK ZPO-Reetz/ Hilber, Art. 317 N. 14, 22 und 70; Leuenberger/Uffer-Tobler,

Schweizerisches Zivilprozessrecht, Rz. 12.53; zum Terminus "Abklären" SJZ 107/2011 S. 170). ─ Das Verfahren des Kindesschutzes untersteht der Untersuchungsmaxime, und die neue Eingabe der Berufungsklägerin ist demnach unbeschränkt zu berücksichtigen.

Obergericht, II. Zivilkammer Urteil vom 6. Dezember 2011 Geschäfts-Nr.: NQ110056-O/U

Parole chiave

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Questione giuridica chiave

Whether new factual allegations submitted after expiry of the appeal deadline are admissible under Art. 317 ZPO in appeal proceedings subject to official investigation.

Decisione estratta

In proceedings governed by the court's duty to investigate the facts ex officio, new allegations may be considered on appeal without the usual restriction of Art. 317 ZPO.

Motivazione estratta

The statutory wording of Art. 317 ZPO was treated as misleading in this context. Legislative history and prevailing scholarly opinion show that the appeal instance should accept new facts wherever the subject matter is governed by the official-investigation principle; child protection proceedings fall within that category.

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