404 Haftpflicbtreeht. N0 48.
verhältnismässig bald nach der Erstattung des Gut-
achtens, seine endgültige Erledigung
findet, als wahr-
scheinlich anzunehmen, dass die vollständige Heilung
des Klägers in etwa zwei
Jahren von der EEStattung
des Gutachtens oder in ungefähr einem J8hr von der
Zustellung des bundesgerichtlichen Urteils an, also etwa
im Sommer
1916 eintreten werde, sodass der Kläger
vom
Herbst 1916 an voraussichtlich eine ähnliche Tä-
tigkeit wird ausüben können, wie wenn der
Unfall nicht
stattgefunden hätte. Darnach
hat er infolge des U;l-
falls einen mutmasslichen Erwerbsausfall von 3% mal
5000 17,500 Fr. erlitten. Von dieser Summe ist mit
Rücksicht auf die Vorteile der Aversalabfindung -zu-
mal
da die Entschädigung unbestritten el massen vom
25. Oktober 1912. also' fast vom Unfalltage an zu ver-
zinsen ist, während der zu
ersetzende Erwerb sich auf
die
Jahre 1913 bis 1916 verteilt haben würde -ein Ab-
zug
von 20 % zu machen. Dies ergibt als Entschädi-
gung für Erwerbsausfall einen Betrag von
14,000 Fr.
4.
-Eine besondere Entschädigung auf Grund des
Art.
8 EHG zuzusprechen, rechtff.'rtigt sich im vor-
liegenden Falle nicht. Einerseits nämlich hat der Kläger
in folge des ihm zugestossenen
tTnfalls weder grosse kör-
perliche. noch besonders tiefe seelische Schmerzen
er-
litten; anderseits aber gewährt ihm die Verurteilung
der Beklagten zur Entrichtung einer grössern E!lt-
schädigung für seinen mutmasslichen Erwerbsausfall
bereits eine hinreichende Genugtuung für den Aerger,
den er wegen des Unfalls, zumal da er der
Ceberzeu-
gung war, dieser sei auE ein grobes Verschulden der
Bahnorgane zurückzuführen, empfunden zu haben
scheint.
Ob den Organen der Beklagten wir k I ich ein
Verschulden und speziell ein g r 0 b e s Verschulden
zur Last fällt. braucht unter diesen Umständen nicht
entschieden
zu werden.
5. -Zu einem Rektifikatiollsvorbehalt im
Sinne des
Pl"ozessrecht. N° 49.
Art. 10 Ahs. 1 EHG, sowie zu einer Haftbarmachung
dnr Beklagten für zukünftige Heilungskosten, liegt nach
dem Ergebnis der gerichtlichen Expertise kein Anlass
vor.
ie traumatische Neurose pflegt übrigens erfahrungs-
genans erst nach der endgültigen Erledigung der Ent-
schadigungsfrage zu heilen. Durch einen Rektifikations-
vorbehalt würde also
nur die Krankheit verlängert und
der Schaden vergrössert.
Demnach
hat das Bundesgericht
erkannt:
Die. Hauptberufung wird dahin teilweise gutgeheissen,
dass m Abänderung des angefochtenen Urteils die dem
Kläger
vetn der Beklagten ausser den Heilungskosten im
Betrage von 486 Mk. 30 Pf. zu bezahlenden Entschädi-
gung von
22,000 Fr. nebst 5 % Zins seit 26. Oktober 1912
a 14,000 Fr. nebst Zins wie hievor herabgesetzt wird.
DIe Anschlussberufung wird abgewiesen.
v. PROZESSRECHT
PROCEDURE
49. 'C'rteil der I. Zivilabteilung vom 4. Juni 1915
i. S. Kern, Kläger,
gegen
Einwohnergemeinde Schupfart, Beklagte.
Berufung, Voraussetzungen: Anwendbarkeit eidgenössischen
Privatrechts. Die Voraussetzungen und Wirkungen der
Ja g d P ach t, speziell auch die Gültigkeit einer J agdpacht-
steigerung beurteilen sich nach kantonalem Recht.
A. -Nach dem aargauischen Gesetz über das Jagd-
wesen vom 23. Februar 1897 steht das Jagdrecht grund-
sätzlich dem
Grundeigentum zu. An Stelle des ver-
einzelten Grundeigentums ) verpachtet, namens desselben,
jede Einwohnergemeinde den Betrieb
der Jagd in ihrer
Gemarkung.
Der Ertrag der Jagdpacht fällt . der Ein-
wohnergemeinde
zu und ist vorab zu landwirtschaft-
lichen Zwecken
zu verwenden ( 1). Die Jagdreviere
werden
vom Gemeinderat auf dem Weg der öffentlichen
Versteigerung
je auf acht Jahre verpachtet ( 3). Der
Pächter ( Jagdbesteher I hat das Recht, die Jagd inner-
halb des ihm verliehenen Reviers ...... auszuüben
oder von
Dritten, durch besonders auf einzelne Tage
von ihm zu erteilende Bewilligung (Jagdkarte), ausüben
zu lassen ( 9).
B. -Am 25. August 1913 veranstaltete die Einwoh-
nergemeinde
Schupfart die ordentliche Jagdpachtsteige-
rung für die Periode 1914 bis 1921. Auf ein Angebot
des Klägers
von 855 Fr. hin erklärte der Weibel diesem
den Zuschlag.
Der die Steigerung leitende Gemeinde-
ammann Freivogel verfügte jedoch die Fortsetzung; im
Verlauf derselben bot Bäckermeister Willi von Basel
860 Fr., worauf ihm die Pacht zugeschlagen wurde.
C. -Der Kläger klagte nunmehr beim Bezirksgericht
Rheinfelden gegen den Gemeinderat von
Schupfart mit
den Rechtsbegehren : .
- Es sei der Pachtvertrag um das Jagdrevier mit
dem Kläger für 855 Fr. pro Jahr als abgeschlossen und
zu Recht bestehend zu erklären, und der Kläger sei
richterlich als
Pächter einzusetzen.
- Die Steigerung, welche nach dem Zuschlag an den
Kläger fortgesetzt wurde, sei als ungesetzlich aufzuheben,
ebenso
der nachfolgende Zuschlag an Willi.
Eventuell: die angefochtene Pachtsteigerung sei als
ungesetzlich
und ungültig aufzuheben, und der Gemeinde-
rat von Schupfart sei zu verurteilen, nach Vorschrift
der Vollziehungsverordnung zum Jagdgesetz eine zweite
Steigerung anzuordnen.
Zur Begründung' machte der Kläger geltend:
Die Steigerung sei regelrecht vor sich gegangen biS'
Prozessreeht. N° 49. 407
und mit dem Zuschlag an den Kläger. Deshalb müsse
der Pachtvertrag mit ihm als zu Recht bestehend er-
klärt und die nachherige zweite Steigerung und der Zu-
schlag
an Willi als ungesetzlich aufgehoben werden.
Oder aber: die Steigerung sei an und für sich ungültig;
denn der Gemeindeammann habe sie geleitet und ab-
gehalten, trotzdem er als Mitglied einer Jagdgesell-
schaft, die durch ihren Bevollmächtigten WiIli als
Stei-
gerungskonkurrent aufgetreten sei, sich hätte in Ausstand
begeben müssen. Das ganze Verfahren sei darauf ange-
legt gewesen, jeden anderen
Konkurrenten an die Wand
zu drücken, und die Pacht dem Willi und Genossen,
resp. der alten Jagdgesellschaft,
der der Gemeindeam-
mann angehört habe, in die Hand zu spielen. Es sei
also in rechtswidriger
und gegen die guten Sitten ver-
stpssender Weise
auf den Erfolg der Versteigerung ein-
gewirkt worden.
Wenn der Gemeinderat die Kompetenz
nicht gehabt hätte, dem Kläger den Zuschlag mit 855 Fr.
zu genehmigen, so hätte er unter Beobachtung der Vor-
schriften des 12 der Vollziehungsverordnung zum Jagd-
gesetz vom 5. Juli 1905 verfahren sollen.
D. -Der beklagte Gemeinderat beantragte, auf die
Klage nicht einzutreten, eventuell sie abzuweisen,
indem
er vorbrachte :
- Die Beurteilung der Klage entziehe sich der rich-
terlichen Kognition. Die. einzig
kompetenten Behörden,
die Finanzdirektion
und der Regierungsrat, hätten ge-
sprochen
und die Beschwerde Dr. Kerns abgewiesen.
Siehe Entscheid der staatsrechtlichen Abteilung des
Bundesgerichts vom 19. November 1914.
- Eventuell könnte der Richter zu keinem anderen
Resultat gelangen, als wie die Verwaltungsbehörden.
Denn: angenommen der Weibel hätte die Pacht zuge-
schlagen -in Wirklichkeit
habe er nur drei mal ge-
rufen,
aber nicht zugeschlagen -so hätte das keine
Rechtswirkung haben können. Nach
der Verordnullg
zum Jagdgesetz
vom 5. Juli 1905 und den Steigerungs-
Prozessrecht. N' 49.
bedingungen sei der Gemeinderat das zum Zuschlag be-
rechtigte
Organ; ebenso nach Art. 229 Abs. 3 OR.
E.-Durch Urteil vom 31. März 1914 hat das Be-
zirksgericht Rheinfelden die Jagdpachtsteigerung aufge-
hoben und die Beklagte dazu verurteilt. neuerdings
Steigerung anzuordnen nach den Vorschriften der aar-
gauischen Vollziehungsverordnung zum Jagdgesetz.
Seide Parteien erhoben Beschwerde an das Ober-
gericht, der Kläger mit dem Antrag auf Gutheissung
der Klageschlüsse 1
und 2, die Beklagte mit dem An-
trag,
auf die Klage nicht einzutreten, eventuell sie ab-
zuweisen.
Durch Urteil vom 5. März 1915
hat das Obergericht
des Kantons Aargau erkannt, die Klage sei abgewiesen.
F. -Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Beru-
fung an das Bundesgericht erklärt,
mit dem Antrag auf
Gutheissung der Klage und demgemäss Zusprechung des
prinzipalen Klageschlusses gemäss
Ziff. 1 und 2, even-
, tuell des eventuellen Klageschlusses gemüss Ziffer 3.
Das Bundesgerichl zieht
in Erwägung:
- -Das Rechtsmittel der "Berufung setzt voraus,
dass es sich um eine Zivilrechtsstreitigkeit handle,
und
z"war um eine solche des eidgenössischen Rechts.
Mit seinem ersten Klagebegehren verlangt der Kläger
von der Gemeinde Schupfart,
als seinem Gegenkontra-
henten, die
Haltung eines Jagdpachtvertrages, der nach
seiner Behauptung durch die Versteigerung vom 25. Au-
gust 1913 zwischen den Streitparteien abgeschlossen
worden sein soll.
Es kann sich fragen. ob das (subjektive) Jagdrecht im
Kanton Aargau, das nach 1 des kantonalen Jagd-
gesetzes dem Grundeigentum ) zusteht, in Hinsicht auf
seinen Inhalt dem öffentlichen oder dem privaten Recht
zuzuteilen sei (vgl. z. B. GIERKE. Deutsches Privatrecht,
H. Bd. S. 399, über den Begriff des Regalrechts). Doch
braucht auf diese Frage deswegen nicht näher einge:'
treten zu werden, weil, auch wenn man hier ein Rechts-
verhältnis des Privatrechts annehmen will, doch jeden-
falls nicht eidgenössisches, sondern kantonales
Recht zur
Anwendung gelangt.
Nach den Entwürfen zum
ZGB (Entwurf I Art. 918,
Entwurf n Art. 912) sollten die Regalrechte, insbeson-
dere
Jagd und Fischerei, weil öffentlichrechtlicher Natur,
der Gesetzgebung der Kantone verbleiben (Erläuterungen
S. 332).
Der Vorbehalt blieb im Gesetz nur deshalb weg,
weil der ganze Abschnitt der Entwürfe über die Rechte
an herrenlosen und an öffentlichen Sachen im Hinblick
auf den Erlass eines eidgenössischen Spezialgesetzes über
die Rechte an Gewässern ausgeschieden wurde. Das
Jagdregal wird somit, auch wenn man darin ein privates
Aneignungsrecht zu erblicken hat, vom ZGB nicht be-
rührt, sondern es verbleibt
unter Vorbehalt der eidge-
nössischen Jagdpolizeigesetzgebung aussChliesslich Sache
der
Kantone (siehe VVIELAND, Sachenrecht, S. 154).
2. -Aus dem Gesagten folgt, dass nicht nur der
Inhalt des Rechts, welches der Kläger durch die Ver-
steigerung des Jagdreviers der Gemeinde Schupfart er-
worben haben will, sich nach kantonalem Recht bestimmt,
sondern dass auch die Verfügungsgewalt der Gemeinde
und die Uebertragullg des Rechts auf den Ersteigerer
ausschliesslich vom kantonalen
Recht beherrscht wird.
Hieran
ändert es nichts, dass in concreto, wie allge-
mein üblich, die Uebertragung bezw. Einräumung des
Jagdrechts
an den Privaten in der Form der öffentlichen
Versteigerung
stattfand, und dass das Bundesgesetz über
das OR Bestimmungen über die Versteigerung enthält;
denn diese Bestimmungen gelten, kraft eidgenössischen
Rechts,
nur für solche Rechtsgeschäfte, die ihrer Natur
nach dem eidgenössischen Recht unterliegen; sie bezie-
hen sich ausdrücklich auf den Kaufvertrag
(OR Art.
229).
Wenn daher die Vorinstanz auf eine Prüfung der Frage
410 Prozessrecht. N° 50.
eingetreten ist, ob die in Schupfart vollzogene Verstei-
gerung den Vorschriften des Art. 229
OR, speziell des
Art.
230, entsprochen habe, so konnte das nur in der
Meinung geschehen sein. dass sie als ergänzendes kan-
tonales
Recht Anwendung finden. nicht aber in dem Sinne,
dass sie unmittelbar kraft eidgenössischen Gesetzes
Platz
greifen.
3. -
Kommt also für die Beurteilung . des ersten
Rechtsbegehrens ausschliesslich kantonales Recht zur
Anwendung, so trifft das, aus den gleichen Gründen,
auch für die Rechtsbegehren 2 und 3 der Klage zu.
Demnach
hat das Bundesgericht
erkannt:
Auf die Berufung wird nicht eingetreten.
50. Urteü der n. Zivilabteilung vom 9. Juni 1915
i. S. St. Gallische ltantonalbank, Klägerin, gegen Xuhn
und Genossen, Beklagte.
- Das intertemporale Recht des SchlT ZGB bezieht
sich nur auf das Privat-und nicht auf das öffentliche Recht.
-2. Auslegung der Art. 3, 4,26 und 33 SchlT ZGB.
A. -Am 13. September 1909 erkannte der Gemeinde-
rat von Buchs, dem die Beklagten angehörten, zu Gun-
sten der Klägerin einen Pfandbrief von
26,000 Fr. auf
die Glockengiesserei nebst Kohlenmagazin
und Hofstatt
der Firma Max Grensing Söhne in Buchs. Nach Art. 8
des st. galler Gesetzes über
das Hypothekarwesen vom
- Januar 1832 ist der Pfandbrief eine Verschreibung
auf doppeltes
Unterpfand, d. h. es muss dabei der Wert
des Unterpfandes das Doppelte der Kapitalsumme er-
reichen. Der Pfandbrief wird durch
Erkanntnis des Ge-
meinderates auf Grund eines von zwei Gemeinderats-
Prozessrecht. .., "
mitgliedern und dem Gemeinderatsschreiber aufgestellten
Kopeientwurfes begründet. Dieser Entwurf enthält
eine Beschreibung über das Mass des Flächeninhaltes
des
Unterpfandes, die darauf haftenden Rechte und
Beschwerden, sowie eine eidliche Schatzung über den
Wert des Grundstückes, wie er aus dem Verkehr mit
Gütern oder ihrem Ertrag in der Gemeinde ausgemittelt
werden kann. Nach Art.
24 des Gesetzes ist der Ge-
meinderat
für den Schaden, der aus der Nichtbefolgung
der gesetzlichen Vorschriften über die Errichtung
der
Kopeien entsteht, verantwortlich. Gemäss Art. 25
haftet er für das verschriebene Kapital, bedeu1ende Be-
schädigung durch Naturereignisse ausgenommen, von
dem Tage der
Erkanntnis eines auf doppeltes Unterpfand
erkannten Pfandbriefes vier Jahre lang mit und neben
den Schätzern, die, wenn der Gemeinderat die Schatzungs-
summe nicht erhöht hat, in
zweifachu Eigenschaft, näm-
lich als Schätzer
und Gemeinderäte, zu befassen sind.
Nachdem die Klägerin den am
13. September 1909 er-
kannten Pfandbrief am
13. September 1912 gekündet
und am 14. Juli 1913 gegen die Hypothekarschuldnerin
Betreibung auf Grundpfandverwertung eingeleitet
hatte,
wurde über die Hypothekarschuldnerin der Konkurs er-
öffnet, in welchem sich am
15. Juni 1914 bei der Ver-
wertung der Pfandobjekte für die Klägerin ein Kapital-
ausfall von
7261 Fr. ergab. Mit der vorliegenden Klage
verlangt nun die Klägerin gestützt
auf Art. 25 des
st. galler Gesetzes über das Hypothekarwesen von den
Beklagten
ErSatz dieses Betrages nebst Zins zu 5 % seit
26 . .luni 1914. Die Beklagten haben auf Abweisung der
Klage geschlossen. Sie bestreiten ihre
Haftung aus
Art.
25 leg. cit. in erster Linie mit Hinweis darauf, dass
durch Art.
237 Ziff. 26 und Art. 209 des st. galler Ein-
führungsgesetzes zum Zivilgesetzbuch das st. galler
Gesetz über das Hypothekalwesen aufgehoben
und die
alten Pfandbriefe den Schuldbriefen des neuen Rechts
gleichgestellt worden seien; überdies berufen sie sich auf